DEM U20w und U15m in Bochum
U20w: Kerstin Wessels (SV Turm Ganderkesee)
U15: Christian Lankenau (Findorffer SF)


Bericht erschienen in den Bremer Schachmusikanten


Zu diesen von der SG Bochum 31 ausgerichteten Jugendmeisterschaften schickte die Bremer SJ eine dreiköpfige Delegation, bestehend aus Mädchenmeisterin Kerstin Wessels (Turm Ganderkesee), C-Jugend-Meister Christian Lankenau (SF Findorff) sowie dem Berichterstatter als "Teamchef".

Die Organisation der Veranstaltung lag bei Norbert Franke, dem Spielleiter des Ausrichtervereins, in guten Händen. Ihm gelang es, obwohl er offenbar nur auf familieninterne Unterstützung zählen konnte, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Für die Unterbringung der Teilnehmer und Betreuer hatte er die Unterstützung des Arcade-Hotels gewonnen.

Die Zimmer dort waren ziemlich eng, doch waren sie dafür mit (Kabel-) Fernsehen ausgerüstet, was wegen der gleichzeitig stattfindenden Olympiade in Barcelona einen oft genutzten Komfort darstellte.

Gespielt wurde in Räumen der Wirtschaftsakademie, die vom Hotel bequem in wenigen Minuten zu Fuß erreicht werden konnten. Ein Erschwernis für die Betreuer bestand allerdings darin, daß um vom Mädchenturnier zu C-Jugend zu gelangen, drei Treppen zu bewältigen waren. Die Runden begannen mit Ausnahme der beiden Schlußrunden stets um 1330 Uhr. Da Organisator Franke meist zwischen 10 und 11 Uhr die Partien des Vortags kopiert und verteilt hatte, fand am späten Vormittag in der Regel eine kurze Vorbereitungssitzung statt.

Zum Turnier der Mädchen:

Silvia Bürvenich aus Neu-Isenburg in Hessen, die kurz vorher auf der Jugendweltmeisterschaft schon für Aufsehen gesorgt hatte, siegte ganz überlegen mit 8,5/9. Sie überzeugte durch routiniertes, sicheres Spiel, wobei sie sich auch in taktischen Verwicklungen gut zurecht fand. Als Beispiel möge ihr Sieg gegen die Titelverteidigerin dienen:

Berndorff - Bürvenich (DEM U20w 1992)
1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.c4 c5 4.e3 Lg7 5.Sc3 0-0 6.Le2 cd 7.ed d5 8.0-0 Sc6 9.Se5?! Hier sollte analog der Tarrasch-Verteidigung des Damengambits, was hier mit vertauschten Farben und weißem Mehrtempo erreicht wurde, 9.Te1 geschehen. 9.... dc 10.Sc6: bc 11.Lc4: Lg4 12.Da4 Sd5 13.Dc6: Mutig und konsequent 13.... Sc3: 14.bc Tc8 15.Da4 Ld7 16.Db3 Da5 Schwarz verfügt für den geopferten Bauern über gefährliche Drohung. Im Moment droht direkt 17.... La4. Weiß fand nun keine befriedigende Verteidigung und verlor schnell. Erzwungen erscheint 17.a4! Sowohl nach 17.... Dc7 18.Lb5 als auch nach 17.... Tb8 18.Lf7:+ Kh8 19.Dd5 ist der Ausgang der Partie noch völlig offen. 17.Db7? Tc7 18.Dd5 Dc3: 19.La6 Le6 20.De4 Da1: 21.Lf4 Da2: 0-1

Kerstin Wessels hatte mit zwei Niederlagen einen schlechten Start. Sie konnte sich dann aber steigern und errreichte schließlich 3 Punkte, was in etwa den Erwartungen (nach DWZ und "Setzliste") entsprach. Ihre oftmals besseren Stellungen konnte sie - meist infolge von Zeitnot - nur selten in einen vollen Punkt verwandeln.

Hier nun ihre Gewinnpartie aus der letzten Runde:

Wessels - Noll (DEM U20w 1992, Runde 9)
1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Lg5 Lg7 4.Sbd2 d5 5.e3 0-0 6.Le2 Sbd7 7.0-0 c5 8.c3 c4?! 9.Dc2 Gut war hier auch 9.b3, da 9.... b5 10.a4 Schwarz in Schwierigkeiten bringt. 9.... b5 10.e4 Sb6 11.e5 Lf5 12.Dc1 12.Dd1!? 12.... Sfd7 13.Sh4 Le6 14.Sdf3?! Nun kommen die weißen Figuren am Königsflügel in Gefahr. Besser war daher 14.Le3 nebst f4. 14.... f6 15.ef? Viel besser war es, diesen Tausch zu unterlassen und direkt 15.Lh6 zu spielen. Nach 15.... Lh6: 16.Dh6: g5 17.Sg5: fg 18.De6:+ verliert Weiß im Unterschied zur Partiefolge keine Figur. Deshalb sollte Schwarz direkt 15.... g5 fortsetzen. Nach 16.Lg7: (Nicht 16.Sg5:? Lh6: 17.Se6: Lc1: Sd8: Lg5!-+) 16.... Kg7: 17.Sg5: fg 18.Dg5:+ Kh8 19.f4 hat Weiß zwei Bauern für die Figur und Initiative am Königsflügel. 15.... ef 16.Lh6 Lh6: 17.Dh6: g5 18.Sg5: fg 19.De6:+ Kh8 Nun sieht man das Unglück. Auf 20.Sf3 gewinnt Te8 den Le2 20.Sf5 Tf6 21.De3 Tf5: 22.Lg4 Tf8 Schwarz sollte nun gewinnen, aber... 23.Dh3 Sf6 23.Lf5 Sc8?! 25.f4 gf 26.Tf4: Sd6 27.Lg6 Weiß ist es gelungen, am Königsflügel ein wenig Verwirrung zu stiften. Mit durchschlagendem Erfolg nach 27.... Tg8?? Nach z.B. 27.... Kg7 ist nicht viel los. 28.Tf6: Tg6:? Tg7 29.Tg6: De7 30.Tf1 Se4 31.Te6 Dd7 32.Df5 Te8? 33.De5+ 1-0

Bei den unter 15-jährigen siegten die beiden jüngsten. Sowohl der 13-jährige Sieger Alexander Naumann (Wolfen/Sachsen-Anhalt), ebenfalls von erfreulich verlaufener Jugendweltmeisterschaft nach Bochum gekommen, als auch der 12-jährige Martin Senff (Meschede / NRW) hätten noch in der U13 starten dürfen. Während man den Sieg von Alexander erwarten durfte, kam der 2. Platz von Martin überraschend. Alexander spielte sehr beständig, blieb ungeschlagen und wurde durch folgende Partie aus der letzten Runde, die seinen angriffsfreudigen Stil dokumentiert, alleiniger Erster.

Naumann - Fuhrmann (DEM U15 1992, 9. Runde)
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cd 4.Sd4: Sf6 5.Sc3 d6 6.g3 a6 7.Lg2 Le7 8.0-0 Dc7 9.Le3 Sbd7 10.De2 Tb8 11.f4 Sc5 12.Tad1 0-0 13.g4 Damit eröffnete Weiß die Kampfhandlungen. 13.... Se8 14.g5 f6?! Schwächt den Punkt e6. Besser gleich b5. 15.h4 b5 16.a3 b4 17.ab Tb4: 18.f5!? Da Weiß keine bequeme Deckung des b2-Bauern hat, wird er geopfert. 18.... Tb2: 19. fe Se6: 20.Sd5 Dd7 21.Sf5 Ld8 Durch das Bauernopfer hat weiß die Initiative übernommen. die weißen Felder sind infolge von 14.... f6?! völlig in weißer Hand. 22.Lh3 Kh8 23.Dc4 Db7 24.Lg2 Db8 Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Weiß hier ohne Plan "herumstochert". Doch die gegnerische Zeitnot wird es richten. 25.Sd4 Ld7 Nach 25.... Sd4: 26.Ld4: Tb5 27.Dc3 gibt es Sorgen auf f6. 26.gf gf (26.... Sf6!?) 27.Tf2 S6g7 28.Da6: Lb5? Der entscheidende Fehler. Nach 28.... Tb1 29.Tb1: Db1:+ 30.Kh2 Db8 muß Weiß die Verteidigung erst noch durchbrechen. 29.Da3! Ld7 30.Sb3 Tb3: 31.Db3: und Weiß gewann im 44.Zug 1-0

Hinter Alexander, Martin und dem zweiten NRW-Spieler Christian Reinöhl (Aachen) belegte Christian Lankenau den ungeteilten 4. Rang. Dieses erfreuliche Abschneiden ist Christians gutem Spiel mit den weißen Steinen (3/4) und seiner taktischen Schlagfertigkeit zu verdanken. Auch er startete schlecht ( aus 2). Doch kam er dann in Schwung und landete drei Siege in Folge. In Runde 6 kam es zum Duell des Größten bzw. Längsten (Christian) mit dem kleinsten (Martin Senff). Differenz: ca. ein halber Meter. Doch blieb der "David" verdienter Sieger. Christian ließ sich dadurch nicht verdrießen und holte nocheinmal 2 aus 3, was ihm den 4. Platz einbrachte.

Trotz des Erfolges deckte die Meisterschaft aber auch Schwächen auf. Beide Niederlagen Christians resultierten aus mangelnder Beherrschung von Theorie und Strategie der Scheveninger Variante der Sizilianischen Verteidigung. Die folgenden zwei Partien zeigen aber Christians Stärken:

Lankenau - Lang (DEM U15 1992)
1.e4 c6 2.f4 Lang gilt als theoretisch recht beschlagen, deshalb lenkt Christian die Partie auf ein theoretisches Nebengleis. 2.... d5 3.Sc3 de 4.Se4: Sf6 5.Sf2 e6 6.Sf3 Dc7 7.g3 Ld6 8.Sd3 b6 9.Lg2 Lb7 Zu schematisch. 9.... La6 kam stark in Betracht. 10.b3 c5 11.Lb2 Sbd7 12.0-0 0-0 Dito 12.... c4!? 13.De2 b5 14.Sde5 Db6 15.c4 Weiß hat seine Ideen durchgesetzt und steht etwas besser, während Schwarz offensichtlich nicht viel einfällt. 15.... La6? 16.d3 Tad8 17.Tad1 Lb7 18.Tfe1 h6?! Eine Schwächung, die Weiß direkt nutzt. 19.g4 Le5: Getreu dem Motto: Was in den Strafraum kommt, wird rausgehaun. 20.Se5: Lg2: 21.Dg2: Se5: 22.Le5: Sd7 23.g5 hg? Danach klatscht das Leder ins Netz, um im Fußballjargon zu bleiben. Nötig war 23.... Se5: 24.Te5: hg 25.Tg5: g6. Allerdings sieht der wieße Angriff nach 26.Kh1!, was 27.Tg6:+ fg 28.Dg6:+ Kh8 29.Dh6+ Kg8 30.Tg1+ Kf7 31.Tg7+ Ke8 32.Dg6+ nebst Matt droht, entscheidend aus; z.B. 26.... hg7 27.Tg1 e5 28.f5 Td6 29.De4! 24.Lg7:! Da der Läufer nicht zu nehmen ist - wegen 25.Dg5:+ nebst Te3 -, hätte Schwarz hier aufgeben sollen. Der Rest ist uninteressant. Im 30. Zug 1-0

Lankenau - Wolff (DEM U17 1992)
1.e4 c5 2.Se2 Sc6 3.Sbc3 Diese Zugfolge vermeidet die Lieblingsvariante Wolffs im offenen Sizilianer, nämlich: 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cd 4.Sd4: e5. 3.... e5 Es drohte "subjektiv" 4.d4 mit Übergang in andere Sizilianischvarianten. 4.Sd5 g6 5.Sec3 Dafür wurde der Springer auf e2 und nicht auf f3 gebraucht. 5.... Lg7? Durch die gegnerische Eröffnungswahl aus dem Konzept gebracht, begeht Schwarz einen Fehler. Nötig war 5.... a6. 6.Sb5! Kf8 Nicht zu umgehen. 7.Sd6 Schwarz ist eingeschnürt. 7.... Sf6 8.Lc4 Sa5 9.De2 Se8 9.... Sc4: 10.Dc4: Sd5: 11.Dd5:+- 10.Se8: Ke8: 11.0-0 Weiß geht im folgenden daran, die Stellung zu öffnen, um an den gegnerischen König heranzukommen. 11.... d6 12.f4 ef 13.Sf4: Tf8 14.Ld5! Sc6 15.c3 De7 16.Db5! verhindert Le6 16.... Dc7 17.d3 a6 18.Da4 Ld7 19.Db3 Sd8 Es drohte 20.Lf7:+ Tf7: 21.Df7:+ 20.Le3 Dc8 21.d4 Tb8?! Besser 21.... cd 22. cd Tb8, da Weiß nun mit 22.dc dc 23.Db6 mit der Idee Lc5: hätte fortsetzen können. 22.Db6?! cd 23.cd Lc6 24.Tac1 Dd7 25.Lc6: Sc6: 26.d5 Weiß dringt über die c-Linie entscheidend ein. 26.... se5 27.Tc7 Dd8 28.Tfc1 Lh6 29.g3 Lf4: 30.Lf4: Sd3 31.T1c3 Sf4: 32.gf h5 Hilflosigkeit 33.e5! Sprengt die letzte Verteidigungsbastion. 33.... de 34.d6 Tg8 35.Te7+ Kf8 36.T3c7 Tg7 37.fe Die schwarze Stellung bietet ein Bild des Jammers. 37.... Tc8 Es drohte 38.Db3 38.Db7: Tc7: 39.Dc7: Da8 40.d7 1-0(40.... Ke7: 41.d8D+ Ke6 42.D8d7++)

Ohne nach dem Fehler im 5.Zug noch viel falsch gemacht zu haben, kam Schwarz nicht mehr auf die Beine. Eine sehr gute Partie von Christian.

Zum Abschluß der Meisterschaften, die im übrigen von den beiden Turnierleitern Marion Domrath und Rafael Müdder souverän geleitet wurden, versammelten sich Teilnehmer, Betreuer und die Vertreter der örtlichen Politprominenz und Presse zur Siegerehrung. Alle Teilnehmer erhielten Preise (in der Mehrzahl Schachbücher). Außerdem wurden aus beiden Turnieren je eine Partie zur besten gekürt. Bei der C-Jugend fiel die Wahl auf die oben zitierte Partie Naumann-Fuhrmann, während bei den Mädchen eine blasse "Schiebepartie" ausgewählt wurde. Sehr viel besser gefiel m.E. aber die folgende Partie, mit der ich diesen Bericht über eine gelungene und aus Bremer Sicht erfreuliche Meisterschaft abschließen möchte.

Günther - Vogel (DEM U20w 1992, 8. Runde)
1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 de 4.Se4: Sf6 5.Sf6:+ gf 6.c3 Lf5 7.Se2 e6 8.Sg3 Lg6 9.h4 h6?! 9.... h5 10.h5 Lh7 11.Lc4 Dc7 12.Df3 Sd7 13.0-0 Riskant 13.... 0-0-0 14.Lb3 Tg8 15.c4 Ld6 16.Se4 Le4: 17.De4: f5 Schwarz hat starken Angriff. 18.De3 Tg4! 19.d5 scheitert bereits an Lh2+ nebst Th4. 19.f4 Tdg8 20.Tf2 Sf6 21.c5 Provoziert das folgende Opfer. 21.... Lf4: 22.Tf4: Tg2:+ 23.Kf1 Sg4 24.Dd3 Sh2+ 25.Ke1 Tg1+ 26.Ke2 T8g2+ 27.Tf2 Tf2:+ 28.Kf2: Sg4+! 0-1 wegen 29.Kg1: Dh2+ nebst Matt.

Martin Forchert


 

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© 2000 Bremer Schachjugend. Letzte Änderung: 31.03.2000
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