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Allgemeine Jugendarbeit in der DSJ

von Jörg Schulz (schulzjp@aol.com), Referat zur Klausurtagung der DSJ-Kommission 2000, 24.-27. Juli 1993, Bonn

1. Das Referat Allgemeine Jugendarbeit der dsj definiert sich wie folgt:

Der Fachausschuß für Allgemeine Jugendarbeit leitet seine Arbeit von § 11 des KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) her:

»Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.
Zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit gehören:

  1. Außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, politischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller, naturkundlicher und technischer Bildung,
  2. Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit, u.s.f.«

Das klingt sehr theoretisch und abgehoben, doch wir sind nun einmal Teil der Jugendbewegung in Deutschland und sollten deren Grundsätze mittragen. Und letztlich haben wir selbst dies - ob gewollt oder nur so aufgeschrieben, weil man es muß - in unsere Jugendordnung ansatzweise geschrieben:

»Zweck und Aufgabe
2.2 Die DSJ bekennt sich zu den Grundsätzen der Deutschen Sportjugend.
2.4 Die DSJ bemüht sich um sportliche und gesellige Form für eine sinnvolle Erfüllung der Freizeit.
2.5 Die DSJ pflegt die sportliche Kameradschaft und die internationale Verständigung durch das Schachspiel und durch die persönliche Begegnung.«

Der Bundesjugendplan - Richtschnur für die Organisationen, die in Deutschland Jugendarbeit betreiben, also auch für den Sportbereich, wenn er über die Meisterschaftsabwicklung hinaus aktiv werden will - sagt es wie folgt:

»2.1 Politische Bildung außerhalb der Jugendverbände
(1) politische Bildung soll jungen Menschen Kenntnisse über Gesellschaft und Staat vermitteln, die Urteilsbildung über politische Vorgänge und Konflikte ermöglichen und sie zur Wahrnehmung der eigenen Rechte und Interessen ebenso wie der Pflichten und Verantwortlichkeiten gegenüber der Gesellschaft befähigen sowie zur Mitwirkung an der Gestaltung einer freiheitlich-demokratischen Gesellschafts- und Staatsordnung anregen.
2.2 Internationale Jugendarbeit
(1) Internationale Jugendarbeit soll die persönliche Begegnung junger Menschen aus verschiedenen Ländern, ihr gemeinsames Lernen und Arbeiten, den Erfahrungsaustausch von Führungskräften der Jugendarbeit sowie die Zusammenarbeit der Träger der Jugendhilfe über die Grenzen hinweg ermöglichen.
Internationale Jugendarbeit soll jungen Menschen helfen, andere Kulturen und Gesellschaftsordnungen sowie internationale Zusammenhänge kennenzulernen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und die eigene Situation besser zu erkennen. Sie soll ihnen darüber hinaus bewußt machen, daß sie für die Sicherung und demokratische Ausgestaltung des Friedens und für mehr Freiheit und soziale Gerechtigkeit in der Welt mitverantwortlich sind.
2.3 Kulturelle Bildung
(1) Kulturelle Bildung der Jugend soll jungen Menschen die Teilhabe am kulturellen Leben der Gesellschaft erschließen. Sie soll zum differenzierten Umgang mit Kunst und Kultur befähigen und zu eigenem gestalterisch ästhetischen Handeln, insbesondere in den Bereichen Musik, Tanz, Spiel, Theater, Literatur, bildende Kunst, Architektur, Film, Photographie, Video und Tontechnik anregen.
2.4.1 Sportliche Jugendbildung
(1) Sportliche Jugendbildung soll durch Angebote, in denen sich Jugendarbeit und Sport sinnvoll ergänzen, zur körperlichen, geistigen und seelischen Entfaltung junger Menschen beitragen.
2.6.3 Eingliederung junger Aussiedler und Zuwanderer
(1) Jungen Menschen aus den Aussiedlungsgebieten und der DDR sowie Berlin (Ost) soll bei ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Eingliederung geholfen werden. (Fassung 1985)
2.7 Jugendarbeit mit Behinderten
(1) Junge Behinderte sollen durch Angebot der Begegnung und des gemeinsamen sozialen Lernens von Behinderten und Nichtbehinderten durch Einbeziehung in die allgemeine Jugendarbeit sowie durch das Engagement in Selbsthilfegruppen in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit gefördert und zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und zur Übernahme sozialer Verantwortung befähigt werden.
2.11 Zentrale Jugend- und Studentenverbände
(2) Zuwendungen können
b) der deutschen Sportjugend und ihren Mitgliedsverbänden gegeben werden.«

2. Bedeutung der allgemeinen Jugendarbeit für die Deutsche Schachjugend

Um die Bedeutung des Bereiches 'Allgemeine Jugendarbeit' für die DSJ umreißen zu wollen, muß man sich darüber klar werden, wie wir uns verstehen, was wir wollen.

Klein aber fein sein - oder: Ein Angebot für viele bieten?

Die zwei Möglichkeiten gibt es für uns. Klein aber fein sind (bleiben) wir, wenn wir davon ausgehen, daß die Jugendlichen, die wir an uns binden, Schachfanatiker sind, nur den Schachsport betreiben wollen, und eben wegbleiben, wenn das Interesse an der intensiven Beschäftigung mit der Sportart Schach nicht mehr befriedigt werden kann. Das bedeutet, wir kümmern uns nicht um die Hobbyschachspieler, um die 'launischen Phasenspieler', die gerne auch mal etwas anderes ausprobieren, die sich nicht gerne festlegen lassen.
Um das hier vertiefen zu wollen, müßte man jetzt verstärkt in die Jugendkultur in Deutschland einsteigen, die Zeitströmungen beleuchten etc. Doch dies scheint mir an dieser Stelle zu weit zu gehen.
Meine Vereinserfahrungen sagen mir, daß bei zirka 40 Jugendlichen im Verein darunter 5 bis 10 Jugendliche sind, die Schach intensiv betreiben möchten, die dafür Zeit opfern, die bereit sind, hart zu trainieren etc. Was geschieht mit dem Rest? Mit den 35 bis 30 Jugendlichen, die bereit sind, relativ regelmäßig zu kommen, Pausen von einigen Wochen zwischendurch sind einzuplanen, für die eine Fete, ein Einkaufsbummel etc. oft wichtiger sind?
Sie sind erfahrungsgemäß interessiert am Schach als Hobby, lassen auch Trainingseinheiten über sich ergehen, bleiben sogar über das Jugendalter hinaus dem Verein treu, sogar als Spieler - wenn man sie richtig anspricht.

Die entscheidende Frage ist: Will man das?

Sie kosten Geld, Kraft, Personal, ohne das je - aus schachlicher Sicht - aus ihnen etwas wird! Sie springen vielleicht sogar auch nach der Jugendzeit - meist nach Beendigung der Schule - wieder ab, sich zwar positiv an die Zeit in der Gruppe erinnernd, doch jetzt mit wichtigeren Dingen beschäftigt.
Können wir die Frage nach dem, was wir wollen, eigentlich so beantworten, daß wir nur die Jugendlichen ansprechen wollen, die leistungssportlich interessiert sind? Können/dürfen wir das, wenn wir uns gleichzeitig an den Grundsätzen der dsj orientieren?
Wir stehen vor der Frage nach den Aufgaben der verschiedenen Untergliederungen eines Sportverbandes.
Der Verein erfüllt im Rahmen seiner Möglichkeiten viele Anforderungen an eine allgemeine Jugendarbeit, die über den rein sportbezogenen Rahmen hinausgeht. Reicht uns das? Immerhin können wir ja sagen, in der DSJ wird allgemeine Jugendarbeit betrieben!
Dürfen wir uns - nur weil wir ein Sportverband sind - darauf zurückziehen?
Haben wir nicht auch eine Verantwortung gegenüber den Vereinen, müssen wir ihnen bei ihrer Arbeit nicht Hilfestellung geben, und zwar nicht nur durch Rahmentrainingspläne?

Die Bedeutung dieses Themenbereiches für die DSJ liegt darin, daß sich der Verband fragen muß, fragen lassen muß, wie er sich definiert, welche Schwerpunkte er setzen will, wie er seine Rolle gegenüber den Vereinen und den übrigen Unterorganisationsebenen sieht, wie die Arbeits-, Aufgabenverteilung aussehen soll?

3. Der Ist-Zustand ist einfach zusammenzufassen:

Die DSJ hat bisher auf allen Gebieten, die kein Leistungssport sind, die über das Organisieren des Spielbetriebes, des Trainingsbereiches hinausgehen, nichts gemacht. Ein erster Ansatz ist allerdings das Sommerlager seit der Vereinigung.
Das führt natürlich auch dazu, daß die Möglichkeiten und Mittel des Bundesjugendplanes nichts genutzt wurden, oder nur unter großen Verrenkungen, um es nicht deutlicher zu formulieren. Ich denke, daß dem Verband dadurch Tausende von Mark, aber auch Attraktivität entgangen sind, denn der Verband zeigt sich der Öffentlichkeit gegenüber nur als Organisator des Spielbetriebes.
Derzeit ist auch kaum zu erkennen, daß eine Änderung geplant ist, weshalb ein Ausblick nicht zu Hoffnungen Anlaß gibt. Eine schnelle Änderung ist auch schwer zu erzielen, denn wer die verschiedenen Töpfe des Bundesjugendplanes in der Vergangenheit nicht genutzt hat, kommt schwer an die zu vergebenen Geldmittel heran.

Der Schwerpunkt sollte daher darin liegen, durch Modellmaßnahmen die Aktivitäten der Vereine zu unterstützen und Hilfestellung zu geben.

4. Ideen

4a. Ein jährlicher Jugendschachtag

Der Jugendschachtag könnte regelmäßig jährlich oder in einem Zweijahresrhythmus wie die Bundesjugendtreffen der dsj durchgeführt werden. Man müßte versuchen, den Vereinen ein buntes Schachprogramm zu bieten, Blitz, Schnellschach, sportliche Wettkämpfe mit andersartigen Schachkämpfen (Rucksack-Schach aus NRW, Schach als Geländespiel etc.), andere Sportvergleichskämpfe, Fußball, Tischtennis, Großmeister zum Anfassen, Diskussionsforen etc.
Der Jugendschachtag sollte ein Zusammentreffen der Vereine des Bundes sein mit einem interessanten Angebot, wo man Kontakte knüpft, wo man einfach gerne hinfährt. Deshalb sollte Musik, Lagerfeuer etc. nicht fehlen.

4b. Modellmaßnahmen

Die DSJ muß den Vereinen helfen, entweder durch dokumentierte Modellmaßnahmen, die auch in Richtung Sozialarbeit gehen können, Zusammenarbeit mit Behinderten, Schach in Jugendheimen etc. Man müßte für einzelne Maßnahmen Vereine gewinnen, und mit ihnen Ideen entwickeln, die von anderen Vereinen nachempfunden werden können, also nicht zu speziell ausfallen. Diese Ergebnisse sind hinterher zu dokumentieren und in Broschürenform zu veröffentlichen.

Daneben sollte die DSJ interessante Lehrangebote machen, die sich an der Arbeit der Vereine orientieren, wie der diesjährig geplante Lehrgang zur Medienarbeit mit Computernutzung und Photographie.
In dieses Gebiet fällt auch, Hilfsmittel für Vereine zu erstellen, damit sie zumindest ihre Jugendarbeit verbessern können, zum Beispiel: Wie organisiere ich ein Ferienlager, eine Ferienfreizeit. Dazu gibt es zwar allgemeine Literatur, aber man kann dies auch speziell für den Schachverein schreiben.

4c. Internationale Begegnungen

Durch Holger Borchers wurde öfter schon der DSJ klar gemacht, daß die DSJ zum Ostblock keine Beziehungen hat, die Länder des Ostblocks in den Köpfen der Jugendfunktionäre der alten Bundesländer weiße Flächen sind. Deshalb wären Jugendbegegnungen mit diesen Ländern durchzuführen mit Funktionären der DSJ und der Länder, um sich vor Ort zu informieren und Kontakte aufzubauen. (Mutiplikatorenlehrgänge)
Aktuell böte sich Polen an, da gerade der Aufbau des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes begonnen hat. Das gleiche wäre mit Rußland möglich, wo ebenfalls ein Ansprechpartner (Stiftung zur Förderung des Jugendsportes) vorhanden wäre. Aus diesen Informationsveranstaltungen könnten sich dann Jugendbegegnungen entwickeln.

4d. Zusammenarbeit mit anderen Verbänden

Es ist zu prüfen, ob nicht auch sinnvolle Angebote mit anderen Verbänden erdacht werden können. Zum Beispiel habe ich mal locker mit dem Jugendverband der Luftsportjugend gesprochen, um das Angebot 'Schach und Ballonflug' durchführen zu können. Interesse besteht für diese Ideen bei dem angesprochenen Verband.

4e. Gestaltung von Jugendmeisterschaften

Hierfür bietet sich modellartig die Zusammenarbeit mit einem Landesverband an, um mal ein Konzept für die Gestaltung (Rahmenprogramm etc.) einer Jugendmeisterschaft zu erarbeiten.

4f. Workshops zu aktuellen Themen

Die Schachjugendarbeit findet nicht losgelöst von der Gesellschaft statt. Wer über einen längeren Zeitraum Jugendarbeit betreibt, hat darüber Erfahrungen gesammelt, wie sich die Jugendkultur verändert. Deshalb sollte die DSJ Workshops mit Fachleuten für Jugendfunktionäre durchfuhren, die eine Weiterbildung für die Jugendfunktionäre sein sollen, zum Beispiel mit dem Thema 'Jugend und Gewalt'. Hierbei kann man auch mit anderen Verbänden, mit der dsj zusammenarbeiten.

4g. Identifikation mit allgemeinen politischen, sozialen Themen

Der Jugendverband kann/sollte auch allgemeine Themen der Gesellschaft aufgreifen, die ruhig einen Jugendspezifischen Bezug haben sollten. Zum Beispiel ist in diesem Jahr Hamburg und damit Deutschland Partnerstadt der UNICEF (Kinderhilfsorganisation). Warum nicht zum Beispiel alle Jugendmeisterschaften innerhalb der Länder unter dieses Motto stellen und von jedem Startgeld 1 DM für diesen Zweck abzweigen (oder für Aktion Sorgenkind etc.)?
Nebenbei bemerkt kann man das auch öffentlichkeitswirksam ausschlachten. Man kann in unregelmäßigen Zeitabständen verschiedenen Themen aufgreifen, man kann sich aber auch als Verband für eine Aktion aussprechen und jährlich verschiedene Veranstaltungen dafür planen und realisieren, damit der Verband einen festen Bezug zu der Hilfsmaßnahme und Initiative erhält und sich damit identifizieren kann. Eine ewiges Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Initiativen und Hilfsfonds kann als Alibiaktionismus ausgelegt werden. Eine langfristige Verbindung mit einer Hilfsmaßnahme hingegen wird zu einer ständigen Beschäftigung mit dieser Hilfsmaßnahmen und zu verschiedenen Eigeninitiativen auf allen Ebenen führen, eventuell zu dauerhaften Partnerschaften.

5. Kosten

Die Kosten sind wie immer schwer zu schätzen, sie dürften aber zwischen 5.000 bis 10.000 DM pro Jahr liegen. Selbst wenn man an Zuschußtöpfe gelangt, sind auch immer Eigenmittel aufzubringen, die natürlich auf die Teilnehmer umgelegt werden können, wie bei Lehrgängen, beim Jugendschachtag, doch sind gerade auch Broschüren, Modellmaßnahmen abhängig vom finanziellen Angebot des Verbandes.
Man kann einen festen Betrag dafür in den Etat einstellen, es kann aber auch flexibel von Jahr zu Jahr neu geplant werden. Bei den ständigen Verteilungskämpfen sollte aber eher an einen regelmäßigen festen Betrag gedacht werden, der dann, bei wenig Ideen, in andere Bereiche eingeht.

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© 1993 Jörg Schulz / Deutsche Schachjugend