Oberhof in Thüringen: Deutsche Jugendeinzelmeisterschaften 99

von Oliver Höpfner

Zum zweiten Mal nach 1998 fanden die Deutschen Jugendmeisterschaften - diesmal vom 22. bis 30. Mai - im idyllischen Wintersport Oberhof in Thüringen statt. Wie im vergangenen Jahr wollten auch 1999 zwölf Bremer Schachrecken Ruhm und Ehre sowie viele Punkte für die Bremer Farben erringen.

Unterstützt bei diesem Vorhaben wurden die Aktiven von einer ganzen Reihe von Betreuern und Eltern, die sowohl im schachlichen Bereich tätig waren als auch auf dem Gebiet der Organisation des Tagesablaufs in den von uns Bremern gemieteten Apartments einiges zu bewerkstelligen hatten. Dies waren Renate Buncke, Oliver Höpfner, Arnd Lauber, Malte Meyer, Tamari Patschulia, Ulrike Schlüter sowie als mitbetreuende Eltern Frau Brehmer, Herr Schneider und Frau Walther. Extra hervorzuheben ist hier auch das besondere Engagement von Gerold Menze, der einen großen Anteil an der Lösung der Transportprobleme von Bremen nach Oberhof und zurück hatte.

Die wie schon im Vorjahr von der Bremer Schachjugend gemieteten Ferienwohnungen in unmittelbarer Nähe des Spiellokals boten auch in diesem Jahr bessere Möglichkeiten der schachlichen Arbeit als das als Spiellokal dienende Hotel, in dem der Großteil der DJEM-Teilnehmer untergebracht war. Auch kulinarisch waren deutliche Pluspunkte gegenüber der Hotelunterkunft festzustellen. Renate Buncke, Katja Fahrenholz sowie Frau Brehmer bekochten uns exzellent und mit viel Zeitaufwand, weshalb an dieser Stelle noch einmal ganz herzlicher Dank angebracht ist.

Auch diesmal bot das Freizeit-Team der Hamburger Schachjugend ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm mit Sport, Ausflügen, Mitmach-Aktionen und Theater für die Kleinen an. Besonders begehrt war die tägliche Turnierzeitung »Demo« bei Groß und Klein, die alle Beteiligten mit vielen Infos, Rätseln und Humor auf den Tag einstimmte.

Nun aber chronologisch zum schachlichen Teil der Meisterschaften:

DEM U18

Der Bremer U18 Titelträger Gerhard Riewe (SK Delmenhorst) startete mit zwei Niederlagen in das Turnier. Danach lief es für Gerhard etwas besser. In der Endabrechnung standen für ihn in dem starken Teilnehmerfeld ein Sieg gegen den Brandenburger Prause, drei Remis (gegen Windelband [DWZ 1902], Rakow [DWZ 2082] und Pfaff [DWZ 1934]) sowie fünf Niederlagen zu Buche. Diese 2,5 Punkte aus 9 Partien reichten zu einem 22. Platz, der wohl nicht ganz Gerhards Erwartungen entsprach. Sieger in der U18 wurde etwas überraschend der Badener Rainer Buhmann mit 6,5 Punkten.

Ebenfalls 22. wurde bei der weiblichen Jugend Katja Fahrenholz (SV Werder Bremen), die schachlich durchaus ansprechende Leistungen bot. Sie startete mit einem überraschenden Remis gegen die spätere Turnierfünfte Anna-Luise Heymann (Sachsen, DWZ 1755). In der zweiten Runde mußte Katja aufgrund von gesundheitlichen Problemen schon frühzeitig eine ausgeglichen stehende Partie aufgeben, erspielte sich dann allerdings noch in den folgenden 7 Runden drei Punkte. Der letztlich für Katja sich ergebende 22. Platz mit 3,5 Punkten aus 9 Spielen war für sie recht unglücklich, da alle vor ihr stehenden Konkurrentinnen in den Genuß eines kampflosen Punktes kamen, während sie sich all ihre Punkte hart erkämpfen mußte. Dennoch ein gutes Ergebnis von Katja bei ihrer letzten Jugendmeisterschaft. Den Titel konnte hier souverän Svetlana Polushkina aus Niedersachsen mit einem Punkt Vorsprung vor ihren Kontrahentinnen erringen.

DEM U16

Hier landete Hoang Nguyen (SK Delmenhorst) die größte positive Überraschung aus Bremer Sicht. Mit fünf Punkten aus 9 Partien belegte er völlig unerwartet einen ausgezeichneten achten Rang und sorgte damit für das beste Ergebnis eines Bremers in den höheren Altersklassen (oberhalb U12). Dabei erreichte er achtbare Ergebnisse gegen meist DWZ-stärkere Gegner (z. B. Remis gegen Manuel Feige, DWZ 2146) und spielte sehr engagiertes Schach. Sieger in dieser Altersklasse wurde nicht der hohe Favorit Ferenc Langheinrich, sondern völlig überraschend Thomas Pähtz. Der Sohn des bekannten Großmeisters konnte seinen Kontrahenten mit 7 Punkten um einen halben Punkt auf Distanz halten.

Das völlige Kontrastprogramm zu Hoang bot bei der weiblichen Jugend Andrea Wenke (SK Delmenhorst). Während Andrea im letzten Jahr zu den positiven Erscheinungen im Bremer Team gehörte und damals 4 Punkte aus 9 Spielen machte, erlebte sie in diesem Jahr einen völligen Einbruch und wurde ohne Punktgewinn Letzte. Ursache dieser enttäuschenden Vorstellung von Andrea waren völlig unnötige Partieverluste durch zumeist grobe Einsteller, auf die ihre Gegnerin förmlich warten konnten. Selbst gute Stellungen konnte sie nicht verwerten und am Ende kam, verständlicherweise nach einer solchen Niederlagenserie, noch Resignation dazu. Im nächsten Jahr kann es daher für Andrea im Falle der Qualifikation in der U18 nur besser werden. Siegerin wurde hier in einem Buchholz-Showdown Tina Mietzner mit 7 Punkten

DEM U14

In dieser Altersgruppe startete mit Kai Rudolph (SF Achim) nur ein Vertreter Bremens bei der männlichen Jugend. Die eigentlich für das Mädchen U14-Turnier vorgesehene Syuzanna Ratner (SK Delmenhorst) erwies sich leider als nicht spielberechtigt bei einer DEM und kurzfristig konnte für sie keine »Ersatzfrau« mehr organisiert werden.

Kai belegte mit 2,5 Punkten aus neun Partien einen für ihn zufriedenstellenden 22. Rang. Als Nummer 24 der Setzliste konnte er nach schwachem Start (0 aus 2) immerhin noch zwei Spieler hinter sich lassen und verbuchte neben einem Sieg drei Remis auf seinem Konto. Sieger durch Buchholz-Entscheidung wurde Hannes Rau (SC Tamm) mit 6,5 Punkten.

DEM U12

Einen unangenehmen Beigeschmack hinterließ in dieser Altersgruppe und auch in der U10 die Tatsache, daß sich die DEM zum Teil zeitlich mit der Deutschen Grundschulmannschafts-Meisterschaft in Rotenburg/Wümme überschnitt. Dadurch spielten einige Bremer Spieler (aber auch etliche Spieler aus anderen Landesverbänden!) bei dieser Meisterschaft mit und nicht bei der DEM! Diese Terminüberschneidung beider Turniere ist eine auch im nachhinein äußerst fragwürdige Entscheidung der Deutschen Schachjugend gewesen, da ja gerade durch die Verjüngung der Altersklassen der Nachwuchs bei der DEM gefördert werden sollte, was durch die zeitgleiche Austragung beider Veranstaltungen ad absurdum geführt wurde.

Schachlich ruhten die Bremer Hoffnungen in dieser Klasse auf Andreas Schneider (SK Delmenhorst), der sich sogar berechtigte Aussichten auf den Deutschen Meistertitel machen konnte. Zunächst lief alles plangemäß und von der sechsten bis zur 10. Runde führte er das Feld der 108 Spieler an. In die Schlußrunde ging Andreas mit einem halben Punkt Vorsprung, mußte allerdings mit Schwarz gegen den spielstarken Arik Braun spielen. Während dieser Runde verschwor sich alles gegen Andreas, denn seine Titelkontrahenten spielten so, daß ein Remis für ihn aufgrund der schlechteren Buchhholz-Wertung nur Platz zwei bedeutet hätte. Deshalb setzte er in einer ausgeglichen Stellung alles auf eine Karte und spielte voll auf Sieg. Doch der Mut zum Risiko von Andreas wurde nicht belohnt und er verlor schließlich seine Partie durch Zeitüberschreitung. Vom Spitzenplatz fiel er mit seinen acht Punkten aus 11 Partien auf den fünften Rang zurück. Sieger wurde dadurch nach Buchhholz Kai Christian Meyer aus Hessen mit 8,5 Punkten. Den Siegeslorbeer bei den Mädchen erspielte sich Sandra Krege mit 6,5 Punkten.

Letztlich war das Endergebnis für Andreas natürlich enttäuschend, da der Meistertitel so nah greifbar war wie noch nie. Dennoch sollte er sich nicht allzu sehr grämen, den er bot in Oberhof ein sehr gutes und kämpferisches Schach. Er wird sicherlich auch in Zukunft bei den Deutschen Einzelmeisterschaften ein gewichtiges Wort um den Titel mitreden.

Für die anderen Bremer Teilnehmer in der U12, die allesamt zum ersten Mal ein so großes und schweres Turnier bestritten, stand dagegen weniger die Plazierung als vielmehr der Lerneffekt im Vordergrund. Johann Hinrich Brehmer (SV Werder Bremen) erreichte mit 4,5 Punkten einen für ihn guten 86. Platz. Johann Hinrich bot vor allem im Endspiel gutes Schach, verdarb allerdings durch einige taktische Fehler gute Stellungen, so daß sogar noch eine bessere Plazierung möglich gewesen wäre. Dies galt auch für Christian Walther (SV Werder Bremen), der sich nach schwachem Beginn (0 aus 3) deutlich steigern konnte und mit 4 Punkten einen zufriedenstellenden 95. Rang belegte. Auch bei ihm wäre bei etwas besserer Chancenauswertung mehr drin gewesen, aber auch so war für ihn das Turnier ein großer Erfolg. Unglücklich agierte in diesem Turnier die Bremer U12-Meisterin Johanna Buncke (SV Werder Bremen), die mit 2 Punkten nur den 107. Platz erreichen konnte. Johanna bot sehr engagiertes Schach und spielte meist am längsten von allen Bremern in dieser Gruppe. Knackpunkt für sie war ihre Niederlage in der 5. Runde, in der Johanna eine Gewinnstellung nach gutem Spiel leider durch einen Dameneinsteller völlig verdarb. Danach lief für sie nichts mehr so richtig zusammen. Dennoch dürfte Johanna bei diesem Turnier viele neue Erfahrungen für ihre schachliche Weiterentwicklung gewonnen haben.

DEM U10

In dieser Altersklasse starteten nur Teilnehmer des SV Werder Bremen. Dabei erreichte der turniererfahrene Constantin Buncke, der auch schon im letzten Jahr bei der DEM mitspielte, 50 Prozent der möglichen Punkte (5,5 aus 11) und damit einen äußerst beachtlichen 53. Rang von 104 Teilnehmern. Constantin zeigte in seinen Partien meist ein enorm cleveres und aktives Schach und hätte durchaus noch etwas weiter oben mitspielen können, wenn sein Spiel größere Konstanz aufweisen würde. Gute Partien wechselten sich manchmal aber mit ziemlichen Katastrophen ab. Dennoch war diese DEM für ihn ein sehr gutes Turnier, was auch für Arthur Szczap galt. Auf Anhieb errang Arthur bei seiner ersten DEM fünf Punkte und damit einen für ihn ganz ausgezeichneten 59. Platz. Er begann ganz stark und hatte nach 7. Runden bereits 4,5 Punkte auf seinem Konto verbucht. Wenn er zum Schluß auch etwas nachließ und in den letzten vier Runden nur noch einen halben Punkt einheimsen konnte, dürfte auch in Zukunft von ihm noch einiges zu erwarten sein, zumal er auch noch im nächsten Jahr in der U10-Altersklasse mitspielen darf. Dieses gilt auch für Stefanie Göllner, für die bei diesem Turnier ganz klar das Lernen im Vordergrund stand. Mit 2,5 Punkten, einem 100. Platz und vielen wertvollen Erkenntnissen reicher war diese DEM auf für sie sicherlich ein positives Erlebnis.

Die U10 gewann schließlich ganz überlegen der Berliner Atila Figura mit 9,5 Punkten, während den Mädchchen-Titel die Großmeistertochter Ekaterina Jussupow mit 7 Punkten erringen konnte.

Als Fazit der Meisterschaft ist zu konstatieren, daß - wie meist am Ende eines Wettbewerbs - sich nicht alle Hoffnungen und Erwartungen der Beteiligten erfüllt haben. Aber auch in diesem Jahr hat die DEM allen Spielern und Betreuern außer schachlichen Erfahrungen viel Vergnügen und Spaß bereitet. Übrigens: Oberhof drei wird es im nächsten Jahr nicht geben. Denn dann wird die DEM in Überlingen in Baden-Württemberg stattfinden.