Zu Gast in der Geschäftsstelle des Deutschen Schachbundes

von Ulrich Giese

Im eher unscheinbar wirkenden Haus Breitenbachplatz 17-19 in Berlin residiert, zusammen mit der Schachjugend, die Geschäftsstelle des Deutschen Schachbundes. Beim Besuch der Rochade Bremen am 10. August 1999 gab Geschäftsführer Horst Metzing Auskunft über die nationale und internationale Entwicklung des Schachs.

Deutschland wird im internationalen Schachgeschehen an Bedeutung gewinnen, so Geschäftsführer Horst Metzing. Hinter dieser Aussage stehen langfristige Maßnahmen und Ideen, die anfangen Früchte zu tragen.

Deutsche Spieler in naher Zukunft in den Top Ten

Auf nationaler Ebene befindet sich der Deutsche Schachbund, bei der vor etwa zwei Jahren initiierten Strategie der Sonderförderung, im Zielkorridor. Die Idee, in wenigen Jahren deutsche Jugendspieler an die Weltspitze heranzuführen, gewinnt spürbar an Form. Die vierzehnjährige Elisabeth Pähtz habe mit der erreichten ELO von 2276 die bisherigen Erwartungen erfüllt, so Metzing. Zur Zeit würde mit den Eltern die weitere Entwicklung, bei der es gilt schulische Ansprüche mit dem Leistungsschach in Einklang zu bringen, geplant. Bei den Herren wird Dimitrij Bunzmann (ELO 2596) gesondert gefördert. Laut Fachleuten, so Metzing, haben beide Spieler das Potential, sich in den Top Ten zu etablieren. Die damit verbundenen »Erfolge auf internationaler Ebene werden bis nach unten durchschlagen« führt der Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes aus. D.h. am Ende werden auch die Vereine vom Konzept der Sonderförderung profitieren.

Weltmeisterschaft schon bald in Deutschland

Mitte September wird sich der Deutsche Schachbund mit der FIDE treffen; Thema wird die Ausrichtung der Weltmeisterschaft in Deutschland sein. Zur Diskussion stehen für die zur Zeit im jährlichen Turnus ausgetragenen KO-Weltmeisterschaft die Jahre 2000, 2001 und 2002. Gerüchten zufolge, so Metzing, ist das Jahr 2000 allerdings schon an Hongkong vergeben.

Durchaus positiv steht Horst Metzing dem KO-System gegenüber: »Es ist sportlich und für die Medien interessant«. Durch den jährlichen Zyklus erfolge jedoch eine Abwertung des Weltmeistertitels, führt er weiter aus, um dann festzustellen, dass sich das bestehende System langfristig nur halten wird, wenn die Finanzen stimmen.

Berlin Zentrale der ECU

Angesprochen auf den FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumshinow stellt Metzing fest, dass es sich um eine schillernde Figur handele, die jedoch die FIDE nicht ganz im Griff habe. Die FIDE wiederum habe Organisationsprobleme und produziere durch erkennbar nicht realisierbare oder fehlerhafte Beschlüsse Probleme. Diese Schwäche, analysiert Metzing weiter, werde zur Zeit von den Weltklassespielern ausgiebig genutzt.

Die bestehende Macht-/Führungslücke wollen die Europäer durch die Ende 1998 eingeleitete Umgestaltung der Europäischen Schachorganisation ausfüllen. Die Europäische Schachunion (ECU) wird ihren Sitz in Berlin, zusammen mit der Geschäftsstelle des Deutschen Schachbundes, haben. Als Präsident wurde der Slowene Boris Kutin gewählt, Schatzmeister ist der Deutsche Schachpräsident Egon Ditt und Horst Metzing ist Generalsekretär.

Schach olympisch = mehr Sponsorengelder

»Ich gehe davon aus, dass es in Zukunft von Sponsoren mehr Geld für Turniere geben wird«, so Metzing. Schach lebe vom Image und sei daher für Sponsoren vor allem dann interessant, wenn es internationale Anerkennung erfährt, führt Horst Metzing weiter aus. Neben den genannten Aktivitäten des Deutschen Schachbundes denkt der Geschäftsführer vor allem an die Bemühungen Schach zum olympischen Wettbewerb zu machen. Wenn alles gut läuft, »könnte Schach in Sydney olympischer Demonstrationswettbewerb sein«, blickt Metzing optimistisch in die Zukunft.

Andere Institutionen haben den Bedeutungsgewinn des Schachsports in Deutschland längst bemerkt. Dass Innenministerium und der Berliner Senat haben der Geschäftsstelle mit allen darin enthaltenen Einrichtungen (Deutscher Schachbund, Deutsche Schachjugend, Europäische Schachunion und der Wirtschaftsdienst GmbH) zu einer »Freundschaftsmiete« Geschäftsräume in der Nähe des Olympiastadions, neben der Geschäftsstelle von Herta BSC, angeboten. Der Umzug ist Ende 1999 / Anfang 2000 geplant.