Protestfall zum Lernen

(ug). Seitens des Spielleiters der Bremer Stadtliga, Ingolf Stein, wurde uns der hier vorliegende Protestentscheid zur Verfügung gestellt. Da der Vorgang aus dem »Schachleben« gegriffen ist (der Redakteur konnte bei zwei seiner drei Wettkämpfen in dieser Saison Verstösse gegen die Notationspflicht beobachten), möchten wir ihn allen Schachfreunden zur Kenntnisnahme bringen; Lernt daraus!

In der 1. Runde der Stadtliga kam es an Brett 8 der Begegnung »Bremer SG 5 - SF Leherheide 2« zu einer Situation, die die Bremer SG veranlaßte Protest einzulegen.

Sachverhalt:

Gemäß den Darstellungen beider Parteien ergibt sich unstrittig folgender Sachverhalt:

  1. Der Spieler Schadjun der SF Leherheide hielt sich während der Partie zeitweilig hinter dem Spieler Olehnikow auf und sprach mit diesem.
  2. SF Olehnikow schrieb ab dem ca. 34. Zug nicht mehr mit, obwohl er genügend Zeit hatte.
  3. Im 39. Zug fiel bei Weiß das Plättchen.

Laut Darstellung der Bremer SG wies SF Schadjun auf das gefallene Plättchen hin. Die SF Leherheide widersprechen dieser Darstellung und behaupten, SF Olehnikow selbst habe zuerst das gefallene Plättchen reklamiert.

Die Bremer SG protestiert gegen das Ergebnis »Caspari - Olehnikow 0:1« mit Hinweis auf die oben angeführten Vorfälle, ohne einen eindeutigen Protestantrag zu formulieren. Somit bleibt die Frage »Was will die BSG eigentlich?« rein spekulativ.

Sollte das Ziel des Protestes eine Umkehrung des Ergebnisses sein, fehlt eine entsprechende Protestbegründung.

Protestentscheid:

Der Protest wird abgewiesen, das Ergebnis »Caspari - Olehnikow 0:1« bleibt bestehen, die SF Leherheide 2 gewinnen 4,5:3,5 gegen die Bremer SG 5.

Begründung:

Der Protest wurde nicht nur wegen der Formfehler (fehlender Protestantrag / Protestbegründung) sondern auch inhaltlich aus folgenden Gründen zurückgewiesen:

In der Stadtliga Bremen gilt die Turnierordnung des Landesschachbundes Bremen. Gemäß dieser TO sind innerhalb von 2 Stunden 40 Züge nachzuweisen. Es ist unstrittig, daß der Spieler Caspari nach Fallen seines Plättchens keine 40 Züge nachweisen konnte. Damit hat er die Partie verloren.

Gemäß FIDE-Regel 6.8 hat der Schiedsrichter oder einer der beiden Spieler auf das gefallene Plättchen hinzuweisen. Es wäre zwar nicht korrekt, wenn sich SF Schadjun in das laufende Spiel eingemischt und das gefallene Plättchen zuerst reklamiert hat, - es sei denn, er hat, da z. B. der Mannschaftsführer, der ja auch Schiedsrichter sein soll, selbst noch spielte, dessen Aufgaben übernommen -, aber selbst dieses dann unsportliche Verhalten (siehe 13.7 der FIDE-Regel) des SF Schadjun hätte an der Tatsache des gefallenen Plättchens im 39. Zug nichts geändert.

Anmerkungen:

Im oben stehenden Mannschaftskampf ergab sich eine Situation, die öfter vorkommen kann. Deshalb hier noch einige Anmerkungen, wie man sich korrekt verhalten sollte:

Gemäß FIDE-Regel 8.1 sind die Spieler verpflichtet, die eigenen Züge und die ihres Gegners aufzuzeichnen. Diese Verpflichtung entfällt nach 8.4 für den Spieler, der noch weniger als 5 Minuten Bedenkzeit hat. Im vorliegenden Fall hätte SF Caspari nicht mehr schreiben müssen. SF Olehnikow hätte noch mitschreiben müssen. Wäre SF Olehnikow aufgefordert worden mitzuschreiben, hätte die BSG bei beharrlicher Weigerung des SF Olehnikow, dieser Verpflichtung nachzukommen, gemäß 12.7 der FIDE-Regeln auf Verlust der Partie für SF Olehnikow plädieren können. Dieses wurde nicht wahrgenommen.

Das Rufen des Schiedsrichters führt in unterklassigen Ligen, wo die Schiedsrichter die Mannschaftsführer sind, die selbst auch spielen, zu Unsicherheiten. Folgendes Verfahren kann angewendet werden:

Nach FIDE-Regel 6.12 b) darf ein Spieler beide Uhren anhalten, um den/die Schiedsrichter zu Hilfe zu rufen. In diesem Fall müßte dann auch der/die Mannschaftsführer ihre Partie unterbrechen, bzw. je nach Partiesituation die Spieler der unterbrochenen Partie warten, bis ein Schiedsrichter zur Verfügung steht. Nach Klärung des Falls - hier Aufforderung an SF Ohlehnikow zum Mitschreiben - wird die Partie fortgesetzt.

Zum nicht eindeutig zu klärenden »Reinreden« des Spielers Schadjun möchte ich abschließend auf die Ziffer 13.7 der FIDE-Regel verweisen: »Zuschauer und Spieler anderer Partien dürfen nicht über eine Partie reden oder sich auf andere Weise einmischen. Falls nötig, darf der Schiedsrichter die Störer aus dem Turniersaal weisen.«

Ingolf Stein