Berlinchen - ein paar Textauszüge

... Was Berlin ist, weiß jedermann. Aber Berlinchen? Was mag dieses komische Diminutiv der deutschen Riesenstadt zu bedeuten haben? Einen Bezirk, einen Vorort von Berlin? Nein, noch viel weniger, noch viel kleiner, ein armes kleines Fleckchen Welt, fünf bis sechs Eisenbahnstunden von Berlin entfernt, gelegen in der Provinz Brandenburg, 7000 Einwohner, viel Wald, Holzindustrie, ein schöner See und etliche kleine Wässer, zierliche Giebelbauten, die typische deutsche Kleinstadt, wie man sie in Goethes »Hermann und Dorothea« findet, ehrwürdig alt, fast 700 Jahre.

Das Geburtsdokument des Ortes liegt wohlverwahrt im Stadtarchiv. Es lautet:

Wir, Otto und Albrecht, von Gottes Gnaden Markgrafen von Brandenburg, erkennen und bekennen durch gegenwärtigen Inhalt, daß wir dem Henricus, genannt Toyte, die Gründung unserer Stadt übertragen haben, indem wir ihm den Dritten Denar, das ist den dritten Teil alles dessen zugestehen, das einkommt.
Gegeben zu Neu-Landsberg durch unseren Notar Berthold im Jahre des Herrn 1278, den 25. Januar.

... wenn es nicht überstrahlt würde von dem Gestirn, das aus Berlinchen aufgestiegen ist, von der Erscheinung Emanuel Laskers, des glorreichsten Sohnes der kleinen Stadt.

... Auf einem hohen Hügel, der den See überragt, liegt der jüdische Friedhof. Von dieser Stätte der Toten schweift der Blick weit hinaus in das Land. Die Kirche hingegen mit ihrem netten Turm, umgeben von all den kleinen rotbedachten Bürgerhäuschen, sieht wie eine große Henne aus, die ängstlich ihre Jungen unter dem Flügel birgt, damit keines auf gefährliche Abenteuer in die Fremde flattert. Das Bild des jüdischen Friedhofes, das Bild der christlichen Kirche - Gleichnisse zweier verschiedener Temperamente, zweier verschiedener Lebensstile ...

aus Dr. J. Hannak: »Emanuel Lasker - Biographie eines Schachweltmeisters«, 4. Auflage, Hamburg 1984