Simultanveranstaltung mit Agdestein

von Ulrich Giese

Im Festsaal stehen die Bretter schon bereit. Vom Schachgroßmeister Agdestein ist noch nichts zu sehen, er säße in einem Nebenraum und würde interviewt, heißt es. Jetzt entrichte ich erst mal bei Volker Schattauer, dem 1. Vorsitzenden der SF Leherheide, das Startgeld. Schließlich muss das Auftreten des Großmeisters gegenfinanziert werden. Dabei habe man noch Glück gehabt! Wie zu hören ist, entstanden aufgrund der anstehenden Bundesligaabschlussrunde in Delmenhorst keine Anreise- und Übernachtungskosten. Und Dr. Dornieden hat seinen Spitzenspieler selbst von Delmenhorst nach Leherheide gefahren. Überhaupt steht Dr. Dornieden gerade im Mittelpunkt. Ob man den Blitzfotos während der Simultanveranstaltung machen könnte, fragen ihn Journalisten und Schachfreunde. Er beruhigt, Herr Agdestein habe damit keine Probleme.

Dann ist es soweit, Agdestein betritt den Spielsaal. Von ihm, zusammen mit Schattauer, Uwe Zeller, der grauen Eminenz der SF Leherheide und Jürgen-Christof Korn, der der maßgebliche Organisator des Leherheider Jubiläumsprogramms ist, wollen die anwesenden Fotografen und ich ein Foto machen. Hinter ihnen ist die offene Saaltür, ein unwürdiger Bildhintergrund! Man möge doch die Tür zumachen, fordere ich die »Motive« auf. Ups, eigentlich hatte ich nicht beabsichtigt Herrn Agdestein aufzufordern die Tür zu schließen!

Die Fotos sind fertig, Organisator Korn hält die Eröffnungsrede. Man merkt ihm eine gewisse Nervosität an. Er stellt Herrn Agdestein vor und redet auch von seiner Karriere als norwegischer Fussballnationalspieler. Sicherlich, damit lässt sich der norwegische Großmeister gut anpreisen. Ich frage mich jedoch, ob Agdestein, der ja nun schon länger verletztungsbedingt nicht mehr Fußball spielt, Freude daran hat, dass in ihm immer noch der schachspielende Fußballer gesehen wird. Nun erklärt Herr Korn die Spielregeln für Simultankämpfe. Interessant, man kann auch mit den weißen Figuren spielen. Das ist sicherlich von Vorteil für mich! Also wechsle ich auf die weiße »Raumseite«. Einfach das Brett drehen geht natürlich nicht. Sonst könnten ja zwei nebeneinander sitzende Spieler eine Dublette spielen!Ich eröffne mit d4, Agdestein antwortet f5. Wenn mich nicht alles täuscht Holländisch, aber ich bin so nervös, dass ich seinen Zug überhaupt nicht wahrnehme. Eigentlich spiele ich hier das Gambit mit e4 und f3 aber meine nächsten Züge lauten c4 und Sc3. Der norwegische Großmeister geht derweil die 23 Brettern, geplant waren 30, im Eiltempo ab. 2-3 Minuten braucht er am Anfang pro Runde. Er baut sich solide auf und rochiert schon im 5. Zug auf den Königsflügel. Im 12 Zug landet dann mein König auf dem Damenflügel. Richtig überspielt fühle ich mich nicht, aber mir fehlt die Übersicht was zu Tun ist. Der Großmeister braucht jetzt etwas länger für seine Runden aber beim nächsten Mal winke ich nur mit der Hand ohne aufzuschauen. Agdestein versteht und geht kommentarlos weiter. Das passiert noch ein weiteres Mal. Ich hoffe, er hat es mir nicht übelgenommen, dass ich ihn nicht einmal angeschaut habe.

Leichtes Gemurmel, nach einer knappen Stunde gibt der erste Spieler auf. Ich lebe noch, glaube jedoch, dass der Großmeister einige Möglichkeiten verpasst hat, mir meine Grenzen aufzuweisen. Ich riskiere einen Blick in die Runde. Quer gegenüber berät Dr. Dornieden einen 13-15jährigen Jugendlichen bei seinen Zügen. Auf der anderen Seite erkenne ich ein paar Spieler aus Bremerhaven, wobei nicht alle spielen zu scheinen. Die meiste Zeit scheint Agdestein zur Zeit für den Leherheider Spielerblock aufzuwenden.

Die nächsten Züge sind einfach, Agdestein opfert seinen Springer in meine Königsverteidigung rein. Den Zug hatte ich schon lange erwartet, jetzt kommt er vermutlich zu spät. Es folgt Zugzwang um Zugzwang für mich bis zum 33sten Zug. Die Antwort hierauf hatte ich nicht erwartet aber vielleicht gab es keine positive Alternative. Jetzt kann ich den Damenabtausch erzwingen. Das Endspiel ist klar, beide haben einen Turm aber ich besitze noch einen Läufer, für den Agdestein nur einen »Mehrdoppelbauern« anführen kann. Und das auch nicht mehr lange.

Die Reihen haben sich gelichtet, meine Nachbarn sind aber noch am kämpfen. Links ist die Lage hoffnungslos, rechts bieten sich noch »Racheschachs« an, aber dann ... Drei Rundläufe später ist der linke Nachbar weg und der rechte hat sein Pulver, korrekter seine Racheschachs, verschossen. Agdestein geht jetzt nur noch im Dreieck, die meiste Zeit wendet er weiterhin auf, um den Leherheider Block niederzukämpfen. Das gelingt ihm auch. Dafür nimmt die Zuschauermenge um den Bremerhavener Tronnier zu.

Drei Spieler sind noch übrig, den Rest hat der Großmeister besiegt. Mein Endspiel ist, da von den Bauern nur noch jeweils einer übrig ist, übersichtlich geworden. Da besteht auch keine Schummelchance mehr, was Agdestein einsieht und nach 59 Zügen aufgibt. Sieg! Eigentlich war ich ja nur gekommen, um ein paar Fotos für die Rochade zu machen aber dafür hatte ich dann gar keine Zeit.

Ein Blick auf die Stellung von Tronnier lässt nur den Schluss zu, dass ich nicht der einzige Sieger sein werde. Als Agdestein die Schachs ausgehen, gibt er auf. Eine gegen zwei Damen ist ja auch unfair! Auf die letzte Partie werfe ich nur einen kurzen Blick. Der ältere Herr verliert gerade seine letzten Bauern. Nun muss Agdestein mit zwei Läufern mattsetzen. Zur Aufgabe ist sein Gegner nicht bereit. Remis heißt es kurz darauf, der Großmeister zeigt sich als fairer Sportsmann. Respekt!

20,5:2,5 lautet das Endresultat gegen 22.15 Uhr. In 3 Stunden hat Großmeister Agdestein zirka 700 Züge getätigt und eineinhalb Kilometer Laufleistung hinter sich gebracht. Pro Zug nicht mehr als 15 Sekunden Bedenkzeit bei zu Anfang 23 verschiedenen Stellungen. Eine fast unmenschliche Leistung an einem wirklich gelungenen Abend.