Computergläubigkeit (Die unsterbliche Partie)

von Gerold Menze

Während der Bremer Jugendeinzelmeisterschaft lagen plötzlich auf mehreren abseits stehenden Tischen mehrere Duplikate einer von »Fritz« analysierten Schachpartie. Im Kopf der Partie befand sich an Stelle von Spielernamen die Bemerkung: »Nicht festgestellt«.

Auf die Frage »Weiß jemand, wer diese Partie gespielt hat?« begannen jugendliche »Meisterspieler« die Partie nachzuspielen und selbst zu analysieren. Ihre Kommentar lehnten sich fast alle an die Analyse von Fritz an.

Keiner von etwa 15 Spielern lobte die Partie. Es gab, wenn überhaupt, Kommentare wie etwa »Wer spielt denn so was«, »Was ist das denn für eine Müllpartie«, »Besonders viel Ahnung haben die wohl nicht gehabt«, »Was ist das denn für eine Schrottpartie«, »Wer hat den Mumpitz denn gespielt«.

Das Geheimnis wurde am Ende des Turniers während der Siegerehrung gelüftet. Es handelte sich um die, allerdings spiegelverkehrt nachgestellte berühmte unsterbliche Partie« aus dem Jahre 1851, zwischen Anderssen und Kieseritzky.

Die unsterbliche Partie

Die nachstehende Partie, deren Dauer knapp eine Stunde betrug, setzte Maßstäbe für Opfer-Kombinationen, die zum Sieg führen. Gespielt wurde die »unsterbliche Partie« 1851 in London zwischen dem Deutschen Anderssen (Weiß) und dem Franzosen (? s. u.) Kieseritzky (Schwarz). Die Zug-Folge:

1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Lc4 Dh4+ 4.Kf1 b5 5.Lxb5 Sf6 6.Sf3 Dh6 7.d3 Sh5 8.Sh4 Dg5 9.Sf5 c6 10.Tg1! cxb5 11.g4 Sf6 12.h4 Dg6 13.h5 Dg5 14.Df3 Sg8 15.Lxf4 Df6 16.Sc3 Lc5 17.Sd5 Dxb2 18.Ld6 Dxa1+ 19.Ke2 Lxg1 20.e5! Sa6 21.Sxg7+ Kd8 22.Df6+!! Sxf6 23.Le7#

Partie im PGN-Format

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t.lk..st
b..b.bSb
s..L.D..
.b.SB..B
......B.
...B....
B.B.K...
d.....l.
Stellung nach 22. Df6

Ein Läufer und zwei Springer setzen den feindlichen König matt, während sämtliche Offiziere des besiegten Gegners noch auf dem Brett sind. Weder früher noch später ist in einer bekannten Meisterpartie der Sieg gegen eine derartig große Übermacht erkämpft worden.

Weiß: nicht festgestellt
Schwarz: nicht festgestellt

Partie ohne Namensangabe 2000
[Fritz 4.01]

1.e3 Rechenzeit=63s e5 2.e4 f5 3.exf5 Lc5 4.Dh5+ aus dem Buch Kf8 5.b4= [5.Sf3!?+/-] 5. .. Lxb4 6.Sf3 Sf6 7.Dh3 d6 8.Sh4 Sh5 9.Dg4 Sf4 10.c3 Tg8??+- [wirft den Vorteil weg 10. .. Lc5] 11.cxb4 g5 12.Sf3 h5 13.Dg3 h4 14.Dg4 Df6 15.Sg1 Lxf5 16.Df3 Sc6 17.Lc4 Sd4 18.Dxb7 Ld3 [18. .. Sc2+ 19.Kf1 Dd8] 19.Dxa8+ [19.Dxa8+ ließe Schwarz keine Chance Ke7 20.Db7 (20.Dxg8?? Sxg2+ 21.Kd1 Lc2#) 20. .. Sxg2+ 21.Dxg2 Lxc4 22.Sa3+-] 19. .. Ke7 20.Lxg8 [20.Dxg8?? ist Matt in zwei Sxg2+ 21.Kd1 Lc2#] 20. .. e4 21.Sa3?? [läßt den Gewinn aus (21.La3 Sc2+ 22.Kd1 Sxa3 23.Dc6 Lc2+ 24.Dxc2 Sxc2 25.Sc3 [25.Kxc2 Dxa1 26.Lc4 Sd3 27.Lxd3 exd3+ 28.Kxd3 Dxb1+ 29.Ke3 De1+ 30.Kd3 Dxf2-+] 25. .. Sxa1 26.g3)] 21. .. Sxg2++- [21. .. Sxg2+ 22.Kd1 Df3+ 23.Sxf3 Le2#] 22.Kd1 Df3+!! Ein feines Opfer! 23.Sxf3 Le2# 0-1

Partie im PGN-Format


Tomasz Lissowski, Biograph von Kieseritzky, schreibt, dass K. Deutscher war, nicht Franzose: »Very well, but why he [the author] insisted Kieseritzky was French? Entirely wrong. He wasn't French, nor Polish, nor Russian. Lionel Bagration Adalbert Felix was GERMAN, and talking more exactly - Baltic-German. All Kieseritzkys, as a minimum since 1700, used to speak German. Lionel's mother's maiden name was von Hoffmann.« Vielen Dank für den Hinweis. Mehr über Lionel Kieseritzky und noch einen anderen Kieseritzky gibt es im polnischen Schachmagazin Vistula (Text auf Englisch).

2000-07-09