Deutsche Jugendmeisterschaften 2000 in Überlingen am Bodensee

Wieder einmal war es soweit: in der Woche vor Pfingsten standen die Deutschen Jugendmeisterschaften aller Altersklassen (von der U18 bis zur U10) auf dem Programm, nach zwei Jahren Oberhof dieses Mal ausgetragen in Überlingen am Bodensee.

Seitdem die Deutsche Schachjugend (DSJ) beschlossen hat, die Jugendmeisterschaften als Zentralveranstaltung aller Altersklassen gemeinsam auszutragen, kommt auf sie in jedem Jahr eine enorme Arbeitsbelastung zu. Überlingen bedeutete dabei einen neuen Rekord, rund 700 Spieler, Trainer, Betreuer, Eltern und sonstige Gäste wollten sich einen Urlaub am Bodensee wohl nicht entgehen lassen. Nur gut, dass die DSJ bei der Ausrichtung von der Württembergischen Schachjugend unterstützt wurde, die anläßlich ihres 25jährigen Bestehens die Ausrichtung der Deutschen übernommen hatte.

Überlingen bedeutete für uns Nordlichter natürlich eine enorme Anreise. Gemeinsam mit Schleswig-Holstein hatten wir uns daher dazu entschieden, einen Reisebus zu chartern. Und auch wenn die Anreise sich etwas in die Länge zog, erreichten wir nach einigen Irrfahrten wider Erwarten doch noch am Samstag (dem Anreisetag) den Spielort, das Gymnasium in Überlingen. Anschließend war der Bus aber wohl so geschafft, dass prompt direkt vor der Schule zwei Keilriemen rissen. Nur gut, dass Familie Stelter schon etwas eher nach Überlingen aufgebrochen war und schon einmal unsere Ferienwohnungen gesichtet hatte. An dieser Stelle dafür noch einmal herzlichen Dank. Auch das Bremer Team war mit einer für unsere Verhältnisse recht großen Delegation in Überlingen vertreten. Zu den 13 Teilnehmern kamen die Trainer Thomas Heinsohn, Oliver Höpfner, Arnd Lauber und Oliver Müller, Familie Stelter, die Mütter Brehmer und Scholz und ich selbst als Delegationsleiterin. Nicht zu vergessen natürlich noch Kurt Fehsenfeld, der eigentlich in Überlingen nur ein paar Tage Urlaub verbringen wollte, von uns aber aufgrund seines Autos desöfteren mit Beschlag belegt wurde (»Kurt, kannst Du uns nicht mal eben den Berg hochfahren, wir können nicht mehr laufen«). Für die DSJ war noch der Bremer Jugendsprecher Eike Schwede (Delmenhorster SK) im Einsatz, und hatte als Mitglied des Dr. Freizeit-Teams einen Fulltime-Job zu verrichten. Eike wurde von uns eigentlich immer nur rennend oder Getränkekisten schleppend gesehen. Dafür stellte das Dr. Freizeit-Team auch wieder einiges auf die Beine und schaffte es, den Teilnehmern die Meisterschaften so angenehm und erlebnisreich wie möglich zu gestalten. Neben Ausflügen nach Mainau, zu Sealife und zum Affenberg wurden zahlreiche Sportaktivitäten angeboten und natürlich gab es auch wieder eine tägliche Meisterschaftszeitung »Übersee«, die sich großer Beliebtheit unter den Teilnehmern und Eltern erfreute.

Untergebracht waren wir Bremer in 5 Ferienwohnungen, die zum Glück alle recht dicht beieinander lagen, wenn da die nicht die für uns natürlich ungewohnten Berge gewesen wären, die den einen oder anderen Weg verhinderten. (»Was, die andere Wohnung liegt noch ein Stück weiter den Berg rauf, da ziehe ich auf gar keinen Fall ein!«)

Trotzdem ist aber der nichtschachliche Teil auch bei uns nicht zu kurz gekommen: so vergnügten wir uns bei gemeinsamen Fußballspielen auf einer Wiese oberhalb der Ferienwohnungen (übrigens mit phantastischem Blick auf den Bodensee), beim Tretbootfahren auf dem Bodensee, besuchten Meersburg, die Insel Mainau und Sealife in Konstanz und ließen die Abende mit Gesellschaftsspielen recht vergnüglich ausklingen.

Nun aber mal zum schachlichen Teil, denn schließlich waren die Meisterschaften ja der Grund für unsere Reise nach Überlingen. Zwar waren besonders herausragende Einzelergebnisse Mangelware, insgesamt konnte das Ergebnis der Bremer Delegation aber durchaus überzeugen. Die besten Resultate erreichten Malte Meyer als 8. in der U18 und Arthur Szczap mit 6/11 in der U10. Aber auch alle anderen Bremer enttäuschten keineswegs, sondern bewegten sich in der Nähe der 50%-Marke.

Das wichtigste war jedoch, dass alle ihren Spaß hatten, die Stimmung im Bremer Team immer gut war und alles ohne größere Pannen ablief.

Zu den einzelnen Altersklassen:

U18

Der Bremer Vertreter Malte Meyer (Delmenhorster SK) spielte bei seiner letztmaligen Teilnahme an einer Deutschen Jugendmeisterschaft ein gutes Turnier und belegte am Ende punktgleich mit dem Viertplazierten den 8. Rang. Malte startete erfolgreich mit 1,5/2, verspielte aber in der 4. Runde gegen Philipp Huber (Württemberg/ELO 2252) aufgrund von schlechter Zeiteinteilung völlig unnötig eine Gewinnstellung und verlor sogar noch. Auch in den übrigen Partien hatte Malte des öfteren mit Zeitnot zu kämpfen, in der er noch manche Gewinnchance ausließ, so dass am Ende sogar mehr als Platz 8 möglich gewesen wäre.

Nicht ganz zu gut, aber immerhin etwas besser als im Vorjahr lief es für Andrea Wenke (Delmenhorster SK), die in der U18w startete. An Nr. 24 gesetzt konnte sie den letzten Platz zwar nicht verhindern, erreichte aber immerhin 1,5 Punkte. Andrea konnte häufig gegen stärkere Gegnerinnen lange mithalten, verdarb dann aber im Endspiel durch leichte Fehler die Stellungen noch zum Verlust.

U16

Hoang Nguyen (Delmenhorster SK) war der Bremer Teilnehmer in der U16. Wie schon im vergangenen Jahr mußte Hoang gleich in der ersten Runde gegen den topgesetzten Manuel Feige (Sachsen, ELO 2246) antreten, gegen den er in diesem Jahr seine erste Niederlage überhaupt einstecken mußte. Insgesamt konnte Hoang zwar gut mithalten und belegte am Ende mit 4,5 Punkten Rang 10, spielte dabei aber nicht ganz so überzeugend wie noch bei der DEM 1999.

Sieger der U16 wurde Manuel Feige aus Sachsen vor Hannes Rau aus Württemberg und der Hamburgerin Leonie Helm, die bei den Jungs hervorragend mithalten konnte und einmal mehr ihre Klasse unter Beweis stellte.

In der Altersklasse U16w war keine Bremer Teilnehmerin am Start, da die Bremer Meisterin Ina Ugorets (TuS Syke) aufgrund einer Klassenfahrt auf die Teilnahme verzichtet hatte. Hier siegte ganz überlegen die hohe Favoritin und Titelverteidigerin Tina Mietzner aus Sachsen mit 7,5 Punkten vor Elisabeth Schlosberg aus Bayern und Stefanie Schulte aus NRW.

U14

In der U14m waren gleich zwei Bremer Vertreter am Start. Neben dem U14-Meister Frithjof Fehsenfeld (SF Achim) rechnete sich vor allem der Bremer U18-Meister Andreas Schneider (Delmenhorster SK), der einen DSJ-Freiplatz für das Turnier erhalten hatte, gute Chancen aus, ganz oben mitzuspielen. Doch während Frithjof einen super Start hinlegte und zum Auftakt gleich den an Nr. 2 gesetzten Kaderspieler Franz Guttenthalter (Bayern ) schlug, lief es bei Andreas überhaupt nicht, er fand in Zeitnot nicht den richtigen Zug und verdarb seine gute Stellung zum Verlust. Bereits in der 3. Runde kam es dann zum Bremer Duell, das Frithjof etwas überraschend für sich entscheiden konnte. Auch in den weiteren Partien zeigte Frithjof gutes Schach. Zwar mußte er seinen Gegnern noch zweimal zum Sieg gratulieren, letztlich erspielte er sich aber mit 4,5 Punkten und dem absolut besten Gegnerschnitt Rang 13 und einen hohen DWZ-Gewinn.

Andreas konnte sich zwischendurch etwas fangen und hatte nach einem Remis gegen Guttenthaler und einem Sieg in der 8. Runde gegen Thorsten Rode aus Hessen noch Chancen auf Platz vier. In der letzten Runde reichte es für ihn gegen den Niedersachsen-Meister Jan-Willem Abraham aber nur zu einem Remis, so dass er am Ende einen für ihn enttäuschenden 10. Platz belegte.

Absoluter Star der U14 und auch des ganzen Turniers war aber David Baramidze aus Thüringen. Eigentlich noch in der U12 startberechtigt, beherrschte er die U14 nach Belieben (lediglich gegen Frithjof stand er nach inkorrekten Figurenopfer sehr bedenklich) und errang den Titel mit sagenhaften 9/9 und einem Vorsprung von 2,5 Punkten vor den beiden Bayern Franz Guttenthaler und Axel Heinz.

Das U14-Turnier der Mädchen wurde dominiert von Sabine Schlander aus Bayern, die souverän den Titel errang, vor Franziska Beltz aus Sachsen und Sarah Brethauer aus Hessen. Die Bremer Meisterin Syuzanna Ratner (Delmenhorster SK) war zunächst von der Stärke des Feldes etwas überrascht, zeigte dann aber gutes Schach und kam auf 4,5 Punkte und Rang 13. Eine noch bessere Plazierung vergab sie durch schlechte Zeiteinteilung und den Verlust einer ganz klaren Gewinnstellung durch Zeitüberschreitung.

U12

Unter den 100 Teilnehmern in der U12 waren gleich 4 des SV Werder Bremen, von denen jedoch wie erwartet keiner in den Kampf um den Titel und die Spitzenränge eingreifen konnte. Ein gutes Turnier spielte Johann-Hinrich Brehmer, der über gute Eröffnungskenntnisse verfügt und einige schöne Partien zeigte. Er belegte am Ende mit 5,5 Punkten Platz Ebenfalls überzeugend agierte Maike Janiesch, die bei der BJEM im Stichkampf um den Mädchentitel gegen Katharina unterlegen war, dann aber von der DSJ einen Freiplatz für die Deutsche erhielt. Maike zeigte sich enorm einsatzfreudig und erspielte sich ihren 68. Platz durch 5 Siege.

Nicht zufrieden war dagegen Christoph Stelter, der nach einem Fehlgriff in der 3 Runde, der einen Figurenverlust zur Folge hatte, nicht mehr richtig zu seinem Spiel fand. Ärgerlich auch, dass er im Verlauf des Turniers zunächst gegen Katharina und dann in der letzten Runde auch noch gegen Maike (seine Angstgegnerin, Ergebnis wird aber hier nicht verraten) gelost wurde. 4 Punkte reichten für Christoph aber immerhin noch zu Patz 84.

Katharina Scholz war leider durch eine Grippe stark geschwächt, so dass sie nur 8 Partien absolvieren konnte, in denen sie aber immerhin 3 Punkte erreichte. Zwar war sie mit dieser Ausbeute nicht ganz zufrieden, zeigte aber trotz ihrer Krankheit hohen Kampfgeist und ist als einzige der vier auch im nächsten Jahr noch in der U12 startberechtigt. Der U12-Titel ging an Dieter Lutz aus Bayern vor dem lange führenden Arik Braun aus Württemberg, der mit 6/6 gestartet war und schon wie der sichere Sieger aussah.

U10

Im 98 Teilnehmer umfassenden Feld der U10 erwischte der Bremer Meister Artur Szczap (SV Werder) mit 4/4 einen Traumstart. Damit erregte er sogar die Aufmerksamkeit anderer Landesverbände, Zitat: »Was, ein Bremer hat 4/4, das ist ja unglaublich !« Leider ließ er anschließend etwas nach, wobei das Programm für die Jüngsten mit 11 Runden an 7 Tagen aber auch wirklich enorm anstrengend und kraftraubend war. Am Ende belegte Arthur mit 6 Punkten den 32. Platz und erfüllte damit durchaus die in ihn gesetzten Erwartungen. Man darf sicher gespannt sein, wie er sich in den nächsten Jahren weiterentwickelt.

Tim Cammann (Delmenhorster SK) startete mit zwei Remis aus den ersten vier Runden nur verhalten. Man merkte ihm doch die Aufregung noch an, schließlich war es für ihn die erste Teilnahme an einem so großen und wichtigen Turnier. Nachdem er jedoch in Runde 5 und 6 zwei Siege nacheinander einfahren konnte, war bei ihm der Knoten geplatzt und er belegte am Ende mit 5 Punkten aus 11 Partien einen für ihn guten 65. Platz.

Die Bremer U10-Meisterin Stefanie Göllner (SV Werder) zeigte sich gegenüber dem letzten Jahr stark verbessert und konnte insgesamt 4 Punkte erzielen.

Auch der U10-Titel ging im übrigen nach Bayern: es siegte Marco Baldauf vor Falko Bindrich (Sachsen) und Florian Armbrust (Rheinland-Pfalz). Bestes Mädchen wurde Annett Hoffmann aus Sachsen-Anhalt.

Resumee

Insgesamt also wieder kein Titel für Bremen, wobei auffällt, dass die Nordverbände allesamt sehr schlecht aussahen. Bis auf zwei Medaillenplätze für Hamburg gab es nicht viel zu holen. Die Titel machten Bayern, Sachsen und Thüringen fast unter sich aus.

Dafür konnten wir Bremer aber in anderen Bereichen für Aufmerksamkeit sorgen: den innerhalb des Rahmenprogramms angebotenen Rätselwettbewerb konnte Christoph Stelter für sich entscheiden. Und dann hatten wir natürlich noch die absolut längste Partie des ganzen Turniers zu bieten (zur großen Freude des Bulletin-Teams). Alle, die auch gerne einmal 279 Züge spielen möchten, sollten die Partie von Tim aus der U10 nachspielen.

Siehe auch:

Ulrike Schlüter