Die Reform der Schachbundesligen ist schon gescheitert – Welche Ziele werden verfolgt?

von Ulrich Giese

Viel war in letzter Zeit über die Reform der Schachbundesligen zu lesen. Bemüht wurde vom neuen Sprecher der Bundesligavereine, Christian Zickelbein, auch die Vergangenheit, um der Reform »eine historische Dimension zu geben« (vgl. Rochade Europa 8/2000, Seite 96f). Er hofft hiermit die Anstrengungen, die Reform der Bundesligen zu erreichen, steigern zu können. Diese Annahme ist vergeblich, die Vergangenheit bringt nichts nutzbringendes. Eine Analyse, woran die damaligen Änderungsbestrebungen gescheitert sind, sucht man in den Beiträgen vergeblich. Aus heutiger Sicht kann nur festgestellt werden, dass die Probleme nicht gelöst wurden. Und auch für die Zukunft sehe ich schwarz.

Angestoßen wurde der jetzige Prozess vom Bundesspielleiter Jürgen Kohlstädt, der plante auf dem Bundeskongress des Deutschen Schachbundes am 3. Juni 2000 einen Antrag zur Änderung der Bundesligen zu stellen (vgl. Rochade Bremen 5/2000, S.1). Hinter diesem Vorschlag standen erkennbare Ziele. Von Zielen ist mit zunehmender Diskussionsdauer aber immer weniger die Rede. Ein Blick auf die Beiträge in der Rochade und das Austauschforum im Internet (nicht mehr existent) zeigt, es geht nur noch um Reformansätze. 16 Mannschaften, 12 Mannschaften, Endrunden, Doppelrunden, Einzelrunden ... ich frage mit welchem Ziel?

Ziele, damit beschäftigte sich auch die Bundesligakommission auf ihrer Tagung am 1. Juli 2000. »Auf eine Diskussion unterschiedlicher und möglicherweise einander ausschließender Ziele der Reform wurde zunächst zugunsten des allgemeinen Ziels, die Bundesliga als ‘stärkste Liga der Welt’ (Kasper) zu erhalten, verzichtet« (vgl. Rochade Europa 8/2000, Seite 96), um sich dann mit wirtschaftlichen und steuerrechtlichen Fragen auseinanderzusetzen. Bravo, ein tolles Ziel, »stärkste Bundesliga der Welt« ... und der Fiskus wird es finanzieren? Ich frage, welches Ziel verfolgen wir mit der stärksten Bundesliga der Welt?

Maßnahmen ohne vorher definierte Ziele durchzuführen, zeugt von Inkompetenz. Hier zeigt sich die Unfähigkeit verkrustete Strukturen zu durchbrechen und wirkliches Veränderungsmanagement zu betreiben. Insofern war die Entscheidung des Deutschen Schachbundes, ab der Spielsaison 1993/94 seinen Zuschuss für die Bundesliga zu streichen, konsequent und richtig. Festzuhalten bleibt auch, dass in manchem Bundesligaverein der Druck der Basis auf die Bundesligamacher steigt. Die Basis fragt, mit welchem Ziel binden wir finanzielle und Personalressourcen für die Bundesligamannschaft?

Die Bundesligakommission, der Bundesligasprecher und die öffentliche Diskussion gehen den falschen Weg. Zuerst müssen wir eine Strategie mit kurz, mittel- und langfristigen Zielen erarbeiten. Dann geht es um die Zielerreichung. Hierfür muss umfangreiches empirisches Material evaluiert und Fachkompetenz herangezogen werden. Am Ende dieses Prozesses steht ganz automatisch eine neue Struktur der Bundesligen. Wer alternative Ansätze vertritt, muss sich an den Zielen und Analysen messen, und wird es wesentlich schwerer haben, seinen Vorschlag zu begründen. Gleichzeitig muss/kann ein Erfolgsmesssystem installiert werden. Ich frage, warum wird zuerst über eine Änderung der Struktur der Bundesligen diskutiert, wenn diese doch das Endergebnis eines Reformprozesses sein müsste?

Manch einer wird sagen, dass die Ziele längst bekannt sind. Sind sie es wirklich? Wollen wir eine Mäzenfinanzierung oder, zumindest zum Teil, eine zuschauerfinanzierte Schachbundesliga? »Natürlich zuschauerfinanziert« wird die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer sagen (aber nicht alle!). Und im Gleichschritt erhält man eine Vielzahl von Empfehlungen über eine zuschauerfreundliche Bundesligastruktur. »Stopp« sage ich zu diesen selbsternannten Fachleuten, »eure Meinung ist unerheblich, maßgeblich ist die Meinung der tatsächlichen Zuschauer«! Eine Antwort über eine kundenfreundliche Bundesligastrukter findet man ausschließlich über eine Befragung der tatsächlichen und potentiellen Zuschauer. Daher frage ich, hat jemals ein Bundesligaverein eine Kundenbefragung/-monitoring durchgeführt?

Ein radikaler Wandel ist jetzt erforderlich, um die Reformbemühung zu retten. Weg von kurzfristigen Strukturänderungen, hin zur Zielbestimmung mit anschließender Evaluierung empirischer Daten und Expertenmeinungen. Dies geht über die Bildung von Teams, jeweils bestehend aus Vertretern des Deutschen Schachbundes, der Bundesligavereine, Bundesligaspielern, einfachen Vereinsmitgliedern und Bundesligazuschauern unter Leitung eines neutralen Moderators. Ein ganz anderer Ansatz wäre der Einsatz von »Planungszellen«. Hierbei werden aus der Mitgliedskartei des Deutschen Schachbundes zufällig Personen herausgezogen, die mehrere Teams bilden. Diese Teams hören sämtliche Interessengruppen an, ziehen Experten zu Rate und werten empirisches Material aus, um am Ende eine neue Struktur für die Bundesligen zu entwickeln. In der Kommunalpolitik führte dieser Ansatz zu guten Ergebnissen bei hoher Akzeptanz.


Siehe auch: Umfrage zur Bundesliga-Reform von ChessBase