Nachtrag - Partienanalyse von der Jugendmeisterschaft in Überlingen

von Malte Meyer

Im Wissen, dass diese Deutsche Jugendmeisterschaft die letzte für mich sein würde, hatte ich mir für das Turnier sehr viel vorgenommen. Ich trainierte nach längerer Pause mal wieder intensiver und nahm mir vor, mindestens »+1« zu holen. Doch obwohl ich fast das ganze Turnier über bei »+1« lag, folglich oft gegen starke Leute spielen mußte und trotzdem 5/9 erreichte, merkte ich schon bald nach Beendigung des Turniers, dass ich nicht ganz zufrieden war.

30 DWZ-Punkte sind nett, aber ich hatte das Gefühl, dass zuviele Partien durch ziemlich grobe Fehler entschieden wurden und das Niveau nicht so hoch lag, wie ich es von mir erwarte. Direkt nach den Partien haderte ich zeitweise mit dem Schicksal, aber bald mußte ich erkennen, dass »Pech« auch nicht mehr ist als Unerfahrenheit oder noch deutlicher Unvermögen. Außerdem hielten sich Pech und Glück trotz allem wahrscheinlich ungefähr die Waage; während ich in den Runden 3, 4 und 7 nur zwei Remisen statt mindestens 2 1/2 möglicher Punkte holte, hätte ich bei meinem Sieg in Runde fünf auch selbst schon in der Eröffnung unter die Räder kommen können und profitierte in der letzten Runde davon, dass mein Gegner das Turnier unbedingt mit einem Remis beschließen wollte. Die folgende Partie aus der 8. Runde gegen Julian Zimmermann illustriert ganz gut die starken, aber auch die schwachen Seiten meines Spiels in Überlingen.

Meyer,M (2180) - Zimmermann,J (2180) [A75]
DJEM 2000 Überlingen (8), 2000, [Meyer,M]

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 c5 4.d5 exd5 5.cxd5 d6 6.Sc3 g6 7.e4 Lg7 8.Le2 0-0 9.0-0 Lg4
Die Eröffnungswahl Julians war nicht schwer vorherzusehen. Die einzige offene Frage war, ob er hier 9...Lg4 oder 9...Sbd7 wählen würde. Nach dem Textzug konnte ich weiter der Vorbereitung folgen.
10.h3 Lxf3 11.Lxf3 a6 12.a4 Sbd7 13.Lf4 Dc7 14.Dc2 Tfe8 15.a5!±
Enzyklopädie
15...Tac8
Ich bin froh, mich auch an dieser Stelle noch einmal bei Arnd Lauber für die Partievorbereitung bedanken zu können. Da wir beide 1.d4-Spieler sind, konnte mir Arnd zu allen Eröffnungssystemen wertvolle Tips geben und mein Eröffnungsrepertoire so bedeutend verbessern. In einigen Partien versäumte ich es leider, die Früchte der guten Vorbereitung einzufahren (in der 6. Runde vergaß ich sogar völlig eine vorbereitete Variante und wich im 11. Zug ab!), aber irgendwann wird sich die investierte Arbeit noch auszahlen. Diese Partie ist sozusagen die Krönung der Partievorbereitungen - auch wenn ich mich fragen muß, warum ich diesen Vorteil nicht nutzen konnte. Bis zu meinem 15. Zug war in der Vorbereitung alles auf dem Bildschirm gewesen (nicht etwa auf dem Schachbrett!), und ich hatte Vorteil erreicht. [15...c4 16.Ta4! Tec8 17.Td1 …18.Td4 17...b5 18.axb6 Sxb6 19.Taa1± ??_??a6;c4]
16.Le2
Nachdem Julian mit dem letzten Zug abgewichen war, musste ich nun selber denken, doch zunächst funktionierte das noch ganz gut.
16...h5 17.Tfe1 Sh7 18.Lg3
[18.Lh2?! Ld4 verhindert f2-f4.]
18...Le5 19.f4 Ld4+ 20.Kh1 Shf6 21.Lc4 Kg7
[21...Te7? 22.e5! dxe5 23.d6 Dxd6 24.Dxg6+ sollte Schwarz nicht zulassen.]
22.Ta4?!
Nachdem Weiß f2-f4 durchgesetzt und gleichzeitig c5-c4 verhindert hat, steht er strategisch überlegen. Der Textzug, den ich während der Partie für den perfekten Mehrzweckzug hielt, verfolgt Ideen wie Ld3 nebst Se2, wonach auf d4 ein Bauer hängt, erlaubt jedoch eine Befreiung des Schwarzen. [Verständiger war 22.Lh4± ]
22...Tb8?
[Stattdessen hätte Schwarz sofort 22...b5! 23.axb6 (einziger Zug) Sxb6 24.Lxa6 (einziger Zug) Sxa4 25.Lxc8 Sxb2!= spielen sollen.]
23.Ld3 b5?!
An dieser Stelle nicht mehr so stark.
24.axb6 Dxb6 25.Te2 Ta8 26.Ta1
[In Frage kam auch 26.Ta3 27.Tb3±]
26...Db4
Es droht 27...c4-+
27.Sd1
[Mit 27.Ta4 konnte man noch in die o. g. Variante überleiten.]
27...a5?
Schwächt b5. [Das aktive 27...c4?! reicht allerdings auch nicht aus: 28.Lxc4 (aber nicht 28.Dxc4?! Dxc4 29.Lxc4 Sxe4=) 28...Txe4 (28...Sxe4?! 29.Le1 Dc5 30.b4 Dc8 31.Tc1±) 29.Ta4 Txe2 30.Lxe2 Db6 31.Dc4 zwingt Schwarz schon zu 31...Lg1 und zeitigt nach 32.Dc6 Dxc6 33.dxc6 Sc5 34.Ta3 Ld4 35.b4 klaren weißen Vorteil.]
28.Le1 Db6 29.Se3
Aha. Wie kommt man auf so einen Zug? Ich glaube, dass rein schachpsychologische Erklärungen hier nicht mehr ausreichen. Dass Schwarz sich im 30. Zug sogar aussuchen konnte, die Figur oder den Bauern auf d5 zu schlagen, zeigt, dass das Übersehen von c5-c4 nicht der Grund für diesen katastrophalen Fehler war. In der Tat hatte ich den freiwilligen Abtausch des Läufers d4, der aktivsten schwarzen Figur, nicht einmal in Erwägung gezogen. Der ausschlaggebende Grund dafür war aber meine katastrophale Zeiteinteilung beim gesamten Turnier. Ich war schon so oft in Zeitnot gewesen, dass ich es mir diesmal um jeden Preis ersparen wollte (Dass ich überhaupt knapp an Bedenkzeit war, obwohl ich die ersten 15 Züge herunterblitzen konnte, ist bezeichnend!). Doch dies war eindeutig der falsche Moment, um einen schnellen Zug einzustreuen. Hätte ich gemerkt, dass einer der Schlüsselmomente der Partie herangereift war und es hier gerechtfertigt war, etwas Bedenkzeit zu investieren, hätte vielleicht sogar ich 29.Sc3! mit Vorteil für Weiß finden können.
29...Lxe3 30.Txe3 c4 31.Te2 cxd3 32.Dxd3
Nun hat Weiß eine glatte Figur weniger und die schwarze Stellung muss objektiv gewonnen sein. Allerdings merkte ich bald, dass die schwarzen Springer nicht sehr günstig stehen, und ich nach Lc3 in der Lage sein würde, das strategische Hauptziel dieser Eröffnung - den Vorstoß e4-e5 - durchzusetzen. Direkt nachdem ich 29.Se3 gezogen hatte, hatte ich mich zunächst einmal unglaublich geärgert, ein gutes Turnier mit einem einzigen Zug verdorben zu haben, aber nachdem ich erkannt hatte, dass ich noch Gegenchancen besaß, fühlte ich mich plötzlich sehr ruhig und erleichtert und war bereit weiterzukämpfen.
32...Kg8
[32...Sc5 33.Dd4 … 34.Lc3 33...Kg8 s. u.; 32...Da6 33.Df3 a4-+ ist aber eine gute Möglichkeit für Schwarz. (auf 33...Sxd5? sah ich immerhin noch 34.Txa5+-)]
33.Lc3 Dc5
[33...Sc5 34.Dd4 Dd8 35.Tae1 nebst 36.e5 gibt Weiß starken Angriff auf der Diagonalen a1-h8.]
34.Td1
Der Bauer d5 muß gedeckt werden, um e4-e5 durchsetzen zu können.
34...Te7
Vom Wesen her ein völlig anderer Fehler als meiner im 29. Zug (Julian rechnete natürlich mit 35.e5, übersah aber, dass Weiß nach 36.e6! die Figur zurückgewinnt), der aber ähnlich schlimme Folgen zeitigt. [Stark war 34...h4! …35.e5? Sh5-+]
35.e5
Jetzt ist die Stellung objektiv völlig unklar.
35...Tae8?!
Ignoriert weiterhin die weiße Drohung.
36.e6! fxe6?
[Danach sollte Weiß sogar auf Gewinn stehen, während 36...a4 37.Tde1 Se5 38.fxe5 Dxd5 39.Dxd5 Sxd5 40.exd6 Schwarz Rettungschancen beläßt.]
37.Lxf6 Sxf6 38.Dxg6+ Tg7 39.Dxf6 Dc4 40.Txe6 Tf8 41.Dd4 Txf4 42.Dxc4 Txc4 43.Td2
[Auch das scharfe 43.Txd6 Tc2 44.g4!? …hxg4? 45.Td8+ Kh7 46.d6+- kam in Frage.]
43...Td7
(Einziger Zug)
Obwohl es im letzten und auch im 41. Zug mit 41.Dh6!? schärfere und vielleicht bessere Alternativen gab, kann ich mich nicht dafür tadeln, nach den Aufregungen des Figureneinstellers zunächst die soliden Fortsetzungen gewählt zu haben. Unverständlich ist allerdings, warum ich es nicht geschafft habe, meinem Gegner in diesem Endspiel mit einem klaren Mehrbauern auch nur die geringsten Probleme zu stellen. Zusätzlich zu schachlichen Faktoren kommt auch hier wieder ein allgemeines Problem hinzu: Gegen starke Spieler bin ich oft schon zufrieden, wenn ich unverlierbare Stellungen erhalte und suche nicht konsequent nach Fortsetzungen, die wirkliche Aussichten auf den ganzen Punkt versprechen. Das krasseste Beispiel dieser Art hatte sich in der Runde vor dieser Partie gegen Thomas Pähtz jr. ereignet, als ich in der Freude, eine schlechtere in eine unverlierbare Stellung verwandelt zu haben, die Partie zu einem plötzlichen forcierten Remis versiebte. In der Textpartie kam nun noch etwas hinzu: Ich schaffte es nicht, den vorherigen Partieverlauf außer Acht zu lassen und grübelte darüber, ob ich es moralisch überhaupt verdient hätte, mit einer solchen Leistung eine Partie zu gewinnen. Natürlich wollte ich gewinnen, aber dieser Gedanke lähmte mich so sehr, dass ich mich nicht auf die Suche nach entscheidenden Fortsetzungen konzentrieren konnte, sondern erneut eine sichere Fortsetzung wählte. Ich sah, dass die entstehende Stellung zumindest unverlierbar wäre; allerdings konnte auch ich keine Gewinnversuche unternehmen.
44.Th6 h4 45.g4!
Eigentlich ein guter Zug, allerdings nicht in Verbindung mit meiner Idee.
45...hxg3 46.Tg6+
Kein Fehler, auch wenn 47.Kg2 noch etwas genauer gewesen wäre.
46...Tg7? 47.Txg7+?
Dies war meine Idee gewesen, dem Grundsatz folgend, daß Doppelturmendspiele noch öfter remis sind als Turmendspiele. [Gewinnträchtig war 47.Txd6! g2+ 48.Txg2 Txg2 49.Kxg2 Tc2+ 50.Kf3 Txb2 51.Ta6 Ta2 52.Ta7 Deshalb hätte Schwarz 46...Kh7 spielen müssen.]
47...Kxg7
Diese Stellung ist remis.
48.Kg2 Te4 49.Kxg3 Te5
Mit der Überführung des Turms nach e5 hat Schwarz den korrekten Plan zum Remis gefunden und bot deshalb die Punkteteilung an. Meine ablehnende Antwort bedeutet nicht, daß ich hier noch Gewinnchancen sah, aber ich meine, dass es in einer solchen Stellung dem Spieler mit der besseren Stellung vorbehalten ist, Remis anzubieten.
50.Kf4 Kh6 51.Kg4 Kg6 52.Td3 Te4+ 53.Kf3 1/2-1/2