Wenn man bedenkt, wie viel er spielte, überrascht es nicht, dass La Bourdonnais für seine Züge wenig Bedenkzeit benötigte. Er war ein sehr flotter Spieler. Bei einem Besuch des »Café de la Régence« trat Walker gegen ihn an. »Seine Schnelligkeit war für mich geradezu erschreckend. Man hebt die Hand, um zu ziehen, und schon tauchen die Finger des Franzosen auf; zum Gegenzug bereit, ehe man die eigenen auch nur der Figur genähert hat, die man zu berühren gedenkt. Man zieht, und der Gegner antwortet, bevor man noch seinen Arm zurückgezogen hat. Diese Eilfertigkeit stellt englische Nerven auf eine harte Probe«.
In England ging es damals mit dem Schach steil bergauf. Eine Gruppe starker Spieler machte von sich reden; allen voran Alexander McDonnell aus Irland. McDonnell, Mitglied des Westminster Chess Club in London, führender Vertreter des britischen Schachs und zugleich ein ausgezeichneter Blindspiel er, reiste 1823 nach Paris, um sich mit den französischen Meistern zu messen. Er spielte gegen La Bourdonnais und verlor mehrere Partien. Der gute alte George Walker war auch diesmal dabei. Die beiden Meister, berichtet er, begannen um die Mittagsstunde, und selten endete eine Partie vor sechs oder sieben Uhr abends. Dann erhob sich McDonnell und ging erschöpft nach Hause. La Bourdonnais indessen blieb an seinem Tisch im »Régence« sitzen, nahm ungerührt jeden weiteren Gegner an, der sich ihm stellte, und spielte in bester Laune bis weit nach Mitternacht, während er Zigarren rauchte und Punsch trank. Bis zu vierzig Partien mochte er absolviert haben, wenn er schließlich heimging, um ein paar Stunden zu schlafen, bevor er sein nächstes Gefecht mit McDonnell am folgenden Mittag aufnahm. Zwei Jahre später führ La Bourdonnais nach England, um sich dort umzusehen. Umgänglich und temperamentvoll, ein unbändiger Kämpfer, wurde er zum Liebling der Londoner Schachenthusiasten. So ließ er es sich nicht nehmen, von 1825 bis 1830 immer wieder nach England zu reisen, wo 1834 schließlich ein Wettkampf mit McDonnell vereinbart wurde.
Dies war das erste bedeutende Match der modernen Schachgeschichte. Zu jener Zeit trug man Wettkämpfe ohne besondere Formalitäten aus. Die Anhänger der beiden Kontrahenten brachten eine - meist ziemlich bescheidene - Börse zusammen. Man einigte sich auf Austragungsort und -zeit; die Spieler reisten auf eigene Kosten zum Treffpunkt und eröffneten den Kampf Noch gab es keine Turnieruhren oder sonstige Zeitkontrollen - jeder Spieler konnte buchstäblich stundenlang überlegen, bevor er zog. La Bourdonnais und McDonnell fochten ihren Wettkampf in London aus, und der allgegenwärtige George Walker bat uns einen schwungvollen Kampfbericht hinterlassen.
Die beiden Meister spielten im Westminster Chess Club, an einem Tisch, von dem die Zuschauer noch nicht einmal durch eine Seilabsperrung ferngehalten wurden. Unvorstellbarer Lärm erfüllte den Raum, und man fragt sich, wie sich die Spieler dabei konzentrieren konnten (allerdings muss wohl jeder, der regelmäßig im »Régence« oder im Westminster spielte, gegen den Lärm halbwegs immun geworden sein). Neugierige umdrängten den Tisch und diskutierten lauthals jeden Zug. La Bourdonnais schien das nicht im geringsten zu stören, aber McDonnell wurde sichtlich nervös. Manche Zuschauer gingen soweit, die Partie regelrecht zu unterbrechen, wie Walker zu berichten weiß:»Ich habe miterlebt, wie einer meiner lieben Landsleute den Klubraum betrat, während McDonnell und La Bourdonnais über einer äußerst komplizierten Stellung brüteten. Unser Freund schüttelte jedem der beiden die Hand; dann schob er sich zwischen sie und betrachtete gemächlich das Spiel, wobei er sich buchstäblich auf das Brett stützte, mit beiden Händen mitten zwischen den Figuren. Indes, nach nur einem halben Dutzend Fragen wie: <Ist das Ihre erste Partie heute?,> <Dieser Turm da scheint ja in einer teuflischen Klemme zu stecken.> - und: <Wer ist am Zug?> - ließ er es freundlicherweise zu, dass die Partie ihren Fortgang nahm, wofür ihm die Teilnehmer sicherlich verbunden waren.
«Walker macht den bescheidenen Vorschlag, bei künftigen Begegnungen die Spielfläche mit einer Seidenschnur oder einer sonstigen Schutzvorrichtung abzusperren.
Es kam zu lebhaften und heißumkämpften Partien. Ein Kommentator schrieb: »Auffallend war, dass diese berühmten Künstler im Laufe ihres Wettstreits zu einer immer verwegeneren Spielweise übergingen. Wie zwei stolze Ritter, die Helm und Schild von sich werfen, verschmähten sie sichtlich jede Verteidigung, wenn sie nur mit Schwert und Axt einen tödlichen Schlag gegen ihren Widersacher führen konnten.
« Zwei grundverschiedene Persönlichkeiten saßen einander am Brett gegenüber. La Bourdonnais sprach kein Englisch, McDonnell kein Französisch. McDonnell wirkte steif und schwerfällig und zog unendlich langsam. La Bourdonnais war ungeduldig, leicht erregbar, lachte fröhlich über einen guten Zug und stieß auf Französisch »mit halblauter Stimme ziemlich derbe Flüche aus, wenn ihm das Schicksal übel wollte«. Manchmal brauste er auf, wenn McDonnell allzu lange über einen Zug nachdachte.
Insgesamt spielten die beiden in einer Serie von sechs Wettkämpfen achtundachtzig Partien. La Bourdonnais gewann vierundvierzig und verlor dreißig. Vierzehn endeten remis. An La Bourdonnais' Überlegenheit war nicht zu zweifeln. Man machte Pläne, den Zweikampf fortzusetzen, als McDonnell an Nephrose, einem Nierenleiden, erkrankte und am 14. September 1835 starb. Doch der Ire hätte sicherlich auch einer Verlängerung der Serie den Spieß nicht umdrehen können. La Bourdonnais spielte einfach zu stark. Ein repräsentatives Beispiel für seine Spielweise ist der gekonnte Mattangriff in der sechzehnten Partie, mit dem La Bourdonnais nachweist, dass McDonnell mit der im vierzehnten Zug vom Zaum gebrochenen Attacke seine Stellung unheilbar schwächt und praktisch Selbstmord begeht:
La Bourdonnais - McDonnell
1.d2-d4 d7-d5 2.c2-c4 d5xc4 3.e2-e3 e7-e5 4.Lf1xc4 e5xd4 5.e3xd4 Sg8-f6 6.Sb1-c3 Lf8-e7 7.Sg1-f3 0-0 8.Lc1-e3 c7-c6 9.h2-h3 Sb8-d7 10.Lc4-b3 Sd7-b6 11.0-0 Sf6-d5 12.a2-a4 a7-a5 13.Sf3-e5 Lc8-e6 14.Lb3-c2 f7-f5 15.Dd1-e2 f5-f4 16.Le3-d2 Dd8-e8 17.Ta1-e1 Le6-f7 18.De2-e4 g7-g6 19.Ld2xf4 SdSxf4 20.De4xf4 Lf7-c4 21.Df4-h6 Lc4xf1 22.Lc2xg6 h7xg6 23.Se5xg6 Sb6-c8 24.Dh6-h8+ Kg8-f7 25.Dh8-h7+ Kf7-f6 26.Sg6-f4 Lf1-d3 27.Te1-e6+ Kf6-g5 28.Dh7-h6+ Kg5-f5 29.g2-g4#
Doch es wäre unfair gegenüber McDonnell, nicht auch sein Spiel mit einer Partie zu illustrieren, die ihn von seiner besten Seite zeigt. Die fünfzigste Matchpartie wurde von dem irischen Meister in elegantem Stil gewonnen. In korrekter Einschätzung der Position opferte er seine Dame für zwei Figuren und erkämpfte einen eindrucksvollen Sieg. Wenige Partien sind so häufig in Anthologien abgedruckt worden wie diese. Reuben Fine nennt sie die erste unsterbliche Partie der Schachgeschichte:
La Bourdonnais - McDonnell
1.d2-d4 d7-d5 2.c2-c4 d5xc4 3.e2-e4 e7-e5 4.d4-d5 f7-f5 5.Sb1-c3 Sg8-f6 6.Lf1xc4 Lf8-c5 7.Sg1-f3 Dd8-e7 8.Lc1-g5 Lc5xf2+ 9.Ke1-f1 Lf2-b6 10.Dd1-e2 f5-f4 11.Ta1-d1 Lc8-g4 12.d5-d6 c7xd6 13.Sc3-d5 Sf6xd5 14.Lg5xe7 Sd5-e3+ 15.Kf1-e1 Ke8xe7 16.De2-d3 Th8-d8 17.Td1-d2 Sb8-c6 18.b2-b3 Lb6-a5 19.a2-a3 Ta8-c8 20.Th-g1 b7-b5 21.Lc4xb5 Lg4xf3 22.g2xf3 Sc6-d4 23.Lb5-c4 Sd4xf3+ 24.Ke1-f2 Sf3xd2 25.Tg1xg7+ Ke7-f6 26.Tg7-f7+ Kf6-g6 27.Tf7-b7 Sd2xc4 28.b3xc4 Tc8xc4 29.Dd3-b1 La5-b6 30.Kf2-f3 Tc4-c3 31.Db1-a2 Se3-c4+ 32.Kf3-g4 Td8-g8 33.Tb7xb6 a7xb6 34.Kg4-h4 Kg6-f6 35.Da2-e2 Tg8-g6 36.De2-h5 Sc4-e3 Weiß gab auf
Nach dem Wettkampf gegen McDonnell hätte man La Bourdonnais als Weltmeister bezeichnen können, wenn dieser Titel im Schach damals schon verwendet worden wäre. So begnügte sich der Franzose mit dem Beifall der Zuschauer und kehrte nach Paris zurück, wo er 1836 die erste Schachzeitschrift der Welt, La Palaméde (Nach dem sagenhaften griechischen König Palamedes benannt, dem angeblichen Erfinder des Schachspiels, der vor Troja gesteinigt wurde.), gründete und herausgab. Kurz darauf bekam er die Wassersucht und blieb von nun an kränklich. Bald besaß er keinen Pfennig mehr. Deshalb war er heilfroh, als ihm der Chess Divan in London 1840 eine Stellung als Berufsspieler des Hauses anbot. Sein Gehalt betrug zwei Guineen die Woche, gerade genug, um zu leben. Er reiste mit seiner Frau nach London und war die ersten Tage fröhlich und guter Dinge. Dann brach er zusammen »und wurde in sein Logis getragen, von Schmerzen gepeinigt, ein Bild des Jammers«, wie Walker berichtet. Der Arzt stellte außer der Wassersucht einen Hodenbruch fest. In aller Eile bildete man eine Kommission, die für den leidenden Meister Geld sammelte. »Dank britischer Hilfsbereitschaft kamen wir in kürzester Frist auf hundert Pfund Sterling«. Noch einmal quälte sich La Bourdonnais aus dem Bett, um seine Arbeit wiederaufzunehmen, doch seine Lebenskraft war verbraucht. Nur 43 Jahre alt starb er am 13. Dezember 1840.
Seine Nachfolge als stärkster Spieler Frankreichs trat Pierre Saint-Amant an, und mit ihm ging die französische Vorherrschaft im internationalen Schach zu Ende. Nie wieder brachte Frankreich einen Spieler von echtem Großmeister-Format hervor. Ab 1847 zog sich Saint-Amant zunehmend zurück, auch wenn er danach noch viele Jahre weiterlebte. Denn im Gegensatz zu La Bourdonnais, der sich voll und ganz dem Schach widmete, übte Saint-Amant verschiedene Berufe aus. Geboren am 2. September 1800 (nach anderen Quellen am 12. September) in Montflanquin, ging er früh in den Staatsdienst und war 1819 bis 1821 in Französisch-Guayana stationiert. Nach Paris zurückgekehrt, wurde er zum ständigen Besucher des »Cafe de la Régence«, zur gleichen Zeit wie ein weiterer talentierter Spieler, Lionel Kieseritzky aus Livland. Kieseritzky konnte es durchaus mit Saint-Amant aufnehmen; allerdings gehörte er zu jenen Spielern, die zwar einen brillanten Angriff aufs Brett zaubern können, aber nicht genügend Stehvermögen besitzen. Sein Leben verlief tragisch; er wurde geisteskrank und starb bettelarm im Jahre 1853.
Saint-Amant nahm Unterricht bei Deschapelles und übertraf bald seinen Lehrmeister. Doch er sah für sich keine Zukunft im Schach, und so versuchte er sich als Journalist (erfolglos), als Schauspieler (erfolglos) und als Weinhändler (mit sehr viel besserem Ergebnis). Er heiratete eine Frau, der man das Temperament einer Xanthippe nachsagte. Saint-Amant jedenfalls lebte in Angst und Schrecken vor »dieser energischen und ein wenig despotischen Dame«. Stammgäste im »Café de la Régence« amüsierten sich immer wieder über den Tanz, den Saint-Amant und seine Gattin jeden Tag aufs neue vollführten: Zu einer bestimmten Zeit vernahm man ein sanftes Klopfen am Fenster. »Dieses nichtige Signal war ein Befehl, derart, dass er ihn nicht zu missachten wagte, aus Furcht, seiner Bouillon, des Lächeln seines Weibes und der ehelichen Freuden verlustig zu gehen. Unverzüglich pflegte er seine Schnupftabakdose zu schließen, seine Partie aufzugeben, sich zwischen Stühlen und Tischen wie ein Aal hindurchzuwinden; er vergaß zu zahlen, er vergaß - was ein Verbrechen war -, die schöne Herrin des Etablissements zu grüßen, und hastete atemlos nach Hause«.
1836 führ er nach England und schlug einige der führenden Spieler des Landes. Sieben Jahre später reiste er erneut dorthin und besiegte den besten von allen, Howard Staunton. Diesen Wettkampf allerdings gewann Saint-Amant nur mit dem hauchdünnen Vorsprung von einem Punkt. Noch im gleichen Jahr gab er Staunton eine Revanche, diesmal in Paris, und hier bezog der Franzose schwere Prügel: Staunton gewann elf Partien, verlor nur sechs und remisierte vier. Nach dieser Abfuhr spielte Saint-Amant nur noch wenig Schach. Er war eitel wie die meisten Großmeister, und wenn er nicht der beste sein konnte, spielte er nicht mehr mit. Statt dessen widmete er sich der Zeitschrift La Palaméde, die er seit dem Tode La Bourdonnais' herausgab, und trat wieder in königliche Dienste. Das Geschick, mit dem er sich während der Revolution von 1848 aus der Affäre zog, trug dazu bei, seine Zukunft zu sichern. Damals diente er als Hauptmann der Nationalgarde und (um aus einer britischen Publikation zu zitieren) »stand an der Spitze seiner Kompanie, als der revolutionäre Mob die Tuilerien stürmte«. Saint-Arnant hielt die Stellung »und es gelang ihm, die Menschenmassen so sehr von ihrem boshaften Absichten abzubringen, dass sie, anstatt den Palast zu zerstören, ihn durch Akklamation zum Kommandanten wählten«. Im Auftrag der Regierung ging Saint-Amant 1851-1852 als Konsul nach Kalifornien - ein Jammer, denn anderenfalls hätte man ihn vielleicht überreden können, am Londoner Turnier von 1851 teilzunehmen, zu dem alle Spitzenspieler Europas eingeladen wurden. Nach der Rückkehr aus Kalifornien ließ sich Saint-Arnant in Algerien nieder. Schach bedeutete ihm nichts mehr. Er kam durch einen Unfall ums Leben; er wurde aus seinem Wagen geschleudert und erlag am 29. Oktober 1872 seinen Verletzungen.
Heino Wittenberg
(Quelle »Die Großmeister des Schach« von Harold C. Schonberg)
2001-01-02