Offener Brief an den Delmenhorster SK

SV Werder Bremen
- Schachabteilung -

Bremen, den 8.1.2001

Sehr geehrter Herr Wenke,

Ihr Schreiben vom 20.11.2000 habe ich mit großer Bestürzung gelesen, dokumentiert es doch, daß dem sportlichen Abstieg Ihres Vereins nunmehr auch das Verlassen bisher selbstverständlicher Standards der Umgangsformen folgt. Ich sehe mich daher gezwungen, die folgenden Zeilen als offenen Brief der Redaktion der Rochade Bremen mit der Bitte um Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen.

Zum Verständnis: Es gehört zu den Gepflogenheiten unseres Vereins, Gastmannschaften aus der 1. und 2. Bundesliga samt Betreuern während der Punktspiele bei uns kostenlos mit Getränken zu versorgen - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber nur von wenigen Vereinen praktiziert wurde und wird, leider nicht vom Delmenhorster SK.

Zur Sache: Zu Beginn der Einzelrunde der Bundesligasaison 1999/2000 zwischen dem Delmenhorster SK und dem SV Werder Bremen im Januar letzten Jahres habe ich Sie, Herr Wenke, angesprochen, ob Sie es nicht auch für angemessen hielten, nach insgesamt fast 5-jähriger Partnerschaft in der Bundesliga nunmehr eine Gegeneinladung für unsere Mannschaft auszusprechen. Nach kurzer Beratung haben Sie dann unsere Mannschaft eingeladen, wobei Ihre ehemaligen Vereinsmitglieder Otto Borik und Martin Breutigam gegenüber unserem Kapitän C.D. Meyer äußerten, sie hätten angenommen, eine solche Regelung gäbe es schon längst.

Anläßlich Ihres nächsten Heimspiels Ende Januar habe ich Sie dann darauf angesprochen, ob die Einladung weiter gelte, was von Ihnen ausdrücklich bejaht wurde. Ich konnte also davon ausgehen, daß wir nunmehr eine Vereinbarung auf Gegenseitigkeit bezüglich der Getränkeversorgung der Spieler während des Wettkampfs hatten.

Um so erstaunter waren wir, als wir mit Datum vom 18. April eine Rechnung des »Airfield-Hotels« in Höhe von DM 305,30 erhielten, wobei sich diese Rechnung nicht nur auf die üblichen - und einzig erlaubten - nichtalkoholischen Getränke bezog, sondern auch verschiedene Biere sowie warme Essen in Höhe von rund DM 150.- enthielt. Ich habe Ihnen mit Datum vom 28. April eine Kopie dieser Rechnung sowie meines entsprechenden Schreibens an das Hotel geschickt, in dem ich darauf verwies, daß es sich bei den Essen und Alkoholica um ein Buchungsirrtum handeln müßte, während der Rest vereinbarungsgemäß von Ihrem Verein übernommen würde.

Rund zwei Monate später, mit Datum vom 22. Juni (!), erhielt ich ein Schreiben Ihres Mannschaftsführers Dr. Dornieden. Darin hieß es u.a., wir müssten unser Verzehrkonto selber überwachen und dann wörtlich: »Daß übrigens Werderaner Vereinsmitglieder recht ausgiebig verzehrt haben, ist mir selbst noch in guter Erinnerung.« Wir halten zunächst fest, daß es nicht um »Werderaner Vereinsmitglieder«, sondern ausschließlich um die Spieler der ersten Mannschaft geht, für die das »Werder-Konto« eingerichtet war. Dornieden fährt dann fort: »Der SK Delmenhorst hat den Verzehr während der Wettkämpfe für Werderaner Schachspieler einmalig für die Veranstaltung am 29./30.1. in Ganderkesee übernommen. Da der SV Werder an diesen beiden Tagen einen Verzehr in fast exakt der gleichen Höhe gehabt hat wie am 8./9.4., ist ein derartiges Angebot unsererseits für die letzten beiden Bundesligarunden unterblieben.«

Lassen wir die internen Widersprüche und Unrichtigkeiten dieser Darstellung einmal ganz außer Acht (wieso wusste der DSK vor der Doppelrunde schon, dass danach ein Betrag in gleicher Höhe anfallen würde, schon zur Einzelrunde waren wir eingeladen worden etc.), dann steht in diesem Schreiben nicht mehr und nicht weniger, als daß der SV Werder die Gastfreundschaft des DSK rücksichtslos und absprachewidrig ausgenutzt habe und deshalb eine Fortsetzung dieser Einladungen nicht in Frage komme. Zunächst wird verschwiegen, daß wir die Rechtmäßigkeit von rund 50% der Rechnung selbst und offiziell bestritten haben, was zumindest Ihnen ja bekannt war. Daß unsere Spieler bei Bier und Schnitzel am Brett saßen, wird ja wohl niemand behaupten. Wie unglaublich aber diese Anschuldigung ist, möge die folgende Rechnung verdeutlichen: Seit der Saison 1995/96 hat - Delmenhorsts Abstieg 97/98 schon abgerechnet - der SV Werder den DSK allein in der Bundesliga in sechs Doppelrunden und drei Einzelrunden zu Gast gehabt. Dabei haben wir für die Bewirtung der Delmenhorster Mannschaft (übrigens meist inklusive des Mannschaftsführers Dr. Dornieden) pro Tag zwischen DM 90 und DM 150 ausgegeben, gemittelt also DM 1.800, was eher die untere als die obere Grenze darstellt. Wohlgemerkt, diese Leistungen haben wir bis zum Jahr 2000 ohne jede Gegenleistung erbracht.

Ich habe nun diesen Brief des von mir geschätzten Schachfreunds Dornieden zunächst nicht weiter beachtet und ihn auch nicht meinen Vorstandskollegen zur Kenntnis gegeben. Zwei Gründe haben mich dazu bewogen:

  1. Hatten wir unsere Vereinbarung ja mit dem Vereinsvorsitzenden und nicht mit einem Delmenhorster Mannschaftsführer getroffen.
  2. Aber war kurz vor dem Dornieden-Schreiben der Rückzug des DSK aus der Bundesliga und das finanzielle Desaster des Klubs bekannt geworden. Ich hoffte, die Delmenhorster Vereinsführung würde nach Abklingen der Aufregung sich zu ihrer Gastfreundschaft bekennen.

Inzwischen ging unser Schriftwechsel mit dem Management des sauberen »Airfield-Hotels« weiter, das uns schließlich mitteilte, nunmehr »gegen unseren Lieblingsverein Werder Bremen« (so wörtlich!) gerichtlich vorgehen zu wollen.

Da endlich, mit Datum vom 20. November, also sieben Monate (!) nach meinem Schreiben, erhalte ich Antwort von Ihnen, in der Sie lapidar mitteilen, daß die Dornieden-Darstellungen »absolut zutreffend«, wir also ausgeladen seien.

Wir haben inzwischen die Rechnung bezahlt, sogar auf Beschluß des Vorstands aus übergeordneten Gesichtspunkten, nicht wegen Anerkennung der Ansprüche, auch den strittigen Restbetrag, und teilen Ihnen nunmehr folgendes mit:

Der Vorstand der Schachabteilung des SV Werder Bremen bedauert zutiefst, daß über die gesunde sportliche Rivalität hinaus ein derartig unkameradschaftliches und unsolidarisches Verhalten seitens der Vereinsführung des DSK Platz gegriffen hat. Auch die tiefe momentane Krise Ihres Vereins kann da nicht als Entschuldigung herhalten. Wir hoffen allerdings, durch die Veröffentlichung dieser Verunglimpfungen gegen unseren Verein Wiederholungen dieser Art vermeiden zu können, und erklären ausdrücklich, daß wir uns einer öffentlichen Entschuldigung nicht verschließen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Till Schelz-Brandenburg
- Vorsitzender -

Stellungnahme des Delmenhorster SK zum offenen Brief des SV Werder Bremen

Der Delmenhorster SK von 1931 e.V. wird sich nicht auf das Niveau dieses offenen Briefes begeben. Falls tatsächlich öffentliches Interesse an einer Verzehrrechnung der Schachabteilung des SV Werder Bremen bestehen sollte, bin ich gerne zu persönlichen Gesprächen bereit, um unsere Sicht der Dinge darzustellen.

Heiko Wenke
- Präsident -