Schachtraining: Kreativität wider Willen oder das fehlende Beispiel

von Jürgen Tönjes

Wer sich mit Schachtraining, -ausbildung oder -lehre befasst, wird im Regelfall auf irgendwelche entsprechende Literatur als Hilfe zurückgreifen und mehr oder minder nach dem in dieser Literatur vorgegebenen Konzept verfahren. So auch meine Wenigkeit bei vier älteren schachinteressierten Herrschaften: Alle dem Anfängerstatus knapp entwachsen und begeisterte Hobbyspieler untereinander.

Für die eigenen Zwecke erschien mir hierzu die Zug um Zug-Reihe des Deutschen Schachbunds (DSB) als brauchbares Hilfsmittel. Diese Bücher sind zwar eher für den Unterricht mit Kindern und Jugendlichen gedacht, aber gerade relativ einfach und klar geschriebene Kinderbücher können auch Erwachsenen schwierige Dinge begreifbarer machen. Auch weil die drei Büchlein modulweise einsetzbar sind und nicht alle drei Bücher zwangsweise verwendet werden müssen (der DSB hätte es wohl gern, aber: ätsch, das denkt er auch nur). So hat sich bei mir durch den Unterricht, eine Zeit lang u.a. tatsächlich mit Kindern und Jugendlichen, hauptsächlich und intensiver jetzt nur noch mit Erwachsenen, folgender Eindruck über diese Bücher verfestigt:

Doch das nur am Rande. In einer Unterrichtsstunde war allerdings das Thema »Unterverwandlung« mal wieder Gegenstand, als die von mir gestellte Aufgabe 40 aus Band 1 auf S. 58 nicht gelöst werden konnte:

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
........
..B.....
........
........
........
...t....
..K.....
k.......

Schwarz am Zug

1... Td4! und immer wieder scheiterten Gewinnversuche wie:

  1. 2.c8D? Tc4+! 3.Dxc4 patt oder
  2. 2.Kc3 Td1 3.c8D?? Tc1+ 0-1,
  3. 2.Kc3 Td1 3.Kc2 Td4 (ätsch, ätsch Zugwiederholung)

Des Pudels Kern ist, wie die »Profis« wissen (oder etwa nicht?!?), 1... Td4 2.c8T! Ta4 (wegen 3.Ta8+ nebst 4.Txa4# erzwungen) 3.Kb3! (jetzt droht Tc1#) und Schwarz wird matt oder muss seinen Turm hergeben 1-0.

Dieses Beispiel demonstriert sehr schön, dass also manchmal nur die Unterverwandlung in einen Turm zum gewünschten Partiegewinn führt. Ebenso auch die folgende einfache und eigentlich anspruchlose Stellung:

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
........
......B.
........
........
........
........
..K.....
k.......

Weiß am Zug hat bereits, dem Raffgierinstinkt folgend, 1.g7-g8 gezogen und muss nun umwandeln. 1. g8D? oder 1. g8L? patt verdirbt den Gewinn und ein Springtier reicht bekanntlich nicht zum mattsetzen. Also sollte er 1.g8T! Ka2 2.Ta8# spielen, um die Partie zu gewinnen.


Auch das Beispiel für Unterverwandlung in einen Springer, in Band 1 auf S. 47 als Aufgabe 34 präsentiert, lässt nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig.

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
......st
.....Bbk
.......b
........
........
........
b.....BB
.......K

Weiß am Zug

Klar, dass hier nur 1.f8S!!# den Tag für Weiß rettet. Alles andere verliert rasend schnell.

Überhaupt lassen sich noch relativ leicht und einfach partienahe Situationen konstruieren, wo das Auftauchen eines Springtieres auf einem Umwandlungsfeld den Tag rettet, wie z. B. auch nachfolgend:

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
......k.
T....bb.
..bl...b
........
...L....
....SDBB
..B.bBK.
.t......

Schwarz am Zug
Eigenbau Jürgen Tönjes (Urdruck, 02.04.2001)

Drückende Materialüberlegenheit von Weiß. Wäre Weiß am Zug würde sofort 1. Dxf7+ Kh8 2. Dxg7# folgen. Ebenso passiert dies einen Zug später, wenn Schwarz meint durch 1... e1D?? seinen Materialrückstand aufholen zu müssen. Ein regelrechter »Blockbuster« bzw. ein »Sprengtier« für die weiße Stellung ist deshalb:

1... e1S+!! 2. Kf1 (auch andere Königszüge helfen nicht) 2... Sxf3+ 3. Ke2 bzw. Kg2 Sxd4 4. Td7 Lc5 und Schwarz hat, nachdem er die weiße Angriffsstellung auseinandergesprengt hat, gute Siegchancen mit der Mehrfigur im Endspiel.
Es könnte jetzt der Eindruck entstehen, daß der/die dozierende Schachfreund(in) eigentlich gegen lästige Fragen von Seiten der Schüler(innen) zu diesem Thema bestens gerüstet ist. Aber wie das mit Schachschüler(n/innen) so ist. Vieles begreifen sie auf Anhieb nicht, aber die Lücke im didaktischen Lehrkonzept der Schachliteratur wird sofort gefunden und gnadenlos offengelegt!

»Zeigen Sie uns mal ein Beispiel, wo die Umwandlung in einen Läufer erzwungen ist« tönte es aus der Reihe. »Genau, wir wollen jetzt auch mal ein Beispiel für einen Gewinn durch Umwandlung in den Läufer sehen« wurde nachgelegt. ›Mut zur Lücke‹ oder ›Das macht unnötig Arbeit‹ mögen sich die Zug um Zug-Autoren gedacht haben, ›Typisch DSB, wenn es schwieriger wird lässt er einen im Regen stehen und man sieht nur die Staubwolke von den Verantwortlichen‹ war eher mein erster Gedanke. Hierfür gibt es kein Beispiel in den Zug um Zug-Büchern und in anderen Anfängerbüchern anscheinend auch nicht! Leider sind die Unterverwandlungen in einen Läufer auch nicht so leicht herzuleiten, wie für Springer oder Turm. Also Zeitschinden von Seiten des Dozenten und ein mit heißer Nadel gestricktes Beispiel, welches aber letztlich auch keine für den Gewinn zwingende Läuferumwandlung hergab. Dumm gelaufen! Problemschach kann ich nicht, weiß ich nicht, interessiert mich eigentlich auch nicht und ist mir überhaupt viel zu schwierig. Trotzdem stellen mich solche Vorfälle nicht richtig zufrieden und ein möglichst:

Beispiel für zwingende Umwandlung in einen Läufer sollte eigentlich doch noch gefunden werden. Also noch einmal ein Versuch im stillen Kämmerlein, wo sich ein Stellungsbild zum Hurraerlebnis verfestigte, Rückfrage bei Schachfreund Lothar Cordes, ob es weitere Beispiele in Literatur oder Schachdatenbanken gibt und ob ein identisches Beispiel schon einmal konstruiert bzw. komponiert wurde. Die Antwort war teilweise überraschend: »Ich habe Deine Stellung Fritz 6 vorgegeben. Es realisiert die Läuferumwandlung sofort und findet ein Matt in 5 Zügen!« ›Donnerwetter, soweit war von mir eigentlich gar nicht kalkuliert worden‹, war der entsprechende Gedanke meinerseits 1).

Ein daraufhin vollzogener entsprechender »Elchtest« mit dem eigenen etwas betagteren und schwächeren PSION CHESS für Atari (1986 von Richard Lang entwickelt) ergab ein identisches Ergebnis. Sowohl auf 2 sec- (zweitunterste Stufe), 6 sec- und 4 min-Stufe (höchste Stufe) findet das Programm das fünfzügige Matt in ca. zehn Sekunden und wandelt sofort in einen Läufer um. Auch die Schachschüler(innen) fanden das konstruierte Beispiel klar und einfach nachvollziehbar! Tatsächlich gibt es auch ein ähnliches 1792 erstelltes Beispiel (nicht identisch, mehr Steine, leicht modifizierte Stellung, Grundprinzip gleich) eines unbekannten Verfassers 2).

Für interessierte Leser(innen) nachfolgend nun das von mir gefundene Beispiel:

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
k.s.....
b.K.B...
B.......
........
........
........
........
........

Thema: Gewinn durch Unterverwandlung in einen Läufer
Weiß am Zug, Matt in 5 Zügen
Eigenbau Jürgen Tönjes (Urdruck vom 25.03.2001, sofern keine Gegenreklamation erfolgt)

Zur Problemstellung: der schwarze Ka8 ist schon auf dem richtigen Feld festgesetzt und sollte es auch bleiben. Schwarz droht aber 1... Sxe7, was den Gewinn für Weiß verderben würde. Zunächst also das Ausschlussverfahren für nicht funktionierende Gewinnversuche. Klar ist, dass:

  1. 1.e8D?, e8T? und 1.Kxc8? zum Patt und somit Remis führen.
  2. auf 1.Kd8? oder 1.Kd7? folgt 1... Sxe7 2.Kxe7 Kb8 und Weiß kann ebenfalls nicht mehr gewinnen.
  3. nach 1.Kc6?? Sxe7+ 2.Kc7 Sd5+ 3.Kc6 Sb4+ usw. ist Weiß u. U. sogar auf der Verliererstraße.
  4. Bleibt noch 1.e8S Sb6 nebst 1... Sc8, 2... Sb6 usw. und Weiß muss ... Kb8 zulassen oder kommt mit bloßen Springerzügen nicht weiter bzw. Kxc8 führt wieder zum Patt

Zur Lösung: 1.e8L!! Se7 (sonst 2.Lc6#) 2.Lf7!(verhindert 2... Sd5+ und Folgeschachgebote von Schwarz mit dem Springer und/oder die Aufgabe des wichtigen Kontrollfeldes c7 durch den weißen König) 2... Sc6! (3.Kxc6? Kb8 mit Remis, da immer wieder Patt droht bevor Weiß zum Mattsetzen kommt und der schwarze König nicht zwangsläufig aus der Ecke gedrängt werden kann oder 3.Ld5?? Patt) 3.Lg6! Der weiße Läufer möchte auf der Diagonalen h1-a8 das Feld e4 besetzen, was der schwarze Springer nicht kontrollieren kann (3.Le6 Sb4, 3.Le8 Sb4, 3.Lh5 Sd4, 3.Lc4 Sb4) 3... Sb4 4.Le4+ Sd5 5.Lxd5# (4... Sc6 5.Lxc6#)

Q.e.d. und wer Interesse hat schneidet sich dieses Beispiel aus oder hebt die entsprechende LSB Rochade Nr. auf und braucht nicht mehr die bohrende Frage nach einem Beispiel für Unterverwandlung in einen Läufer zu fürchten, selber danach zu suchen oder am Ende selbst zu basteln.

Die eigenen Witze findet man ja häufig am lustigsten, aber nachfolgend noch zwei sehr schöne Beispiele für Unterverwandlung in einen Läufer aus der Fachliteratur bzw. Datenbank, die mir Lothar Cordes freundlicherweise zur Verfügung stellte:

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
........
.......B
........
B..B....
........
k...l...
b.......
K..L....

Weiß am Zug, von Calvi 1836

  1. Alle Züge außer h7-h8 von Weiß verlieren wegen 1...Ld4#
  2. 1.h8S und 1.h8T scheitern ebenfalls an 1... Ld4#
  3. 1.h8D hingegen erzeugt nach 1... Ld4+ 2.Dxd4 ein Patt von Schwarz
  4. Bleibt also zum Gewinnen nur die Umwandlung in einen Läufer für Weiß!



Weiß am Zug
  ABCDEFGH
........
...B...k
........
..s...K.
.....S..
......L.
........
........

Weiß am Zug, von Troitzki 1924

  1. Auf nicht 1.d8 folgt 1... Sxd7 und Weiß kann nicht mehr gewinnen
  2. 1.d8D? oder 1.d8T? folgt 1... Se6+ 2.Sxe6 patt,
  3. 1.d8S Se4+ 2.Kh4 Sxg3 3.Kxg3 und 2 Springer können nicht mehr matt setzen
  4. Also 1.d8L, falls 1... Se6+ 2.Sxe6 und zwei schwarzfeldrige Läufer plus Springer reichen aus oder 1... Se4+ 2.Kh4 Sxg3 3.Kxg3 macht nichts für Weiß, weil der Ld8 hinzugekommen ist. Man sollte allerdings die Mattführung K+L+S:K sicher beherrschen, womit ja manchmal auch GM ihre Schwierigkeiten haben ...



Anmerkungen:

  1. Wo sich wieder einmal die Volksweisheit bewahrheitet, dass die dümmsten Bauern oftmals die dicksten Kartoffeln ernten. Zurück
  2. Woraus man folgern könnte, dass der durchschnittliche Schachspieler von heute auch nicht viel schlauer ist als sein Kollege vor 200 Jahren oder das Schachspiel als solches bemerkenswert wenig Fortschritte gemacht hat. Zurück

2001-05-05