Dr. Till Schelz-Brandenburg im Interview

(ug). Anlässlich der erfolgreichen Bundesligasaison 2000/01 der Schachspieler des SV Werder Bremen führte die Rochade Bremen ein Interview mit Dr. Schelz-Brandenburg, Abteilungsleiter Schach beim SV Werder Bremen. Über den Bundesligabereich hinaus gab Dr. Schelz-Brandenburg auch Auskunft über andere Bereiche seines Vereins.

Rochade Bremen: Herr Dr. Schelz-Brandenburg, erst mal Glückwunsch für die erfolgreiche Bundesligasaison ihrer Mannschaft. Sicherlich auch ein Ergebnis kontinuierlicher Arbeit?

Dr. Schelz-Brandenburg: Ja.

Rochade Bremen: Basis für den 4. Platz war unserer Meinung nach die homogene Mannschaftsleistung, bei der Pelletier mit 8,5 Punkten aus 13 Partien herausragte. Wie beurteilen Sie die Leistungen der einzelnen Spieler?

Dr. Schelz-Brandenburg: Thomas Schaaf würde sagen, ich mache keine Einzelkritik in der Öffentlichkeit. Aber an Ihrer These ist wenig auszusetzen, wobei nicht genug betont werden kann, wie wichtig ein gutes Mannschaftsklima ist. Viele glauben es nicht, aber es ist eine schlichte Tatsache, daß eine Schachmannschaft mehr (oder weniger) ist als die Summe ihrer Einzelspieler. Dazu kommt natürlich, daß unsere jungen Spieler, neben Pelletier Luke McShane und Sven Joachim, gezeigt haben, daß sie noch zulegen können.

Rochade Bremen: In aller Munde ist die Teilnahme der Schachspieler des SV Werder Bremen am Europapokal im September in Kreta. Teilnahmeberechtigt sind allerdings nur die drei Erstplatzierten der Bundesliga. Ist schon sicher, dass eine dieser Mannschaften auf ihr Startrecht verzichtet?

Dr. Schelz-Brandenburg: Vor zig Jahren - es gab da mal einen Skandal in Wien - hat die SG Porz erklärt, in Zukunft prinzipiell auf eine Europapokalteilnahme zu verzichten, so daß der 4. Platz als sportliche Qualifikation gelten kann. Mir ist zudem gerade von Sportdirektor Kasper mitgeteilt worden, daß auch der Meister, der Lübecker SV, auf eine Teilnahme verzichtet. Es ist gut möglich, daß wir die einzige deutsche Vertretung auf Kreta sein werden.

Rochade Bremen: Die Nichtteilnahme ergibt sich ja häufig aus Terminproblemen der Spieler und auch aus finanziellen Gründen. Wie ist diesbezüglich die Lage beim SV Werder Bremen?

Dr. Schelz-Brandenburg: Der Verzicht von Lübeck beruht, soweit ich weiß, vor allem darauf, daß deren Stars auch bei anderen Vereinen spielen und aus welchen Gründen auch immer dort bereits Zusagen für den Europapokal gegeben haben. Das macht den kleinen Unterschied aus: Bei uns haben alle Spieler - auch die, die mit anderen Vereinen ebenfalls die Qualifikation schafften - erklärt, daß Werder für sie Priorität habe, und zwar ohne daß über Geld gesprochen worden war. Einzig die Teilnahme von Yannick Pelletier ist noch nicht ganz klar. Er wohnt in Biel, Biel ist Meister der Schweiz geworden, und er fühlt sich moralisch verpflichtet, dort zu spielen, wenn denn die Eidgenossen teilnehmen. Was das Finanzielle angeht, gibt es einen Grundsatz, der für alle Abteilungen beim SV Werder gilt: Erreichte Erfolge werden auch finanziert - was nicht heißt, daß uns zusätzliche Sponsoren unwillkommen wären.

Rochade Bremen: Herr Dr. Schelz-Brandenburg, Sie haben sich in den letzten Monaten aktiv in die Diskussion zur Umstrukturierung der Bundesliga eingebracht. Wird sich die Bundesliga in der Saison 2001/02 in einem neuen Gesicht zeigen?

Dr. Schelz-Brandenburg: Ich hoffe und erwarte das. Der kommende Kongreß des DSB wird über eine Bundesligakommission entscheiden, ein Gremium ähnlich dem Liga-Ausschuss im Fußball, das paritätisch von den BL-Vereinen und dem DSB beschickt wird und die Kompetenz für alle die BL betreffenden Angelegenheiten haben soll. Eine Nicht-Annahme der vom DSB-Vizepräsidenten formulierten entsprechenden Satzungsänderung würde ich als Kriegserklärung an die Bundesliga betrachten, ich gehe aber von einer Zustimmung aus. Ganz konkret wird in der nächsten Saison z.B. das starre Pärchensystem aufgelöst, so daß die gerade von uns immer wieder eingebrachte Forderung, mehr Heimspiele zu haben, erfüllt werden kann.

Rochade Bremen: Wird auch die 1. Mannschaft des SV Werder Bremen ein neues Gesicht bekommen?

Dr. Schelz-Brandenburg: Wir haben uns im letzten Jahr mit Sven Joachim verstärkt und sind ja dafür bekannt, Kontinuität zu schätzen. Unser Spitzenmann Hracek z.B. spielt seit 10 Jahren bei uns. Sollte nicht etwas ganz Unvorhersehbares passieren, wird es bei uns keine Umbrüche geben.

Rochade Bremen: Ihrer homepage ist zu entnehmen, dass die 2. Mannschaft womöglich doch nicht aus der 2. Bundesliga-Nord absteigen muss. Was verbirgt sich hinter dieser Annahme?

Dr. Schelz-Brandenburg: Wir haben eine Anfrage von offizieller Seite vorliegen, ob wir auch in der nächsten Saison in der 2. BL-Nord spielen würden, da ein Verein (welcher das ist, wurde mir nicht gesagt) einen Rückzug signalisiert habe. Selbstverständlich sind wir dazu bereit, wahrscheinlich wird sich dies aber erst zum 1.6., dem Mannschafts-Meldeschluss, herausstellen.

Rochade Bremen: Wo wir schon bei den anderen Mannschaften sind. Während die 1. Mannschaft ihr bestes Ergebnis in der 1. Bundesliga erreicht hat, steht die 2 Mannschaft, wie schon ausgeführt, auf einem Abstiegsplatz und die dritte Mannschaft ist, zum zweiten Mal in Folge, abgestiegen. Verfügt der Verein noch über einen ausreichend starken Unterbau?

Dr. Schelz-Brandenburg: Auch wenn der Grundsatz gilt: Die Tabelle lügt nicht, sollte man auch die konkreten Umstände in der 2.BL-Nord berücksichtigen: So hat der Spieler Lieb von Zehlendorf im Kampf gegen uns an Brett 8, in der letzten Runde gegen den DSK an Brett 3 gespielt. Und der mit Abstand größte deutsche Schachverein, der HSK, hat es wieder nicht geschafft, seine 2. Mannschaft in die 2. BL zu bringen. Aber wir haben es schon selber vermasselt, entscheidend war das magere 4:4 gegen nur sieben Delmenhorster. Bei der 3. Mannschaft war in dieser Saison schlicht der Wurm drin. Ihre Frage ist dennoch insofern berechtigt, als wir in der Tat im Bereich von 2000 - 2200 DWZ ein gewisses Loch haben. Wir streben aber in beiden Fällen den sofortigen Wiederaufstieg an.

Rochade Bremen: Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus. Gibt es dort Jugendspieler, bei denen langfristig die Chance besteht, in die 1. Mannschaft zu kommen?

Dr. Schelz-Brandenburg: Zunächst ist festzuhalten, daß unsere Jugendabteilung für sich allein genommen mit rund 50 Mitgliedern inzwischen der viertgrößte Verein im Landesschachbund wäre und sich auch qualitativ sehen lassen kann: Nicht weniger als 6 der jüngst vergebenen 10 Bremer Jugendtitel gingen an uns. Doch der Weg von der U 10 in die Bundesliga ist natürlich lang. Wir haben zweifellos einige herausragende Talente, ich nenne nur den 7-jährigen Simon Schäfer, der mit 7/7 die U 10-Meisterschaften gewonnen hat, doch wo diese in 8-10 Jahren stehen werden, kann keiner vorhersagen. Allerdings: Eine solche Karriere möglich zu machen, dafür versuchen wir - übrigens mit nicht zu unterschätzendem personellen und finanziellen Aufwand - die Voraussetzungen zu bieten, genauso allerdings auch, den sozialen und breitensportlichen Aspekt des Schach zu fördern. Auch wenn das vielleicht ein wenig pathetisch klingt: Für mich war die Teilnahme eines unserer Jugendlichen, der im Rollstuhl sitzen muß und sich nur mit Hilfe eines Sprachcomputers verständigen kann, an den jüngsten Meisterschaften ein mindestens ebenso großer Erfolg wie die diversen Titel.

Rochade Bremen: Herr Dr. Schelz-Brandenburg, vielen Dank für das Gespräch.