Familiäre Atmosphäre beim Diemer Gedächnisturnier

von Jürgen Tönjes

Im tiefen Süden der Republik, in Gengenbach-Fußbach/Baden, fand am Samstag den 26.05.2001 nunmehr zum 11. Mal das Emil-Joseph-Diemer Gedächtnisturnier statt.

Sicher war es zunächst nicht, aber Dank sanfter Überredungskunst von SF Georg Studier ließ sich der Pressereferent des Pfälzischen Schachbundes Volker Drüke als bewährter Organisator der vorherigen Gedächtnisturniere ein weiteres Mal zur Organisation dieses Kleinturnieres bewegen. Die Teilnehmerzahl bewegte sich im Gegensatz zum Vorjahr mit 8 (acht) Teilnehmern wieder im einstelligen Bereich. Woran lag es diesmal? Sicherlich wie in den Jahren zuvor auch, dass das Turnier sehr eröffnungsspezifisch ist und das Interessentenklientel über ganz Deutschland und die Nachbarländer verteilt ist. Somit sind ggf. weite Anreisen erforderlich und der finanzielle Aufwand dafür ist nicht zu unterschätzen. Dazu kommt, dass der Gasthof Rebstock als aus Traditionsgründen gewählter Spielort (Diemer's Stammgaststätte) relativ abgelegen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen ist.

In meinem Fall waren es die letzten Kilometer, die wieder etwas teurer und exklusiver zurückgelegt werden mussten. Die Bahnverbindung, mit Anreise am 25.05.01 um 23:53 Uhr ab Bremen per Nachtzug bis Bruchsal und anschließendem zweimaligen Umsteigen bis Gengenbach, funktionierte noch reibungslos. Der Komfort der Liegewagen im Nachtzug ist auch ganz brauchbar, so dass bei mir von Übermüdung eigentlich keine Rede sein konnte und einem einigermaßen ausgeschlafenem Turnierstart von meiner Seite aus auch nichts im Wege stand. Allerdings landet man, zumindest Samstags, spätestens am Gengenbacher Bahnhof im verkehrstechnisch totem Winkel. Der Bahnbus fährt zu völlig unpassenden Zeiten im 2h-Takt und die einzig vernünftig bequeme Alternative ins 5 km entfernte Fußbach lautet: TAXI!!

Dies reichte für mich noch um zeitig zum Meldeschluss um 9:15 Uhr anwesend zu sein. Das Turnier konnte, von mir aus gesehen, beginnen.

Aber auch hier gab es, genau wie bei der Osterholzer Kreismeisterschaft, eine Schlafmütze. Turnierleiter Drüke hatte zwar Einladungen per Post an potentielle Interessenten und Teilnehmer früherer Jahre versendet, eine Ausschreibung in der Rochade Europa getätigt und auch in den Regionalausgaben von Baden, der Pfalz und Hessen die Werbetrommel gerührt. Aber wie sollte er auch ahnen können, dass

  1. Briefe verloren gehen,
  2. Schachfreunde vielfach über Kurzzeitgedächtnisse verfügen und
  3. die Rochade Europa nicht abonniert oder gelesen wird.

Somit wartete das illustre Teilnehmerfeld samt Turnierleiter nun gespannt auf SF Studier, Diemers langjährigen Wegbegleiter und Initiator dieses Turniers, zumal er auch noch weitere Schachfreunde mitbringen wollte. Studier machte sich allerdings, nichtsahnend im häuslichen Domizil in Freiburg/Breisgau, einen gemütlichen Sonnabend. Bis ihn ein Telefonanruf aufschreckte... Natürlich eilte er noch pflichtbewusst per Pkw zum Turnierort und stockte auch den Preisgeldfonds etwas auf, das Turnier musste allerdings aus Zeitgründen dann doch ohne seinen Initiator stattfinden.

Mit ca. 45 min Verspätung begann also das recht familiäre 11. Diemer Memorial. Zunächst lief das Turnier für mich auch recht gut an. SF Bubenhofer aus Sassbach bezog in Runde 1 seine erste und einzige Niederlage und der ehemalige badische U12-Jugendmeister Heiko Adler konnte mich nicht stoppen. In Runde 3 deutete sich allerdings die erste Schwächeerscheinung bei mir an. Es gelang nicht den vollen Punkt gegen Hellmut Kauffmann, den nominell stärksten Teilnehmer und härtesten Konkurrenten um den Turniersieg, herauszuspielen. Es folgte lediglich eine Punkteteilung. Auch Runde 4 gegen meinen alten SF Volker Drüke war nicht eben glorreich. Nur sehr schwerfällig und mit etwas Glück konnte ich ihm den vollen Punkt abnehmen. Aufgrund der besseren Buchholzzahl lag die Turnierführung aber immer noch bei mir, dicht verfolgt von SF Hellmut Kauffmann. Schlussrunde 5 musste die Turnierentscheidung bringen. Ein überhastet und zu schablonenhaft vorgetragener Angriff gegen die Teichmann-Verteidigung nebst einigen kleinen Ungenauigkeiten entschied den Tag. SF Franz Sifnatsch konnte meine Gratulation entgegennehmen, sein etwas mageres Punktekonto aufstocken und zu einem kleinen Triumphmarsch im Turniersaal ansetzen. Auch von den übrigen Teilnehmern wurde sein Sieg als kleine Sensation gewertet. »Wenn Sie jetzt Remis spielen sind Sie Turniersieger«, wurde nun SF Kauffmann in seiner noch laufenden Partie von den umstehenden Kiebitzen angefeuert. Tatsächlich ließ sich SF Kauffmann auch bei etwas knapper Zeit, aber besserer Stellung und zwei satten Mehrfiguren zu einem Sicherheitsremis hinreißen.

Schachmuse Caissa hatte allerdings andere Pläne:

Schon zu seinen Lebzeiten hatte Diemer immer gegen überängstliches Sicherheitsdenken, Schieberremisen, turniertaktisches Kalkulieren u.ä. gewettert und einen Kreuzzug geführt. Entsprechend rächte sich dieses Verhalten auch bei seinem ureigenen Gedenkturnier! SF Heiko Adler beschloss das Turnier mit 3 Punkte und einem Sieg zu beenden und sicherte dem nach Runde 1 stark aufspielenden Götz Bubenhofer somit die bessere Buchholzzahl vor dem punktgleichen Hellmut Kauffmann. Überraschender Turniersieger also Götz Bubenhofer (vgl. Tabelle).

Einige weitere Turnierstreiflichter:

Schwarzseher gab es auch bei diesem Turnier mehrere. So wurden dem Artikelschreiber von Runde 1 bis 3 dreimal hintereinander in Folge die schwarzen Steine zugelost. Dies hatte allerdings seine Richtigkeit und erwies sich nicht als Nachteil. Und Schwarz sah der Turnierleiter bei den Ergebnismeldungen. Etwa 75% der gespielten Partien endeten zu Gunsten von Schwarz.

Das Spiellokal hat sich zu einem modernen Gasthof entwickelt. Umfangreiche Renovierungen und Modernisierungen haben aus einer etwas schummrig und verraucht wirkenden Gaststätte mit düsterem Hinterzimmer helle freundliche Räume gemacht, in denen nun auch größere Feierlichkeiten abgehalten werden können. Auch Übernachtungen sind im Gegensatz zu früher nunmehr möglich.

Essen und Trinken waren wieder zur Zufriedenheit aller Schachfreunde. Vor Turnierbeginn stand ein Frühstücksbüffet für Stärkungen zur Verfügung, während der Mittagspause bot die Speisekarte neben den üblichen Menüs auch eine Auswahl saisonaler Köstlichkeiten.

Diemer höchstselbst ist nun seit etwas über 10 Jahren tot und bereits Schachgeschichte. Während der Renovierungsphase gänzlich aus dem Rebstock verschwunden, beobachtet er jetzt wieder vom Foto aus die Aktivitäten seiner einstigen Wirtin Frau Schilli im Thekenbereich der Gaststube.

Sonstiges: ein weiteres Thematurnier zum BDG am gleichen Spielort ist für das Jahr 2002 geplant.

Endstand 11. Diemer Gedächnisturnier vom 26.05.01


Pl. Name                Ort           Pkt  BH 1  BH 2  + = -
 1. Bubenhofer, Götz    Sassbach      4.0  10.0  67.5  4 0 1
 2. Kauffmann, Hellmut  Emmendingen   4.0   9.0  70.0  3 2 0
 3. Tönjes, Jürgen      Bremen        3.5  15.0  57.5  3 1 1
 4. Adler, Heiko        Emmendingen   3.0  11.0  66.0  3 0 2
 5. Drüke, Volker       Ludwigshafen  2.0  14.0  61.5  2 0 3
 6. Sifnatsch, Franz    Emmendingen   2.0  13.5  62.5  2 0 3
 7. Herrmann, Ewald     Schutterwald  1.0  13.5  57.5  1 0 4
 8. Schmidt, Friedrich  Schutterwald  0.5  14.0  57.5  0 1 4