Wer war der Fernschachspieler Dr. Eduard Dyckhoff?

(ug). Wenn ein Gedenkturnier veranstaltet wird, stellt sich auch immer die Frage nach der Person für die die Veranstaltung organisiert wird (vgl. Artikel »Vom ‘Wochenendflohmarkt’ zu einem Stückchen Schachgeschichte«). Wer war also Dr. Eduard Dyckhoff? Selbstverständlich gibt das Turnierbuch zum Gedenkturnier hierüber Auskunft:

»... Am 14 November 1880 wurde Eduard Dyckhoff in Augsburg geboren. Nach dem Abschluss des juristischen Studiums und der Promotion als Dr. jur. war er als Staatsanwalt, Richter, Syndikus, Rechtsanwalt und in seinen letzten Lebensjahren wieder als Richter tätig.

Mit 14 Jahren erlernte er das Schachspiel, schon als Zwanzigjähriger war er Teilnehmer am Hauptturnier des Deutschen Schachbundes in München. Zweimal errang er den Titel eines bayrischen Meisters, 1913 in Kitzingen und 1942 in Starnberg. Bereits als Fünfzehnjähriger spielte er Fernschach. Seinen unvergänglichen Ruhm als Fernschachmeister erwarb er in den Jahren 1929-1937.

Nach dem ersten Weltkrieg hatte sich Dr. Dyckhoff fast ganz vom Schachspiel zurückgezogen. Aber auch an ihm bewahrheitete sich das Wort: ›On revient toujours à ses premiers amours!‹. 1929 kehrte er als fast Fünfzigjähriger zu seiner ersten ›großen Liebe‹, dem Fernschach, zurück. Er tat es mit dem jugendlichen Feuer eines Zwanzigjährigen, mit dem vitalen Tatendrang eines Dreißigjährigen und mit der reifen Schaffenskraft eines Vierzigjährigen.

In den europäischen Spitzenturnieren jener Jahre errang er einzigartige Erfolge. Es waren die Bundesmeisterschaften des Internationalen Fernschachbundes (IFSB), die als Europameisterschaften im Fernschach zu werten sind. Dreimal hintereinander – 1929, 1930 und 1931 – wurde er Sieger. In der denkwürdigen IFSB-Bundesmeisterschaft 1932, die in Chalupetzkys berühmten Fernturnierbuch festgehalten ist, wurde er Zweiter hinter Hans Müller, und 1936/37 nochmals Zweiter hinter Prof. Dr. M. Vidmar. Gegen die Elite des europäischen Fernschachs spielte er in diesen fünf Turnieren insgesamt 50 Partien. Nicht eine einzige ging verloren! 21 Partien endeten remis, 29 gewann er, u.a. gegen Dr. Adam, Dr. Balogh, Batik, Desler, W. Henneberger, Dr. Napolitano, Szigeti. Außerdem spielte Dr. Dyckhoff am 1. Brett für Deutschland in mehreren Länderkämpfen, u. a. bei der IFSB-Fernschacholympiade 1935/39.

Während des zweiten Weltkrieges beteiligte er sich an einigen nationalen Fernturnieren in Deutschland, u. a. an zwei Großturnieren der ›Deutschen Schachzeitung‹, von denen er das eine als Sieger beendete und in dem anderen den Sieg mit B. Koch und Dr. Schäfer teilte, u. a. vor Klaus Junge.

Als sich nach Kriegsende die deutschen Fernschachspieler wieder zu sammeln begannen, war Dr. Dyckhoff freudigen Herzens mit dabei. Noch einmal betrat er die Arena des internationalen Fernschachs, in der er so viele glanzvolle Erfolge erstritten hatte, doch nur zwei seiner Partien in den Länderturnieren des Welt-Fernschachbundes konnte er beenden, es waren Siege über Beni und B. Koch. An den Ende 1947 begonnenen Vorkämpfen zur Ersten Fernschach-Weltmeisterschaft konnte er sich nicht mehr beteiligen. Einem so harten Kampf waren seine körperlichen Kräfte nicht mehr gewachsen. Über seinem Leben lag bereits der Schatten des Todes, dessen unerbittliches Schachmatt am 2. März 1949 die Erlösung von schwerem Leiden war.

Dr. Dyckhoffs theoretische Forschungen, insbesondere in der orthodoxen und n der Tarrasch-Verteidigung des Damengambits, sind allgemein bekannt, weniger vielleicht, dass er bereits 1902 den Gambitzug 3... f5 in der spanischen Partie mit 4.Sc3! widerlegte, was u. a. auch Keres und Dr. Euwe in ihren eröffnungstheoretischen Werken erwähnen.

Noch einige Angaben über Dr. Dyckhoffs schachorganisatorisches und schachliterarisches Wirken, wobei die organisatorische Arbeit verständlicherweise im Schatten seines Ruhmes als Fernschachmeister steht.

1919-1923 Vorsitzender des Bayrischen Schachbundes, nach 1929 mehrere Jahre Vorstandsmitglied im Internationalen Fernschachbund (IFSB), der 1928 gegründet wurde mit der Zielsetzung, eine organisierte internationale Zusammenarbeit im Fernschach zu schaffen, und der in Europa den Boden bereitete für die nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte Gründung des Weltfernschachbundes. 1900-1903 Leiter der Akademischen Schachblätter, 1907-1908 Leiter der Süddeutschen Schachblätter, 1928-1933 Leiter des Schachfunks beim Rundfunksender München, 1930-1934 Redakteur der Zeitschrift ›Fernschach‹. Wenige Monate vor seinem Tode erschien 1948 im ›Caissa-Verlag‹ sein reizendes Büchlein ›Fernschach-Kurzschlüsse‹.

Besondere Bedeutung innerhalb Dr. Dyckhoffs schachliterarischem und schachjournalistischem Schaffen besitzt sein Artikel ›Fernschach – das Idealschach‹, veröffentlicht im Juniheft 1929 der damals soeben aus der Taufe gehobenen Zeitschrift ›Fernschach‹. Er war wie ein Stich in ein Wespennest. Revolutionär und revolutionierend zugleich wirkte er. In den lebhaften Debatten, die er auslöste, fehlte es neben begeisterter Zustimmung nicht an heftigen Vorwürfen, so u. a. dem einer allzu einseitigen Sicht. Aber jene Kritiker übersahen, dass diese ›Einseitigkeit‹ nichts weiter war als die natürliche Reaktion auf die damals vorherrschende Meinung, Fernschach sei nichts anderes als eine ›Nebenvariante des Nahschachs‹ und besitze keinen eigenen, in sich selbst begründet liegenden Wert. Der umstrittene Artikel war ein Gegenschlag gegen die jahrzehntelange unverdiente Geringschätzung des Fernschachs.

Heute gibt es keine Frontstellung mehr ›Fernschach contra Nahschach‹ oder ›Nahschach contra Fernschach'. Das Ringen um die Emanzipation des Fernschachs ist eine historische Reminiszenz geworden. Was damals 1929 der Wunschtraum weniger war, nämlich der organisierte internationale Zusammenschluss der Fernschachspieler und die Anerkennung des Fernschachs als eigengeartete, selbständige Form schachlichen Wettstreits, ist heute längst Realität ...«

(Quelle: »Dr. Dyckhoff-Fernschach Gedenkturnier 1954/56«, S. 7f, Berlin 1958).