Vom »Wochenendflohmarkt« zu einem kleinen Stückchen Schachgeschichte

Der Bremer Hermann Heemsoth beim Dr. Dyckhoff-Fernschach Gedenkturnier 1954/56

von Ulrich Giese

Ähnlich wie in Bremen an der Weser kann man in Berlin an den Wochenenden Trödelmärkte besuchen gehen. Nahe meines Wohnsitzes im Bezirk Kreuzberg findet sich ein derartiger Markt fest in der Hand türkischer Mitbewohner. Das Angebot reicht von neuwertigen Handys und Hemden bis zu einzelnen Tellern und Gabeln! Insbesondere letzteres bestimmt die Auslagen, wobei es sich häufig um die letzten Reste von Wohnungsauflösungen zu handeln scheint. Wie man von derartigen Resten seinen Lebensunterhalt bestreiten kann – es gibt in Berlin zahlreiche offizielle Läden mit einem derartigen Warenangebot – ist mir ein Rätsel.

Häufig im Angebot sind Bücher, die bei einem Preis von 2 bis 3 DM auch gebraucht durchaus attraktiv erscheinen. Der Versuchung eine komplette Sammlung der Schriften von Marx und Engels zu erwerben, habe ich aus Mangel an Stellfläche bisher widerstehen können. Dem eher seltenen Angebot von Schachbüchern konnte ich mich vor zwei Wochen dagegen nicht verschließen.

Um 10 Bücher à 2 DM habe ich meine bescheidene Sammlung erweitern können. Weniger Theorieabhandlungen sondern zeithistorische Titel wie »Kampf der Nationen – XIII. Schacholympiade München 1958« bilden dabei den Hauptbestandteil. Eine Widmung in diesem Buch aus dem Jahr 1968 durch den DSV der DDR (vertreten durch den Trainer Merten) gab auch Auskunft über den Vorbesitzer. Kritisch habe ich mich kurz mit dem Gedanken auseinandergesetzt, ob denn meine Buchsammlung mit allerlei anderem Hab und Gut irgendwann einmal auf einem Flohmarkt landet. Das werde ich wohl nicht ausschließen können; ich hoffe nur, dass dann die verwertenden Anverwandten zumindest aus den Bilderrahmen die Familienbilder entnehmen und auch die anderen persönlichen Dinge einer anderen Verwertung zuführen.

Im dem ebenfalls hierbei erworbenen Buch »Dr.-Dyckhoff-Fernschach-Gedenkturnier 1954/56«, erschienen 1958 in Berlin, traf ich auf einen bekannten Bremer Nah- und Fernschachmeister: Hermann Heemsoth.

1.860 Teilnehmer traten in verschiedenen Klassen zu dem Dr.-Dyckhoff-Fernschach-Gedenkturnier 1954/56 an, bei dem in 190 Turniergruppen 8.856 Partien gespielt wurden. An der Spitze dieses Teilnehmerfeldes vereinte die Einladungsgruppe die besten Fernschachspieler der Welt, zu denen auch Hermann Heemsoth gezählt wurde. Mit neun Punkten aus 15 Partien bestätigte der Bremer mit Platz 7 in der Endabrechnung diese Einschätzung. Sieger des Turniers wurde unbesiegt mit dem außerordentlich Ergebnis von 93 Prozent (14 Punkte aus 15 Partien) der Bamberger Lothar Schmidt gefolgt vom späteren III. Fernschachweltmeister, dem Belgier Alberic Graf O'Kelly de Galway, der auf 12 Punkte kam.

Neben dem Kampf um die Siegerkronen fanden auch ein Wettbewerb um Schönheitspreise nach Klassen gegliedert und Sonderwettbewerbe (Kurzpartien, Eröffnungsbehandlung und Endspielbehandlung) statt. Hermann Heemsoth belegte in der Einladungsgruppe der Meisterklasse für seine Partie gegen den Amerikaner Tears den fünften Platz bei den Schönheitspreisen (Preisrichter Dr. M. Euwe) und gleichzeitig den dritten Platz bei den Eröffnungspreisen (Preisrichter E. Grünfeld). Grund genug einen Blick auf diese Partie zusammen mit dem Originalkommentar von Heemsoth zu werfen:

C. F. Tears (USA) – H. Heemsoth (Bremen)
(Anmerkungen: H. Heemsoth / Quelle: "Dr. Dyckhoff-Fernschach Gedenkturnier 1954/56", S. 74f, Berlin 1958)
Dr. Dyckhoff-Fernschach Gedenkturnier 1954/56 — Einladungsgruppe

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Sxe4 6.d4 b5 7.d5 Ein interessanter Zug, den Kurt Richter mit Erfolg gegen Eliskases, Bad Nauheim 1935, anwandte. Ob er vollkommen korrekt ist, muss nach dieser Partie bezweifelt werden. Die Standardfortsetzung 7.Lb3 d5 8.dxe5 Le6 verdient daher wohl den Vorzug. 7... bxa4 Schwächer ist 7... Se7 wie die Kurzpartie K. Richter gegen Cortlever, München 1941, zeigte: 7... Se7 8.Te1 Sc5 (besser d6) 9.Sxe5 d6 (9... Sxa4? 10.Df3! f6 11.Dh5+) 10.Sc6 Dd7 11.Lg5 Dg4 12.Dxg4 Lxg4 13.Lxe7 Sxa4 14.Lxd6+ Kd7 15.Lxf8 aufgegeben wegen Figurenverlust. 8. dxc6 d6 9.De2 Üblich ist an dieser Stelle 9.Te1 Sf6 10.c4 Le6 11.Dxa4 Le7 12.Sc3 0-0 Eliskases gegen Snosko-Borowsky 1937 und Zollner gegen Johner, Zürich 1938. 9... f5! Diese Neuerung war auch gegen 9.Te1 beabsichtigt. 10.Sbd2 Sf6 11.Dc4 Le7 12.Te1 Tb8 13.Dxa4 0-0 14.Sf1 De8 15.Se3 Tb6! Einleitung zu einer weit berechneten Opferkombination. 16.Sc4 Txc6 17.Le3 Dies war der Plan des Weißen: Der Turm wird umzingelt und hat keine Fluchtfelder mehr. 17... Ld7 18.Sa5 Tc5 19.Db3+ Td5 Solche witzigen Treppengänge eines Turmes sieht man wohl selten in einer Schachpartie. 20.Sb7 Auf 20.Tad1 folgt 20... Db8! 20... f4! 21.c4 Weiß ist am Ziel seiner Wünsche: Er hat den Turm eingekreist und erobert nun die Qualität. Der Preis ist jedoch zu hoch, denn der schwarze Angriff auf den weißen König wächst zu einem Orkan an. Andererseits kann Weiß jetzt nicht mehr zurück. Spielt er nämlich 21.Lc1 oder 21.Ld2, so folgt 21... e4 und der Turm hat die Fesseln gesprengt: (I) 21.Lc1 e4 22.Sg5 Dg6! 23.Sxe4? Dxe4! oder (II) 21.Ld2 e4 22.Sg5 Kh8 23.Sxe4 Tb5! und gewinnt. 21... fxe3 22.cxd5 exf2+ 23.Kxf2 e4 24.Sd4 Sg4+ 25.Kg1 25.Ke2 Tf2+ 26.Kd1 La4. 25... Lf6! 26.Sc6 Auf 26.Dd1 folgt 26... De5 27.Sf3 Dxb2 und das weiße Haus brennt an allen Ecken. 26.Tad1 scheitert an 26... Lxd4+ 27.Txd4 De5 und gewinnt. Der folgende Problemzug wäre auch nach 26.Se6 oder 26.Se2 gefolgt. 26... Ld4+!!

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
. . . . d t k .
. S b l . . b b
b . S b . . . .
. . . B . . . .
. . . l b . s .
. D . . . . . .
B B . . . . B B
T . . . T . K .

27.Sxd4 Die Annahme des Läuferopfers ist erzwungen, denn auf 27.Kh1 folgt 27... Dh5 28.Dg3 Lf2 und gewinnt oder 28.h3 Tf3!! und gewinnt. Hätte Weiß 26.Sf3 (statt 26.Sc6) gespielt, wäre folgende Abwicklung erfolgt: 26... Ld4+! 27.Kh1 (27.Sxd4 führt zur Partiefortsetzung.) 27... Dh5 und gewinnt. 27... De5! Im Augenblick hat Schwarz einen Turm weniger. Durch die Mattdrohung gewinnt er jedoch das Material mit Zinsen zurück. 28.Dg3 Noch am besten. 28.Sf3 scheitert an 28... Txf3! und 28.g3 an 28... Dxd4+ 29.Kh1 Df2. 28... Dxd4+ 29.Kh1 Db6! Und nicht 29... Dxd5 wegen 30.Db3! Nach dem Textzug ist der Sb7 verloren und kann wegen erstickten Matts in vier Zügen nicht durch Db3 gedeckt werden. 30.Sxd6 Sf2+ 31.Kg1 cxd6 32. De3 Auf 32.Tf1 würde 32... Sd1+! sofort entscheiden. 32... Dxb2! 33.Tf1 Lb5 34.Db6 Falls 34.Tab1 so 34... Dxa2 35.Ta1 Db2 36.Tab1 Dc2 37.Tbc1 Dd3 und gewinnt. 34... De5 35.Tfc1 e3! Weiß gab auf. 0-1 Auf 36.a4 folgt 36... Sg4 37.g3 Sxh2 38.axb5 (38.Kxh2 Tf2+ nebst Matt in zwei Zügen.) 38... Dxg3+ 39.Kh1 Sf3 oder 36.g3 De4 oder 36.h3 Sxh3+! 37.gxh3 Dg3+ 38.Kh1 Le2.

Partie im PGN-Format

Endtabelle Einladungsgruppe 1/Meisterklasse – Dr.-Dyckhoff-Fernschach-Gedenkturnier 1954/56


Pl. Name             Staat / Ort Pkte
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 1. L. Schmid        Bamberg     14,0
 2. A. O'Kelly       Belgien     12,0
 3. J. Nielsen       Dänemark    10,5
 4. B. Koch          Berlin      10,5
 5. Dr. L. Bigot     Frankreich  10,0
 6. M. C. Salm       Australien   9,5 
 7. H. Heemsoth      Bremen       9,0
 8. L. Watzl         Österreich   9,0
 9. O. Barda         Norwegen     7,5
10. L. Marini        Argentinien  7,0
11. R. W. Bonham     England      6,0
12. C. F. Tears      USA          5,5
13. Dr.M. Napolitano Italien      4,5
14. C. Hayes         Südafrika    2,5
15. Dr. M. G. Sturm  Trinidad     2,5
16. Dr. E. Adam      Frankfurt/M  0,0
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