Simultan in der Bremer Partnerstadt Riga

(Schach-Info der BSG - von Rolf Hundack)

Seit 1985 ist Riga Partnerstadt Bremens. Kontakte der Bremer SG nach Riga gibt es aber schon länger, so spielte Ex-Weltmeister Michail Tal hier schon Anfang der achtziger Jahre Simultan. Und ebenso noch 1999 der lettische, inzwischen ebenfalls verstorbene Großmeister Vladimir Bagirow. »Riga-Kontaktmann« der Bremer SG ist Axel Reeh, seit den siebziger Jahren aktiv in der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft Bremen, inzwischen heißt sie West-Ost-Gesellschaft Bremen. Axel Reeh organisierte es auch, dass beim Besuch Rigas einer größeren Bremer Delegation Ende Mai zwei Spieler der Bremer SG, Martin Breutigam und Rolf Hundack, mitfahren konnten und er selbst war natürlich auch dabei.

Rund 250 BremerInnen machten sich auf den, wie sich herausstellen sollte, trotz Flugs ziemlich beschwerlichen Weg, um an den 800-Jahr-Feierlichkeiten der Hansestadt Riga teilzunehmen. Und man hatte sogar eine offizielle Mission, nämlich die Bundesrepublik bei den Feiern zu vertreten. So stiegen neben der knapp 60köpfigen Gruppe des Landessportbundes (zu der auch die drei BSGler gehörten) PolitikerInnen, Behördenvertreterlnnen, Leute aus Kunst und Kultur und andere mehr in die Flieger. Um zumindest aus dem ersten am Donnerstag morgen bald wieder aussteigen zu müssen. Denn die Durchsagen aus dem Cockpit, dass es »too much traffic in the flight zone over germany« geben würde – während doch in Bremen an diesem Morgen offensichtlich kein Flugzeug startete oder landete – entpuppten sich rund eine Stunde später als »problems with our left machine«. Zunächst war die Cockpitbesatzung aufgeregt im engen Charterflugzeug hin und her gerannt. um dann längere Zeit nicht mehr aufzutauchen. Als einige Passagiere draußen nachguckten, fand man sie – am linken Triebwerk – wieder. Der Bordingenieur versuchte mühsam auf einem Klappergestell, dessen Arbeitsplattform wohl schon vor Jahren verlorengegangen war, Halt zu finden, hielt sich mit einer Hand am Triebwerk fest, um mit echtem Schrottwerkzeug zu versuchen, irgendwelche Schrauben, die ihm von unten gereicht wurden, ins Getriebe zu drehen. Wenig vertrauenserweckend, zumal das Ding ohnehin nur drei Düsen hatte.

Also raus aus dem Flugzeug und wieder rein in die Abflughalle. Dort versuchte allerlei Bremer Politprominenz per Handy entsprechenden Druck zu entwickeln, dass uns eine Ersatzmaschine geschickt wird. Die wurde schließlich zugesagt und sollte gegen Mittag eintreffen (wozu war man eigentlich um 6 Uhr aufgestanden?). Dadurch ergaben sich weitere logistische Probleme, sollte doch eigentlich dieses eine Flugzeug morgens nach Riga fliegen, dann wieder zurückkommen, um mittags die zweite Hälfte der Bremer Delegation nach Lettland zu bringen. Nach mehrstündigem Warten kam dann auch ein zweiter Lat Charter-Flieger. Doch zu früh gefreut, denn inzwischen war »unsere« Maschine vom Flughafenpersonal repariert worden (und sollte einen halbstündigen Triebwerkstest bestanden haben) – und wir stiegen, eher widerwillig, wieder ein.

Mit einigen Stunden Verspätung gestartet, waren dann auch noch auf dem Rigaer Flughafen zunächst einige Koffer nicht auffindbar. So kamen wir schließlich mit rund sieben Stunden Verzögerung in Riga an. Das war nicht nur nervenaufreibend, sondern damit war zugleich das am Donnerstag Nachmittag vorgesehene private Freizeitprogramm erledigt. Denn der Freitag und Samstag waren mit Programmpunkten dicht gefüllt. Neben der Teilnahme an offiziellen Veranstaltungen (Empfängen und Reden in noblen Gemäuern) sollten wir vor allem simultan spielen, und zwar – das hatten wir uns ausgebeten – gegen SpielerInnen mit Wertungszahlen, die mindestens 400 Punkten unter unseren liegen.

Los ging's am Freitagmorgen für Martin Breutigam in den Räumen der Lettischen Schachföderation gegen etwa 15 jüngere Jugendliche mit einem Uhren-Handicap-Simultan. Die Aufgabe wurde souverän gemeistert. Am Nachmittag spielte Rolf Hundack im Zelt des Landessportbundes Bremen zwar an nur sechs Brettern, doch hier konnten sich, war eine Partie beendet, sofort wieder neue SpielerInnen setzen. Hier tauchten einige der anscheinend ziemlich schachbegeisterten jungen Leute wieder auf, gegen die Martin schon am Vormittag gespielt hatte. Anstrengender als das Spielen war da schon die beträchtliche Lärmkulisse, die im Zelt herrschte, und – nach einigen Kilometern Herumwanderns – das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes, auf dem das Zelt stand. Blessuren konnten wir aber höchstens beim an den offiziellen Empfang der Stadt Riga für die Bremer Gruppen anschließenden kalten Büfett erleiden. Obwohl doch gerade Leute aus Politik und Kultur hier einige Übung haben, entwickelte mancher von ihnen ein Verhalten wie auf dem Football-Platz, Drängeln und Ellbogenchecks eingeschlossen.

Am Samstag hatten wir beide je eine Niederlage einzustecken. Wie's bei Martin war, weiß ich nicht mehr, ich jedenfalls stand einem jungen Mann gegenüber, der eine lange Theorievariante herunterzockte (und sie viel besser als ich kannte), und mit dem ich wohl auch in einer normalen Turnierpartie meine Schwierigkeiten gehabt hätte. Das war am Nachmittag bei der Lettischen Schachföderation. Hier mussten außerdem zahlreiche Partien Remis gegeben werden, weil ansonsten die – offizielle – Ballettaufführung im Theater nicht mehr zu schaffen gewesen wäre. Am Vormittag hatte es noch ganz andere Probleme gegeben. Da leider vergessen wurde das Zelt im Boden zu verankern, hatte es der Wind in der Nacht einige Meter mitgenommen, und nun war es stark einsturzgefährdet. Also Tische und Spiele aus dem Zelt geholt und vor die Bühne gestellt, um dann bei Blas- und Volksmusik und allerlei anderem Rumtata einigermaßen vernünftig Schach spielen zu sollen.

Insgesamt war das für uns beide schon eine interessante Erfahrung, allerdings haben wir von der Stadt kaum etwas gesehen. Was dort auf jeden Fall auffüllt, ist eine durch den ökonomischen Transformationsprozess verursachte überall zu beobachtende soziale Verelendung vor allem älterer Leute, die zumeist mit etwa 50 bis 60 Mark Rente im Monat auskommen müssen. So sie denn überhaupt im Innenstadtbild zu sehen waren, fast nur als BettlerInnen oder, für umgerechnet ein paar Pfennige, BlumenverkäuferInnen. Demgegenüber ist das Preisniveau sehr hoch, und liegt, zum Beispiel bei Bekleidung und technischen Geräten, trotz wesentlich niedrigerer Löhne und Gehälter, deutlich über dem deutschen.