Siegreich in Paris

Schach-Info der BSG
von Florian Mossakowski

Ende August machte ich mich relativ spontan auf nach Paris, um dort an einem Open teilzunehmen. Da ich im Internet widersprüchliche Angaben über das Turnier gefunden hatte, und die Organisatoren auch nicht auf meine eMail antworteten (vielleicht hätte ich es auf Französisch versuchen sollen, erstaunlicherweise sprechen viele Franzosen kaum Englisch) war ich, als ich im Nachtzug nach Paris saß, noch gar nicht so sicher, ob meine Teilnahme überhaupt klappen würde. Die Alternative, eine Woche in Paris ohne Schach Urlaub zu machen, war allerdings auch nicht die schlechteste...

In Paris angekommen, erfuhr ich dann erst mal, dass statt der in einigen Ausschreibungen erwähnten neun Runden nur sieben Runden gespielt werden sollten, was meine Hoffnungen auf eine eventuelle IM-Norm schon gleich vor der ersten Runde zunichte machten. Dafür ließ ein Blick auf die Teilnehmerinnenliste vermuten, dass ich bei dem Turnier ganz gute Chancen hätte vorne mitzuspielen, zumindest war ich an Nummer zwei gesetzt. Da ich über dreieinhalb Monate keine einzige Turnierpartie mehr gespielt hatte, wollte ich das Turnier zunächst zur Standortbestimmung vor der neuen Saison verwenden.

Ein großer Vorteil des Turniers war der stressfreie Zeitplan, es wurde jeden Nachmittag um 16 Uhr eine Runde gespielt so blieb der Vormittag in der Regel für den Besuch der in Paris sehr zahlreich vorhandenen Museen und sonstigen Sehenswürdigkeiten. Am Nachmittag wurde Schach gespielt und abends konnte das vielfältige Pariser Nachtleben genossen werden. In der Jugendherberge habe ich recht schnell einige nette Leute kennen gelernt, so dass ich die außerschachlichen Aktivitäten nicht allein unternehmen musste. lnteressant war dabei vor allem die sehr internationale Zusammensetzung unserer kleinen Gruppe: ein Mexikaner, eine Russin, eine Spanierin, eine Japanerin und eben ein Deutscher! Ein kleiner Nachteil in Paris ist, dass die Metro zwischen ein und sechs Uhr morgens nicht fährt, so dass man entweder ein Taxi nehmen früh in der Jugendherberge sein oder durchmachen muss. Wir haben von allen drei Möglichkeiten Gebrauch gemacht. Zum Glück hatte ich nach der durchgemachten Nacht den schwächsten Gegner im Schachturnier.

Da mir die außerschachlichen Aktivitäten sehr viel Spaß gemacht haben, ging ich recht entspannt und unverkrampft ans Schachspielen. In den ersten drei Runden hatte ich durchweg gegen deutlich schwächer eingestufte Gegner zu spielen, allenfalls ein sehr junger Pariser mit immerhin schon beachtlicher nationaler Wertung von 2100 hätte bei hartnäckigerer Verteidigung eventuell ein Remis erzielen können. So gaben die drei Punkte aus drei Runden aber erst mal Auftrieb. In der vierten Runde spielte ich dann wieder gegen einen sehr jungen Franzosen (ungefähr 15 Jahre alt), diesmal mit einer nationalen Wertung von über 2300! Er behandelte dann aber die weiße Seite eines Sizilianers nicht mit der nötigen Schärfe und landete bald in einem ungünstigen Endspiel, das nicht mehr lange zu halten war. Da die direkten Konkurrenten alle schon mindestens ein Remis abgegeben hatten, konnte ich mich damit erstmals vom Rest des Feldes absetzen.

In der nächsten Runde war ich mir gegen einen älteren Fide-Meister mit ELO 2257 schon zu siegessicher, ich hatte zwei Bauern mehr gegen etwas Aktivität seinerseits. Doch ein nachlässiger Zug verhalf ihm plötzlich zu sehr konkreten Drohungen, bei schwindender Bedenkzeit konnte ich mich gerade noch in ein Endspiel mit Turm plus drei Bauern gegen Dame plus Bauer retten, wobei er keine Möglichkeiten hatte, sich einen Freibauern zu bilden und meine beiden verbundenen Freibauern auch erst einmal gestoppt werden mussten. Mein Gegner verzichtete gleich auf weitere Gewinnversuche, so dass die Partie remis endete. Damit bekam die nächste Partie schon vorentscheidenden Charakter, da mein Gegner (ELO 2190) es als einziger schaffte, mich einzuholen und ebenfalls 4,5 Punkte aus 5 Partien zu erzielen.

Auch hier kam wieder ein Sizilianer aufs Brett, wobei ich mit Schwarz schnell die Initiative an mich reißen konnte. Außerdem hatte mein Gegner schon sehr viel Zeit in der Eröffnung verbraucht, obwohl eine sehr bekannte Variante zur Diskussion stand. Leider ließ ich es in der Folge dann etwas an Sorgfalt missen, so dass ein recht remisliches Mittelspiel mit ungleichfarbigen Läufern und allen Schwerfiguren entstand. Doch mein Gegner musste nun seinem hohen Zeitverbrauch Tribut zollen, und verlor beim Übergang ins Endspiel einen sehr wichtigen Bauern. Hier ließ ich dann nichts mehr anbrennen und hatte damit schon eine Runde vor Schluss das Turnier gewonnen, da alle anderen Spitzenpaarungen remis endeten und bei Punktgleichheit die Progress-Wertung zählen sollte.

Es ging in der letzten Runde für mich also nur noch darum, den alleinigen Turniersieg sicherzustellen und eventuell ein paar Elopunkte zu gewinnen. Mein Gegner war der an eins gesetzte lnternationale Meister Nicolas Giffard (ELO 2347), der für einen größeren Preis unbedingt mit Schwarz gewinnen musste. So verschmähte er mein Remisangebot in der Eröffnungsphase, obwohl seine Stellung schon etwas schlechter war. Er hatte früh einen Bauern für etwas positionelle Kompensation geopfert, die verflüchtigte sich jedoch im weiteren Verlauf des Spiels zunehmend. Als er dann in Zeitnot einen zweiten Bauern geben musste, war er plötzlich an einem Remis interessiert, nun wollte ich aber natürlich nicht mehr und gewann die Partie kurz nach der Zeitkontrolle.

Damit hatte ich bei einem Gegnerschnitt von knapp ELO 2200 erstaunliche 6,5 Punkte aus 7 Partien erzielt und das Turnier mit einem ganzen Punkt Vorsprung gewonnen. Vor allem für meine ELO-Zahl erfreulich. Eine ELO-Performance von 2592 bedeutete einen Zugewinn von etwa 23 Elopunkten. Nebenbei gab es auch noch 2.700 Francs Preisgeld. Man kann wohl sagen, die neue Saison kann kommen.

Fazit: Paris ist immer eine Reise wert, auch wenn man gerade mal kein Schachturnier gewinnt!

L. Le Toy (2181) - F. Mossakowski (2308) B65
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.Lg5 e6 7.Dd2 Le7 8.0-0-0 0-0 9. f4 Sxd4 10.Dxd4 Da5 11.Kb1!?
(Üblicher ist Lc4.) 11... Td8 12. Le2?! (Viel zu passiv, die Theorie empfiehlt hier Lc4 oder Dd2.) 12... Ld7 13.Lf3 Tac8 14.The1 b5 15.e5 dxe5 16.fxe5 Sd5 17.Lxd5?! (Hiernach bekommt Weiß bereits ernste Probleme, mit Lxe7 hätte er für die schlechtere Bauernstruktur immerhin noch das verlockende Springerfeld d6 in Aussicht: 17. Lxe7 Sxe7 18. Dg4 Sf5 [18… Tc4 19.Dg5 Sg6 20.Se4; 18... b4 19.Se4] 19.Se4 Dc7 20.c3 b4! [20... Lc6=], zum Beispiel 21.Sf6+ Kh8 22.Txd7 Txd7 23.Sxd7 bxc3! mit klarem Vorteil für Schwarz.) 17... Lxg5 18.Dg4 exd5! (18... b4 19.Dxg5 bxc3 20.Lb3 cxb2 21.Dd2 Dxd2 [21... Dc7 22. Dd6] 22.Txd2 ist nicht so attraktiv.) 19.Dxg5 d4! (Nur so, ansonsten könnte die Kontrolle über d4 den Ld7 zu einem schlechten Läufer machen.) 20. Txd4 (20.Se4 Le6 21.b3 A) 21... d3 22.cxd3 Txd3 23.Txd3 Dxe1+ 24.Kb2 h6 25.Td8+ Txd8 26.Dxd8+ Kh7 27.Dd3 Lf5 28.Sg5+ Kg6 29.Sf3 Lxd3 30. Sxe1 Le4 ergibt ein günstiges Endspiel für Schwarz; B) 21... Tc6 22.Sd6 Ta6 23.a3 Tb8 24. Dc1 unklar; C) 21... Txc2!? 22.Sf6+ [22.Kxc2 Dxa2+ 23.Kd3 Lc4+ 24.bxc4 bxc4# gibt ein sehr hübsches Mattbild] 22... Kf8 23. Kxc2 Dxa2+ 24.Kd3 Dxb3+ 25.Ke2 gxf6 26.exf6 Dc2+ 27.Td2 Dg6 unklar) 20... b4 21.Td5? (21.De7! bxc3 [21... Lf5 22.Dxb4 Dxb4 23.Txb4 Td2 24.Tc1 Txg2 25.h4+] 22.Txd7 Txd7 23.Dxd7 Tf8 24.Db7 cxb2 25.Te2 und Weiß hat wegen seiner aktive Dame nichts zu befürchten.) 21... Dc7 22.Se4 Dxc2+ 23.Ka1 h6 24.Dd2 Dxd2 25.Txd2 Le6 (Im entstandenen Endspiel hat Schwarz Vorteil, da seine Türme besser platziert sind, ein Läufer bei Bauern auf beiden Flügeln besser als ein Springer ist und der Be5 zur Schwäche neigt. Das Springerfeld auf d6 ist im Endspiel dagegen nicht so wichtig.) 26.Sd6 (26. Txd8+ Txd8 27.Sd6 f6! 28.Sb7!? Td5 29.exf6 gxf6 30.a3 b3 31.g3 Kf7 32.Tc1 Td2 33.h4 Ld5 34.Sd6+ Ke6 und die viel bessere schwarze Königsstellung ist entscheidend.) 26... Tc6 (Nun droht einerseits wieder f6, andererseits aber auch der Turmschwenk nach a6.) 27.Td4 Tc2! (Der Turm dringt entscheidend auf der 2. Reihe ein.) 28.Txb4 Txg2 29.h4 (29.Tb7 Txh2 30.Txa7 h5 und die schwarzen Bauern sind viel gefährlicher, da der Läufer sich notfalls noch für einen weißen Bauern opfern kann, der Springer aber hierfür sehr viel Zeit benötigen würde.) 29... Td7 (Sichert die 7. Reihe und droht Tc7.) 30.a4 Tc7 31.Tb8+ Kh7 32.Sb5 Te2! 33. Tg1 (33.Txe2 Te1#) 33... Tc4 (Nun hängen drei weiße Bauern!) 34.Sc3 Txe5 35.Th1 Th5 36.Tb5 Txa4+ (Am einfachsten, da nun vom weißen Damenflügel auch keine Gefahr mehr ausgeht.) 37.Kb1 Txb5 38.Sxb5 Lb3 39.Sc3 Tf4 40.Kc1 Tf2 (Und nach überstandener Zeitkontrolle hatte mein Gegner verständlicherweise keine Lust mehr.) 0-1

Partie im PGN-Format

Abschlusstabelle
Pl. Spieler Verein, TWZ Pkt.
1. Florian Mossakowski (Bremer SG, 2308) 6,5
2. Max Leuly (Frankreich, 2136) 5,5
3. FM Madjid Badil (Frankreich, 2257) 5,5
4. Alain Sauvetre (Frankreich, 2076) 5,5
5. Yoel Temenlis (lsrael, 2218) 5,5
6. Manouk Borzakian (Frankreich, 2152) 5,0
7. Manuel lppolito (Frankreich, 2299) 5,0
8. Brice Le Roy (Frankreich, 2181) 5,0
9. Najib Draoui (Marokko, 2283) 4,5
10. Antoine Lobstein (Frankreich, 2190) 4,5

(84 Teilnehmer)