Wie ist der Springer zu ziehen?

(ug). Mit einem für ihn unlösbaren Problem wendete sich kürzlich der Mannschaftsführer der ersten Mannschaft des TuS Syke (Verbandsliga), Manfred Krause, an die Redaktion. Seitens seines Spielers Elmar Holle wurde er mit folgender Anfrage zum nächsten Punktspiel konfrontiert:

Hi Manni,

nachdem mein Problem bezüglich der Rochade nun gelöst scheint (ganz sicher bin ich mir aber immer noch nicht) beschäftigt mich ein ähnliches Problem seit geraumer Zeit. Das Pferd, in Fachkreisen auch Springer genannt. Laut Regelbuch des Deutschen Schachbundes zieht diese Figur zwei Plätze nach vorn und einen zur Seite. Wir, als Fachleute, ziehen dieses edle Tier aber auch schon gerne mal ein Plätzchen vor und dann eines schräg zur Seite. Bei dieser Zugart aber trifft die Figur das zweite Feld vor sich (ich setze bei diesem Beispiel voraus, dass wir vorwärts ziehen) nicht zur Gänze. Und schon haben wir das Problem. Was passiert, wenn am nächsten Sonntag mein Gegner deswegen protestiert? Soll ich diese, meine Lieblingsfigur, lieber gar nicht erst ziehen? Oder muss ich das »Hottehüh« wie beim Damespiel bewegen, also alle drei Felder die es zum Bewegen braucht einzeln abhoppeln? Macht sich denn wirklich niemand, außer mir, Gedanken darüber?

Schöne Grüße
Elmar

Der Bitte »diese doch etwas schwierige Frage einmal in den Bremer Teil der Rochade zu stellen, die doch von einigen regelkundigen Schachspielern gelesen wird« kommt die Redaktion gerne nach. Alle fachkundigen Leser werden hiermit aufgefordert ihre Auffassung zur obigen Frage der Redaktion kundzutun.

Die Redaktion der Rochade Bremen sah sich zwar nicht in der Lage die vorliegende Frage zu beantworten, ein Blick in Emil Gelenczei »200 neue Eröffnungsfallen« zeigte jedoch, dass der Verzicht auf Springerzüge katastrophale Folgen haben kann. Als Beispiel sei die Partie Engels - May mit Kommentar von Gelenczei angeführt:

Engels - May
Düsseldorf 1937

1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.c4 Dieses System wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts von Leonhardt versucht, später beschäftigte sich der dänische Analytiker Krause (Anm. d. Redaktion: »Der Syker Mannschaftsführer ‚Krause' ist Deutscher!«) mit den Möglichkeiten dieser Stellung. Panow machte die ganze Zugfolge populär, und darum nennt man heute dieses Angriffsspiel Panow-System. 4... Lf5(?)

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
ts.dklst
bb..bbbb
........
...b.l..
..BB....
........
BB...BBB
TSLDKLSK

Nicht ohne Grund haben schon unsere Vorfahren geraten, dass man nach Möglichkeit zuerst den langsameren Springer und erst danach den raschen Läufer in den Kampf schicken soll. (Frage der Redaktion an Gelenczei: »Wo aber haben unsere Vorfahren die Info hinterlassen, ob der Springer auch schräg zu ziehen ist? Hat May nicht einfach auf den Springerzug verzichtet, da er mangels Kenntnis der richtigen Zugweise als höflicher Mensch keinen Protest seines Gegners hervorrufen wollte?«). Natürlich hängt im Schachspiel alles von der konkreten Stellung ab (»... und der konkreten Regelkenntnis«, die Redaktion), doch wir werden sehen, dass Schwarz mit diesem Zug in sein Verhängnis rennt. 5.cxd5 Dxd5 6.Sc3 Da5 7.Db3! Weiß ist mit seinen einfachen, aber konsequenten Zügen schon in Vorteil gekommen (»... aber wurde der Springer im sechsten Zug korrekt geführt?«, die Redaktion). Schwarz merkt nicht, dass eine Falle droht. 7... Db6? 8.Sd5! Dxb3 9.axb3

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
ts..klst
bb..bbbb
........
...S.l..
...B....
.B......
.B...BBB
T.L.KLSK

Erst jetzt erkannte Schwarz, dass es gegen die Doppeldrohung 10.Sc7+ oder 10.Sb6 keine Rettung mehr gibt und Materialverlust daher unvermeidlich ist. (Anm. d. R.: »Es ist bezeichnet für die Ursprungsfrage, dass es der weiße Springer im feindlichen Lager ist, der hier den Todesstoss versetzt!«).

In der folgenden Partie nutzt Weiß gnadenlos, vermutlich ohne Wissen, ob Springer schräg geführt werden dürfen, seine und am Ende des Gegners Springer.

Marriott - Arnold
Fernpartie 1945

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.Ld2 Dieser Zug wurde im vergangenen Jahrhundert von Gottschall und zu Beginn unseres Jahrhunderts von Bogoljubow gern gewählt. Keres hielt ihn bei richtigem Gegenspiel (»Springerzüge!?«, die Redaktion) für unschädlich. 5... cxd4 6.Sb5

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
tsldk.st
bb...bbb
....b...
.S.bB...
.l.b....
........
BBBL.BBB
T..DKLST

Der Springerzug beweist, dass cxd4 nicht die beste Lösung war. Mehr Chancen eröffnet 5... Sc6 und sicherer ist 5... Se7 (»Also Herr Holle, ziehen sie lieber weiter Ihre Springer«, die Redaktion). 6... Lc5 7.b4 Lb6(?) Der relativ beste Zug lautet 7... Lf8, aber niemand kehrt mit seinem Läufer gern in die Ausgangsstellung zurück, zudem möchte Schwarz seinen Mehrbauern behalten - und damit hat Weiß gerechnet (»Die Redaktion erinnert sich an einen Beitrag von Schachfreund Tönjes über die Rückführung von Figuren auf ihre Ursprungsfelder; Gruß nach Lilienthal, dies ist nun unser Beitrag zu diesem Thema«, die Redaktion). 8.Dg4 g6 Es sollte sofort 8... Kf8 geschehen. 9.Sd6+ Kf8 Schwarz ist mit der bedrückten Stellung unzufrieden und möchte den eingedrungenen Springer von d6 verjagen. Darauf stützt sich Weiß und stellt eine Falle. 10.Df4 f6 11.exf6 Lc7 Jetzt hab ich dich, mag Schwarz gedacht haben.

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
tsld.kst
bbl....b
...SbBb.
...b....
.B.b.D..
........
B.BL.BBB
T...KLST

Der nächste Zug schlägt wie der Blitz ein. Es stellt sich heraus, dass Schwarz in eine geistreiche Falle gegangen ist. 12.Dh6+!! Sxh6 (»Laut unbestätigten Berichten aus dem engsten Familienkreis von Arnold soll die Springerzugausführung fehlerhaft erfolgt sein, was Marriott jedoch nicht mitbekam; schließlich spielte man eine Fernpartie!«, die Redaktion) 13.Lxh6+ Kg8 14.f7 matt.

2002-04-03