Wie gewinnt man die Deutsche Amateurmeisterschaft?

Olaf Steffens ist es schon gelungen

(ug). »Als Amateur Deutscher Meister werden«, mit diesem Motto bewarb kürzlich der Deutsche Schachbund die 2. Deutsche Amateurmeisterschaft, auch »Ramada-Cup« genannt. Wie man es macht, beschrieb kürzlich Olaf Steffens im Schach-Info der Bremer Schachgesellschaft. Er gewann nämlich die 1. Deutsche Amateuermeisterschaft. Sollte sich die Amateurmeisterschaft dauerhaft etablieren, hat er etwas für die Ewigkeit geschaffen.

Photo: Olaf Steffens am Schachbrett

Moin, moin! Überraschend nahm ich an der Endrunde zur Deutschen Amateurmeisterschaft in Leipzig teil. Die wurde in diesem Jahr zum ersten Mal ausgetragen und von der Ramada-Hotelkette gesponsert - daher auch der (zunächst irritierende?) Name »Ramada-Cup«. Mit Glück und ein paar guten Partien konnte ich das Turnier und den schönen Titel »Deutscher Amateurmeister 2002« gewinnen, wenngleich über- und überaus knapp! Der Zweitplatzierte, Thomas Schubert aus Leipzig, war nach fünf gespielten Runden nur einen halben Buchholzpunkt hinter mir. Es war also nicht viel Abstand, und ich bin sehr froh und glücklich, dass das Schach-Glücksrad dieses Mal zu meinen Gunsten ausgeschlagen hat.

Alles kam sehr unerwartet, und vielleicht lief es auch deshalb alles so gut!? Einige der Favoriten (viele Bären mehr oder weniger deutlich über DWZ 2300) fielen bereits in den ersten Runden durch Versehen und kampfstarke Gegner zurück; mir gelang es, mit einem wuseligen Sieg gegen Patrick Wiebe in der ersten Runde gut zu starten. Das war nicht einfach, alldieweil Patrick wieder unternehmungslustig nach vorne spielte, und auch, weil direkt schräg hinter ihm mein Blick jedes Mal auf die bezaubernde Tina Mietzner aus Chemnitz fiel, die in der B-Gruppe um Punkte rang. So abgelenkt hatte ich doch Mühe ernsthaft alle Gedanken auf die Partie zu lenken, aber es gelang, wenn auch nach einigen kombinativen Turbulenzen.

Wiebe, P - Steffens, O [A04]

1.Sf3 b5 2.b3 e6 3.c4 b4 4.Lb2 Lb7 5.d3 f5 6.Sbd2 Sf6 7.Dc2 Le7 8.e4 0-0 9.e5 Sg4 10.h3 Sh6 11.0-0-0 a5 12.d4 a4 13.Le2 c5 14.d5 axb3 15.axb3 Ta2 16.Sf1 exd5 17.cxd5 d6 18.Se3 Sd7 19.Kb1 Da5 20.Sc4 Da7 21.Sxd6 Ta8 22.Kc1 Sxe5 23.Sb5 Da5 24.Lxe5 Txc2+ 25.Kxc2 Da2+ 26.Lb2 Lf6 27.Tb1 Lxd5 28.Sd2 Sf7 29.Sc7 Lxg2 30.Thg1 Td8 31.Txg2 Lxb2 32.Txb2 Txd2+ 33.Kxd2 Dxb2+ 34.Ke1 Dc3+ 35.Kd1 Dxb3+ 0-1

Partie im PGN-Format

Am nächsten Tag wurde ich gegen den Turnierfavoriten gelost, IM Alexander Bangiev. Dieser hatte das Qualifikationsturnier in Hannover souverän gewonnen, bei dem man sich den Platz für die Endrunde in Leipzig erspielen musste. Auch in Hannover hatten wir schon gespielt, und er hatte mich dabei deutlich am Wickel, ließ mich allerdings trotz dreier hübscher Gewinnchancen noch in Remis entfleuchen. Dadurch (und nur dadurch) konnte ich mich überhaupt noch für die Endrunde qualifizieren, aufgrund der besseren Buchholz gegenüber dem Sechsten, Thomas Richter von Turm Emsdetten.

Hier in Leipzig hatte Alexander Bangiev keine so gute Phase erwischt; er kam bis zum Ende nicht in Tritt und verkaufte sich insgesamt bestimmt unter Wert. Gut für mich jedoch, denn unerwartet genug kam ich in unserer Partie mit Schwarz bald in Vorteil (... b5!) und konnte diesen Vorteil irgendwie halten und ausbauen bis zum überraschenden Sieg.

Bangiev, A - Steffens, O [A46]

1.d4 Sf6 2.Sf3 b5 3.e3 b4 4.a3 bxa3 5.b3 e6 6.Lxa3 d6 7.Sbd2 Le7 8.Ld3 Sbd7 9.Lb2 9.Sc4 ist eventuell der bessere Plan 9...0-0 10.0-0 c5 11.De2 Dc7 12.Ta2

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t.l..tk.
b.dslbbb
...bbs..
..b.....
...B....
.B.LBS..
TLBSDBBB
.....TK.

Hilf mir! Aber es ist nicht so leicht für Weiß weiterzukommen:

  1. Wenn erst 12.c4, um dann auf der a-Linie zu verdoppeln, so ... Lb7, ..., Tfb8, ... Lc6, ... Db7 und ... Se4 (um b3 zu unterwandern);
  2. 12.Sg5 ist interessant, das hatte ich in der Partie gar nicht so erkannt: 12.Sg5 Lb7 (wenn 12... h6, so 13.f4!?) 13.dxc5 Dxc5 14.f4 Dc6 14.Tf3 h6 15.Sge4 a5 (oder 15.Tg3 hxg5 16.fxg5!) ist etwas unklar - aus der Analyse nach der Partie
12...Sd5 Nun ist es angenehm für Schwarz 13.c3 cxd4 14.Sxd4 Sc5 15.Lb1 a5 16.c4 16.b4! ist viel besser; ich glaube, wir hatten beide keinen wirklich guten Tag.

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t.l..tk.
..d.lbbb
...bb...
b.ss....
..BS....
.B..B...
TL.SDBBB
.L...TK.

16...Sb4 16...Sf6 ist ruhiger/sicherer; nach 16... Sb4, dachte ich, ginge nun 17.Sb5 nebst 18.Lxh7+, 19.Dh5 und 20.Lxg7 - na gut, Remis ist schon in Ordnung! Nachher fanden wir aber, dass es nach dem doppelten Opfer kein Dauerschach gibt, weil nach 21.Dg4+ Kf6 22.Df4+ Kg6 ... Lg5 geht, und es doch vielleicht aussichtsreich für Schwarz ist. Das wusste wir aber in der Partie nicht, und er wollte auch auf Gewinn weiterspielen 17.Sb5 Dc6 18.Ta1 Lb7 Die alte St.-Georg-Diagonale - immer gut! 19.Dg4 Ist wohl zu optimistisch, denn d3 wird nun schwach. Aber auch nach sofort 19.f3 ist es angenehm für Schwarz, vielleicht mit ... e5, ... f5 und ... Tf6; oder aber ... d5 und der Springer auf b5 ist etwas gefährdet oder auch ... Tfb8 und Spiel gegen b3 und c4 (eventuell Opfer auf b3) 19...e5 20.f3 Scd3 21.Lxd3

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t....tk.
.l..lbbb
..db....
bS..b...
.sB...D.
.B.LBB..
.L.S..BB
T....TK.

[Hier überlegte er zehn Minuten, und dadurch erst merkte ich, wie schwierig es auf einmal für ihn auf der Diagonale c5-g1 ist, weil dort der Bauer nach ... Dc5 irgendwie und überraschend nicht mehr gut zu verteidigen ist. Nun war ich sehr aufgeregt, sozusagen schien hier eine Tor-Großchance aufzutauchen, und ich begann ganz viel zu rechnen.]

21... Sxd3 22.Tfb1 22.Lc3 Dc5 22...f5 23.Dh3 Dc5 24.Ld4 Alles passte so ganz gut (ganz glücklich irgendwie...), denn nach 24.Sf1, was er wohl vorhatte, ginge 24... Sf4! und die Dame verloren wegen 25.Dg3 Se2+, sonderbar alles 24... exd4 25.exd4 Db4 0-1

Partie im PGN-Format

Nach dieser Partie saß mir in Runde 3 ein sympathischer Baden-Württemberger gegenüber, Holger Namyslo vom SK Biberach. Im Sinne des ehemals schwabengeplagten Stefan Lindemann wollte ich natürlich unbedingt verhindern, dass ein Schwabe das Turnier gewinnt. Dies gelang, wenn auch nur mit einigem Wühlen und einem unerwartet hilfreichen Qualitätsopfer zu einem Zeitpunkt. Als schon gar nichts anderes mehr half (eine Kampfpartie sozusagen).

Steffens, O - Namyslo, H [A00]

1.b4 e5 2.a3 d5 3.c4 c6 4.Lb2 Ld6 5.Sf3 De7 6.e3 Sf6 7.Le2 0-0 8.Sc3 a6 9.Dc2 h6 10.h3 Te8 11.d4 e4 12.Sd2 Le6 13.c5 Lc7 14.a4 Sbd7 15.Sb3 Sf8 16.b5 axb5 17.axb5 Txa1+ 18.Lxa1 Sg6 19.b6 Lb8 20.g3 Dd7 21.Sa5 Sh7 22.Dd1 Lxh3 23.Sxb7 Sg5

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
.l..t.k.
.S.d.bb.
.Bb...sb
..Bb..s.
...Bb...
..S.B.Bl
....LB..
L..DK..T

24.Txh3 Dxh3 25.Sa5 Dg2 26.Sxc6 Lxg3? Besser ist 26...Sf3+ mit der Folge 27.Lxf3 exf3 28.Se2 Lxg3 29.Sxg3 Txe3+ 30.fxe3 f2+ 31.Kd2 f1D+ 32.Se2 Dxd1+ 33.Kxd1 Df1+ 34.Kd2 Dxa1 35.Sc3 Db2+ 36.Kd3. Die Stellung erfordert, dass der Königsangriff von Schwarz zwingend ist, da ansonsten die weißen Damenflügelbauern die Partie entscheiden. Nach 26... Lxg3 folgen weitere schwarze Ungenauigkeiten - die Redaktion 27.Kd2 Dxf2 28.Sxd5 Sf3+ 29.Kc3 Se1 30.Lb2 Sg2 31.Lc1 Df5 32.Lc4 Se1 33.Scb4 Sd3? 34.Sxd3 exd3 35.Dxd3 Dd7?

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
....t.k.
...d.bb.
.B....sb
..BS....
..LB....
..KDB.l.
........
..L.....

36.Dxg6 Le1+ 37.Kd3 fxg6 38.Sf6+ Kf8 39.Sxd7+ Ke7 40.c6 Kd6 41.d5 Lb4 42.e4 g5 43.e5+ Ke7 44.b7 1-0

Partie im PGN-Format

So weit, so gut. Mit 3 Punkten aus 3 Partien und noch zwei offenen Partien dachte ich das erst Mal an den möglichen Titelgewinn. Erst aber verbrachte ich noch einen fröhlichen Abend im Leipziger Zentrum und hörte Bach-Musik auf dem Rathausmarkt. Gestärkt begab ich mich am nächsten Morgen ans Brett und traf auf den dynamischen Deutschen Pokalsieger, Hannes Langrock aus Hamburg. Auch hier dachte ich, na gut, er ist ja schon Deutscher Pokalsieger geworden, eigentlich muss er nicht auch noch hier Meister werden. (Und außerdem ist er ja auch noch jung! Wir BASS-Leser dagegen werden ja langsam älter!?) Also, dachte ich, nein, hier will ich auch nicht verlieren, und darum wurde es eine lange umkämpfte Partie mit einem Remis am Ende, das insgesamt wohl in Ordnung war, auch wenn es in Zeitnot sogar einen Gewinn für mich gegeben hätte (aber die Klappe zitterte, ich hatte Angst).

Steffens, O - Langrock, H [A00]

1.b4 d5 2.e3 Lf5 3.c4 e6 4.Lb2 Sf6 5.Sf3 dxc4 6.Lxc4 Sbd7 7.a3 a5 8.b5 Sb6 9.Le2 Ld3 10.Se5 Lxe2 11.Dxe2 Sa4 12.Sc3 Sxb2 13.d4 Ld6 14.Sf3 De7 15.Dxb2 e5 16.a4 0-0 17.h3 exd4 18.Sxd4 Le5 19.Sce2 Se4 20.0-0 Tfd8 21.Tac1 Td6 22.Dc2 Tf6 23.Sc3 Sxc3 24.Dxc3 Ld6 25.Tfd1 De4 26.Dd3 De5 27.Sf3 De7 28.Dd5 Tb8 29.e4 Te6 30.Tc4 b6 31.Dd3 Te8 32.Te1 Td8 33.Td4 Te8 34.g3 f5 35.e5 Lxe5 36.Td7 Df6 37.Sxe5 Txe5 38.Dd5+ T8e6 39.Txe5 Dxe5 40.Dxe5 Txe5 41.Txc7 Te4 42.Tb7 Txa4 43.Txb6 Tb4 44.Tb8+ Kf7 45.b6 a4 46.b7 a3 47.Ta8 Remis

Partie im PGN-Format

Viel Zeit, um darüber nachzusinnen, blieb mir nicht - die abschließende fünfte Runde kam nur zwei Stunden später. Vorher noch ein Spaziergang durch nahegelegene Schrebergärten, Abstand gewinnen und merken, was sonst noch Schönes ist im Leben außer Schach. Die Sonne schien auch wunderbar, und da ist es immer etwas schade, wieder hineinzugehen zur Partie. Doch wartete im Bauch des Ramada-Hotels bereits der amtierende Lübecker-SV-Präsident und frühere Jugendwart Ullrich Krause, den zu treffen gut tat, so dass ich nach einer Tasse Kaffee guten Mutes unbefangen leicht in die Partie gehen konnte.

Am Brett wartete der DWZ-Bär Thomas Schubert (2370), wir spielten einen Black-Knights-Tango und es ging ohne Damen hin und her. Begleitet wurde das Spiel von wechselseitigen Remisangeboten und Ablehnungen, alldieweil uns noch die Verfolger Namyslo und Langrock nach Punkten und Buchholz einzuholen drohten (das tun sie leider immer, die Verfolger). Nach einem abgelehnten Remis zu viel kam ich allerdings in große Schwierigkeiten und wurde fast noch im Endspiel erlegt. Aber es fügte sich (anders kann ich es nicht sagen), dass doch noch ein Unentschieden in der Stellung versteckt war und mein Gegner nicht mehr gewinnen konnte.

Schubert, T - Steffens, O [A54]

1.d4 Sf6 2.c4 Sc6 3.Sf3 d6 4.Sc3 e5 5.dxe5 Sxe5 6.Sxe5 dxe5 7.Dxd8+ Kxd8 8.g3 Le6 9.b3 c6 10.Lg2 Kc7 11.0-0 h5 12.h3 Sd7 13.Lb2 f5 14.e4 g6 15.exf5 gxf5 16.Se2 h4 17.f4 Lc5+ 18.Kh1 hxg3 19.fxe5 Le3 20.Tf3 f4 21.Sxf4 Lxf4 22.Txf4 Th5 23.h4 Tah8 24.Kg1 Txh4 25.Txh4 Txh4 26.Tf1 Th5 27.Tf3 Tg5 28.Lc1 Tf5 29.Txg3 Sxe5 30.Lb2 Ld7 31.Le4 Th5 32.Tg7 Kd6 33.Th7 Remis

Partie im PGN-Format

So war es, so kam es, am Ende warteten wir noch 3 Stunden bis zur Siegerehrung ab, ohne zu wissen, wer nun Erster geworden ist. (Thomas Schubert und ich, beide wagten wir nicht, den endgültigen Tabellenstand zu berechnen.) So erfuhren wir es erst am Abend bei der Geburtstagsparty des Deutschen Schachbundes und - große Freude bei mir!

Darum an dieser Stelle einen Dank an alle, die mir geholfen haben, bis zu diesem Turnier zu kommen. Man gewinnt nie etwas allein, viele gute Umstände sind dabei und viele Freunde, die mit auf dem Weg waren und von denen ich vieles lernte. In diesem Sinne viele Grüße an alle alten Freunde in Schleswig-Holstein, vor allem an den Schleswiger Schachverein, an Herrn Knoop und den alten Schachdynamiker Torsten Meyer in Leck, an all die temperamentvollen LSVer, die viele 1... a6 - Eröffnungen in der Oberliga wohlwollend toleriert haben (Rocky?!) und mich in vielerlei Hinsicht auch prägten. Moin und vielen Dank auch an alle anderen im Norden und viele Grüße aus der alten Hansestadt Bremen.

Olaf Steffens

2002-11-27