Analyse: Was wäre passiert, wenn...

Meyer,G - Mulde,R
Bird_Stw._g6, Mannschaftspokal
Eystrup - Findorff/ESV (1), 27.10.2002

In der Mannschaftspokalbegegnung Eystrup-Findorff/Eisenbahn kam es am 27. Oktober zu folgender Endspielstellung:

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
...D....
.......b
.b...l..
........
.....d.k
.B.....B
B.....B.
.......K

In der Partie geschah das schwächere 51.Dd1?, wohl weil beide Spieler Weiß irrtümlich im Mattnetz sahen, wenn der Bb6 geschlagen werden würde. Weil das nicht der Fall ist, stellt sich die Frage: »Könnte Schwarz mit seinem Läufer und dem h-Bauern dann immer noch gewinnen«? Zunächst wird man sagen: »Natürlich nicht, denn der h-Bauer hat ein weißes Umwandlungsfeld, während der Läufer schwarze Felder bestreicht«. Kann Schwarz aber in dieser Stellung vielleicht erzwingen, dass Weiß g2-g4 spielen muss, so dass der h-Bauer nach hxg3: e.p. zum g-Bauer wird und natürlich leicht gewinnt? In der Tat lässt sich dieser Plan verwirklichen, so weit Weiß nicht rechtzeitig - seinen eigenen h-Bauern opfert! 51.Dxb6 [51.Dd1? war die Partiefortsetzung: 51...De4! 52.Dc1 Kg3 53.Df1 Lc3 54.a3 De1 55.Dxe1+ Lxe1-+ 56.Kg1 Lc3 57.Kf1 Lb2 58.a4 Lc3 59.Kg1 h5 60.Kf1 h4 61.Kg1 Kf4 62.Kf2 Ke4 63.g4 hxg3+ 64.Kxg3 Kd3 65.Kf3 Lb4 66.h4 Kc3 67.Ke3 Kxb3 68.Kd3 Kxa4 69.Kc2 Ka3 70.Kb1 Ld2 71.Ka1 Kb3 72.Kb1 b5 0-1.] 51...Df1+ [51...Ld4 52.Dd8+ Kg3 53.Dg8+ Kf2-+ ist auch gut, führt uns aber vom Thema ab.] 52.Dg1 [52.Kh2?? Le5+ 53.g3+ Lxg3#] 52...Dxg1+ 53.Kxg1 Kg3 54.Kf1 h5 55.Kg1?-+ Opfert Weiß statt dessen seinen h-Bauern, kann Schwarz nicht mehr gewinnen: [55.h4!

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
........
........
.....l..
.......b
.......B
.B....k.
B.....B.
.....K..

55...Lc3 56.a3 Lb2 57.a4 Lc3 58.Kg1 Kxh4 59.b4 Lxb4 60.a5 Lc5+ 61.Kh2 Ld4 62.g3+ Kg4 63.a6 La7 64.Kg2 Le3 65.Kh1 Kg5 66.a7 Lxa7 67.Kg2 Kg4 68.Kh2 Lf2 69.Kg2 Lxg3 70.Kh1= Diese Position ist bekanntlich remis, weil der weiße König nicht vom Umwandlungsfeld vertrieben werden kann; nur ein Patt ist hier möglich (was ähnlich wie vielleicht die Abseits-Regel im Fußball vermutlich bald vom FIDE-Präsidenten aufgehoben werden wird, um das Spiel für jeden im Fernsehen leichter nachvollziehbar zu machen - oder?).] 55...h4 56.Kf1 Jetzt müssen die Bauern am Damenflügel festgelegt und dann erobert werden 56...Lc3 57.Kg1 Le5 58.Kf1 Kf4 59.Kf2 Ke4 60.Ke2 Lg3 61.Kd2 Kd4 62.Kc2 Ld6 Auf g4 folgt immer hxg3: mit leichtem Gewinn, wenn der weiße König weit entfernt steht. 63.Kb2 Kd3 64.a3 Kd2 65.a4 Lb4 66.Ka2 Kc2 67.Ka1 Kxb3 68.Kb1 Kxa4

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
........
........
........
........
kl.....b
.......B
......B.
.K......

... Erobert. Nun schwenken alle Figuren zurück zum Königsflügel 69.Kc1 Kb3 70.Kd1 Kc3 71.Ke2 Ld6 72.Kf2 Lg3+ 73.Kf1 [Auch die andere Möglichkeit, den König zu ziehen, hilft nicht weiter: 73.Kf3 Kd3 74.Kg4 Ke2-+ 75.Kf5 Kf2 76.Ke4 Kxg2 77.Ke3 Lf2+ 78.Ke2 Lg1 79.Ke1 Kxh3 80.Kf1 La7 81.Ke2 Kg2-+ Es gelingt Weiß nicht, den schwarzen König in diesem Fall auf der h-Linie einzusperren, wonach der h-Bauer natürlich umgewandelt werden kann.] 73...Kd3 74.Kg1 Ke2 75.Kh1 Le1 76.Kh2 Kf2 77.Kh1 Ld2 78.Kh2 Lf4+ 79.Kh1 Le5!-+

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
........
........
........
....l...
.......b
.......B
.....kB.
.......K

Der gleichsam patt gesetzte König muss sich jetzt hilflos matt setzen lassen, denn 80.g4 ist Weiß noch als Zug verblieben - was ihm zum Verlust gereicht 80...hxg3 81.h4 g2# Ein recht instruktives Endspiel. 0-1

Ralf Mulde

2003-01-10