Von Kasparow bis Marco Bode - Neues Schachbuch stellt jüngste Schachgeschichte vor

Computersiege, Topturniere, Weltmeisterschaften, Olympiaden, Turniere vielfältiger Art, Simultanspiele (auch ohne Ansicht des Brettes), Meister und Meisterinnen der Gegenwart, Größen der Vergangenheit, Wunderkinder, Schachliebhaber, Turnierorte in aller Welt (auch Bremen), Begeisterung von Island bis Indien, natürlich auch Bundesliga, Stellungsbilder zum Aufspüren einfallsreicher Züge, Partien zum Nacherleben glänzenden Spiels - all das und noch viel mehr ist auf 262 Seiten eines neuen Schachbuchs ausgebreitet, das kürzlich im Verlag Chessgate erschienen ist.

Verfasser ist der Internationale Meister und Sportjournalist Martin Breutigam, Schachenthusiasten in Bremen und umzu durch seine Kolumne im Wochenjournal des "Weser-Kurier" bekannt. Schon lange kennen ihn Schachfreunde als zuverlässigen Berichtererstatter bedeutender Schachereignisse und Kommentator bemerkenswerter Partien in Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Auch im Ausland machte er sich einen Namen durch eröffnungstheoretische Studien auf CDs. Gemäß dem Leitwort "Prüfet alles, das Beste behaltet!" wählte er die beachtenswertesten und unterhaltsamsten Texte aus dem reichen Bestand seiner Beiträge und Kolumnen für den Zeitraum von 1997 bis 2002 aus, der die jüngste Schachgeschichte um die Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwende trifft. Der griffige Buchtitel "64 Monate auf 64 Feldern" erinnert zugleich an jene 51/3 Jahre (=64 Monate), in denen sich das Schachspiel via Internet mehr und mehr zu einer blitzschnellen weltumspannenden Kommunikationsform entwickelte.

Es lag nahe, den Inhalt des Buchs auf die einzelnen Jahre von 1997 bis 2002, also auf sechs Kapitel zu verteilen. Eingeleitet wird jedes Kapitel durch eine knappe Übersicht über die herausragendsten Schachereignisse. Eingefügt sind in jedes Kapitel zusätzlich zu den Texten des Verfassers Partien, die von den Großmeistern Leko, Lutz, Jussupow, Gabriel und Kindermann aufschlussreich kommentiert wurden, und sorgfältig ausgesuchte Schwarzweißfotos von Meisterpersönlichkeiten (hier wünschte man sich mehr davon!). Druckgraphisch ist das Buch vorzüglich gestaltet (allen schon das vielversprechende Hellblau des Umschlags!); das gilt für den Hauptteil mit den Stellungsbildern und Partienotationen wie für die übersichtlich wiedergegebenen Beigaben (Inhaltsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Vorwort, Lösungen, Anhang mit Verzeichnis der Eröffnungen, Personen und Partien). Gelegentlich auftretende Druckfehler, darunter gewiss einige missliche, behindern nicht die Lektüre und stören in keiner Weise den überwältigenden Gesamteindruck. Sie sind leicht zu bereinigen für eine zweite Auflage, die man dem Werk nur wünschen kann. Die Auswahl der Texte, Partien und Aufgaben stellt nicht nur eine gelungene Mischung von Belehrung, Information, Bericht zeitnaher Geschehnisse, historischem Rückblick und gediegener, genussvoller Unterhaltung dar, sondern ist auch ein überzeugender werbekräftiger Tipp für alle, die im Schachspiel nicht den sportlichen, leistungsbetonten Wettkampf suchen, vielmehr eine erholsame, von den Beschwernissen des Alltäglichen ablenkende, den Geist erfüllende Beschäftigung. In der Tat, dem Verfasser ist ein Lesebuch für einsame Stunden geglückt, das Freude am Schach weckt und erhält. Dabei stand ihm das Vermögen zu Gebote, Zeitnahes mit Zeitfernerem zu verbinden, ab und an aus gegebenem Anlass der vergangenen Meister wie Karl Schlechter, Akiba Rubinstein und Paul Keres zu gedenken oder auf Persönlichkeiten hinzuweisen, die auf anderen Gebieten hervortraten, aber das Schach schätzten, bzw. noch schätzen (z.B. Marco Bode, Otto Schily, man staune, sogar Martin Luther, dessen Schachlust der Verfasser leider verschweigt) und, was das Beachtlichtste ist, die schachlichen Betrachtungen im Zusammenhang mit anderen kulturellen Ansichten und Einsichten zu verfassen (so liest man z.B. von Arthur Schopenhauer, Ruth Klüger, Patrick Süskind). Was die Lektüre des Buchs überdies verlockend macht, ist das menschliche, allzumenschliche Drum und Dran während des Spiels, vor und nach dem Spiel der Meister, wofür der Verfasser, ein guter Beobachter, eine besondere Vorliebe hat. Er bekennt selbst, er fühle sich vorzugsweise zu jenen Schachmeistern hingezogen (und auch Schachjournalisten), die über den Rand des Schachbretts hinausschauen. Genau dieses Sehvergnügen zeichnet das Buch aus. Überflüssig ist eigentlich, außerdem noch anzumerken, dass sich die Beiträge der oben erwähnten großmeisterlichen Mitarbeiter wohlabgestimmt in das Ganze einfügen, wobei Kindermann und Lutz noch eins drauflegen ("So denken Großmeister").

Hanno Keller

»64 Monate auf 64 Feldern - Schachkolumnen, Reportagen und Glanzpartien von 1997 bis 2002«, Autor: Martin Breutigam (Verlag: Chessgate AG, X Seiten + 262 Seiten, 22,80 ­, ISBN 3-935748-05-1), Inhalt: über 150 Kombinationsaufgaben, über 100 kommentierte Partien, einige Beiträge namhafter Großmeister (von Peter Leko, Stefan Kindermann, Christopher Lutz, Artur Jussupow und Christian Gabriel).