Blackmar-Diemer Gambit: 13. Diemer memoriam - und der Wurm war drin

»Es konnte ja nur in einem ganz groooßem Desaster enden!! An einem 31. Monatstag mein 13. Gedenkturnier auszutragen! Bekanntlich ist doch aktio = reaktio! Eine eigens von mir entwickelte Erkenntnis, für die ich übrigens demnächst noch einen Nobelpreis erwarte. Die Zahl 13 ist eine bekannte Unglückszahl, wohingegen die 31 exakt die numerische Spiegelung der 13 ist. Zwei derartige Zahlen bei einem wichtigen Ereignis zu verknüpfen kann doch nur eine ganz groooße Katastrophe und ungeheuerlichen Ärger nach sich ziehen!!!«

So oder ähnlich hätte Emil Joseph Diemer vermutlich in seinen letzten Lebensjahren hinsichtlich eines Erklärungsversuches für die Ereignisse des 31.05.2003 pathetisch argumentiert und nach ca. 2-3 h mit Weltuntergansprophezeiungen den Vortrag beendet. Vielleicht hätte er sogar recht gehabt, aber das konnten mein alter Schachfreund Volker Drüke und ich im Vorfeld an dem betreffenden Samstag noch nicht ahnen und herleiten, da es uns beiden an der erforderlichen prophetischen Inspiration mangelt.

Dankbarerweise hatte sich bei Volker das schlechte Gewissen geregt, als ich im April 2003 telefonisch nachfragte, ob es denn dieses Jahr kein BDG-Thematurnier geben würde. In der Rochade Europa war zunächst nichts ausgeschrieben und auch sonst war mir nichts bekannt. »Deinen oder Georg Studier's Anruf habe ich gefürchtet«, war seine Bemerkung dazu. Kurzfristig wurde also wieder von Volker in altbewährter Weise die Organisation und Vorbereitung in die Hand genommen und als Termin der 31.05.2003 am altbekannten Spielort, dem Gasthaus Rebstock in Fußbach-Gengenbach, festgesetzt.

Schweißdurchtränkt und röchelnd tauchte ich also am 31.05.03 etwa um 7:00 Uhr morgens wie verabredet am Rebstock auf. So gut die Zugverbindung von Bremen bis Gengenbach mit Nacht- und Nahverkehrszug auch funktioniert, so erbärmlich schlecht ist der letzte Teil bis Fußbach zu bewältigen. Entweder das astronomisch teuere Taxi oder ein strammer Fußmarsch von ca. 1 h sind die Alternativen und weil um 06:00 Uhr keinerlei Taxen in dieser Gegend verkehren bzw. vor Ort sind bleibt nur letztgenannte Möglichkeit. Nichts für überzeugte Nichtsportler! Etwas schlaftrunken öffneten etwa gegen 08:00 Uhr die Wirtsleute und Frau Schilli entfuhr nach einem Blick auf meine ausgemergelte Gestalt ein »Ach herrje, Sie sind schon angekommen«. Nach und nach trafen dann zwischen 08:30 und 09:30 Uhr die übrigen interessierten TN (=Teilnehmer) und Turnierleiter Drüke mit Notebook und Turniersoftware ein.

Das Desaster war jetzt noch nicht absehbar. Im Gegenteil: Durch das »Getrommel« von Schachfreunden aus der Region war die Teilnehmerzahl auf erfreuliche 19 Personen gestiegen. Eine Steigerung zum Vorjahr um etwa 70%, sodass der Preisfond aufgestockt werden konnte und es für den Turnierverlauf eigentlich Spannung und Belebung versprach. Auch die anfängliche Befürchtung Georg Studier, Diemer's langjähriger Schachfreund und Analysepartner, könnte wieder das Turnier verschlafen haben zerstreute sich, nachdem er etwas verspätet eintraf. Mit dem Regionalmatador Max Scherer (Elo 2311) war sogar ein Spieler mit Meisterstärke anwesend. Das Turnier konnte also wie geplant beginnen.

Insgesamt 20 Teilnehmer starteten nun zu einem 7-rundigen BDG-Thematurnier mit der vorgeschriebenen Zugfolge 1.d4 d5 2.e4 dxe4 3.Sc3 Sf6 4.f3 nach Schweizer System und der Ärger nahm seinen Lauf....

Eine Ursache lag sicher darin, dass sich Volker Drüke, um Freilosspieler zu vermeiden, mit ins Teilnehmerfeld eingereiht hatte und nunmehr der Doppelbelastung als alleiniger TL (=Turnierleiter) und als Spieler im folgenden Turnierverlauf ausgesetzt war. Bei einem Turnier mit ca. 10 Teilnehmern oder bei einem Turnier mit größerer Teilnehmerzahl im Rundensystem mag es noch funktionieren, beim Schweizer System ist es bei über 10 Teilnehmern jedoch schon riskant, weil dieser Turniermodus sehr verwaltungsintensiv ist. Dies machte ihm dann doch zu schaffen. Heimtückischer jedoch war das Auslosungsprogramm bzw. die Computer-Weichware. Unbemerkt hatte sich anscheinend ein Hälftenbildungsmodus bzgl. der Rundenauslosung installiert und eingeschlichen. Dies war leider nicht bemerkt worden. In den ersten beiden ausgelosten Runden war dieser systematische Fehler noch nicht sichtbar und das Turnier nahm einen gewohnten Lauf. Ab Spielrunde 3 wurde es jedoch offenkundig, dass etwas mit dem Auslosungsmodus nicht stimmte. Es war jedoch zu spät um noch gegensteuern zu können. Wer sich noch an frühere Jahre ohne Computer erinnert, als beim Schweizer System per Hand und Paarungskarten ausgelost wurde, weiß sicherlich was für ein verwaltungsintensives Horrorszenario dies für einen TL bedeutet. Also musste mit dem fehlerhaften Auslosungsmodus bis zur 7. Runde durchgespielt werden. Dies hatte nun allerdings den Effekt, dass die Laune von TL Volker Drüke mit zunehmend größer werdendem Auslosungsfehler durch die Weichware proportional mit jeder Spielrunde schlechter wurde und ab Runde 7 fast ins bodenlose sank. Das mittlere und hintere Teilnehmerfeld nahm es gelassen mit der Verwunderung, dass nun z.B. Spieler mit 2,0 Punkten gegen Spieler mit 3,0 Punkten gelost wurden, obwohl andere Paarungen definitiv möglich waren. Im vorderen Tabellenfeld war der Fehler jedoch am offenkundigsten und der Unmut der Spieler darüber am größten. So wurden die beiden führenden Spieler Max Scherer und Benjamin Dobschat bis zum Schluss einfach nicht gegeneinander gelost. Auch bei den übrigen Teilnehmer im Führungsfeld der Tabelle waren größere Diskrepanzen hinsichtlich der Gegnerauslosung sichtbar, sodass hin und wieder nach Abweichung von der Auslosung des Computerprogramms verlangt wurde. Dem konnte aber aus den zuvor beschriebenen Umständen vom TL Drüke nicht nachgekommen werden. Ansonsten hätte sich das Turnier zeitlich ins Unendliche hingezogen.

Für mich als einfachen Teilnehmer lief es, abgesehen von den oben beschriebenen Umständen, auch eher lausig. Ob die vorherige Hetzjagd im Urlaub zwischen Doha/Qatar-Bremen-Berlin-Bremen-Gengenbach schuld daran war, Schachmuse Caissa der Meinung war mein schachlich positives Potential sei verbraucht oder schlichtweg irreparable schachliche Verblödung bei mir eingetreten ist, konnte ich nicht mit letzter Sicherheit feststellen. Einige Indizien, wie meine stetig sinkende DWZ-Zahl, deuten auf die letzte Möglichkeit hin. Es lief jedenfalls nicht gut. Kraft- und saftlos, im günstigsten Fall schablonenhaft wurden die Partien mit Weiß ohne Biss und Pfiff von mir gespielt. Mit Schwarz hatte ich mir mit 4...Sc6 eine etwas extravagante Verteidigungsart ausgesucht, die ich im Gegensatz zu den Vorjahren, wo ich 4...e6, 4...c6 oder 4...exf3 5.Sxf3 Lg4 spielte, wesentlich schlechter handhabte und manchen vollen oder halben Punkt versaubeutelte. Die Krone war eine Niederlage gegen meinen arg gestressten Schachfreund den TL Volker Drüke, sonst über die Jahre hinweg ein treuer Lieferant voller Punkte für mich, der u.a. dadurch am Ende mit 3,5 Punkten einen respektablen 9 Platz belegen konnte. Eine zwar noch etwas tückische, aber zuletzt klar gewonnene Position mit Materialvorteil gegen ihn, wurde zum glatten Verlust von mir verhunzt, sodass am Ende nur ein 15. Platz bei 20 Teilnehmern heraussprang. Die Nachfrage von Georg Studier am Turnierende nach brauchbarem Partiematerial zur Analyse und Auswertung wurde deshalb von mir, und auch offensichtlich von anderen TN aus ähnlichen Gründen, mit betretenem Schweigen quittiert.

Trotz aller Misslichkeiten stimmte der organisatorische Rahmen rundherum, für das leibliche Wohl wurde von Frau Schilli wieder hervorragend gesorgt und insgesamt hat es der Mehrzahl der TN inklusive mir Spaß gemacht. Einem weiteren BDG-Turnier im Jahr 2004 steht somit eigentlich nichts im Wege, sofern sich Volker Drüke ein weiteres Mal zur Organisation überreden lässt. »Abergläubische Zahlenkonstellationen« wie in diesem Jahr sind dann nicht möglich und auch die weiteren Stolperfallen in der Turnierverwaltung sind nun hinlänglich bekannt und können im Vorfeld ausgeräumt werden.

Überlegener Sieger wurde mit 6,5 Punkten aus 7 Partien der mit seiner Spielstärke aus dem übrigen Teilnehmerfeld herausragende Max Scherer, vor dem gut aufspielenden Benjamin Dobschat mit 6,0 Punkten aus 7 Partien. Die übrigen Platzierungen sind der Tabelle am Schluss zu entnehmen.

Jürgen Tönjes

Tabellenendstand nach 7 Runden vom 13. Emil Joseph Diemer-Gedenkturnier 2003 am 31.05.2003 in Gengenbach-Fußbach:
Pl. Name Verein/Ort Pkt. Bh
1. Scherer, Max Dreisamtal 6,5 22,5
2. Dobschat, Benjamin Griesheim 6,0 22,5
3. Zipfel, Matthias Kirchzarten 5,5 24,0
4. Studier, Georg Freiburg 5,0 24,5
5. Brunold, Günter Kempten 4,5 21,5
6. Dell, Waleri Schutterwald 4,0 27,0
7. Herbst, Oliver Freiburg 4,0 25,5
8. Schmidt, Alexander Offenburg 3,5 27,5
9. Drüke, Volker Ludwigshafen 3,5 23,5
10. Schremp, Daniel Offenburg 3,5 23,0
11. Laubis, Roland Griesheim 3,5 22,0
12. Totzke, Tido Hornberg 3,0 27,5
13. Königs, Alexander Nagold 3,0 26,0
14. Belov, Alexej Schutterwald 3,0 22,5
15. Tönjes, Jürgen HB/Lilienthal 3,0 22,0
16. Laug, Hubert Ohlsbach 3,0 20,5
17. Schmidt, Friedrich Schutterwald 2,0 27,0
18. Bürg, Markus Schutterwald 2,0 26,5
19. Nagel, Alexander Ohlsbach 1,5 25,0
20. Herrmann, Ewald Schutterwald 0,0 29,5

2003-12-03