Eröffnungshistorisch unter der Lupe: Das Gibbins-Weidenhagen-Gambit

Jederman(frau) sucht sich, wenn der Entschluss gefallen ist das Schachspiel ernsthafter zu betreiben, z.B. durch Teilnahme an Vereinsturnieren, Verbandsmeisterschaften, Open-Turnieren u.ä., irgendwann ein oder mehrere Eröffnungssysteme aus, die dann mit Vorliebe angewendet werden sollen, egal ob mit Schwarz oder mit Weiß.

Diese Eröffnung wird dann im Regelfall eingehender studiert und gelernt, der historische Hintergrund spielt dann meist keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Über die bekannteren Eröffnungen wie z.B. Spanisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 usw.), Italienisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5) oder Wolga-Gambit (1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 b5), ist dann in Schachlexika oder -zeitschriften noch etwas über deren erste historische Ursprünge und Anfänge zu erfahren, unbekanntere Eröffnungen liegen dagegen eröffnungshistorisch und oftmals auch eröffnungstheoretisch fast völlig im dunkeln. Dies ist auch bei dem GWG der Fall, welches ich im folgenden ausführlicher erörtern möchte.

I. »Was ist das für eine Eröffnung?«

»Nie gesehen!«; »Nie gehört!« werden die meisten Schachfreunde(innen) zum Besten geben. Es handelt sich hierbei um das GWG = Gibbins-Weidenhagen-Gambit, was wohl zunächst auch nicht weiter zur Erhellung beitragen wird. Wenn nun aber noch die Zugfolge und das entsprechende Diagramm dazu serviert wird beginnt vielleicht bei dem einen oder anderen SF (=Schachfreund) im niedersächsisch-bremischen Raum die Erinnerungsglocke zu klingeln. Das GWG entsteht nach der Zugfolge

1.d4 Sf6 2.g4

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t s l d k l . t
b b b b b b b b
. . . . . s . .
. . . . . . . .
. . . B . . B .
. . . . . . . .
B B B . B B . B
T S L D K L S T

und gliedert sich dann eröffnungstechnisch in die angenommenen Abspiele nach 2...Sxg4, am häufigsten dann weiter mit 3.e4 und nun 3...d5, 3...d6 oder 3...Sf6 oder eben auch Ablehnungen wie z.B. 2...d5, 2...h6, 2...c5, 2...e5, 2...d6 oder noch etwas anderes. Womit man nun schon mittendrin in Eröffnungshistorie und -lehre zu diesem Gambit steckt. Fast zwangsläufig drängen sich weitere Fragen zu diesem Eröffnungssystem auf. Diese könnten lauten:

Was ist denn das für ein »Unsinn«? Wo kommt denn der Quatsch her? Wieso sollte man einen derartigen Unfug spielen? Was meinen denn andere Schachspieler zu diesem Kram? Wo finde ich bei Interesse Material darüber?

Die Beantwortung dieser Fragen soll eben mit dieser Artikelserie etwas erleichtert werden. Da ich diese Eröffnung etwa 13 Jahre selbst relativ häufig gespielt und einiges Material dazu gesammelt habe, fällt mir als Artikelschreiber die Beantwortung der vorab genannten Fragen etwas leichter, als einem dritten Außenstehenden, der sich noch überhaupt nicht mit diesem Gambit befasst hat. Doch nun zu den Beantwortungsversuchen der Fragen:

II. Quellen und Material

Bis 1991 stellte sich dies für die interessierten SF als problematisch dar. In den meisten gängigen Eröffnungswerken wurde damals, und wird wahrscheinlich auch heute noch, das GWG bzw. die zugehörige Zugfolge 1 d4 Sf6 2 g4 überhaupt nicht erwähnt. Im deutschsprachigen Raum gab es nur einige kleine Artikel in der Zeitschrift »Randspringer« von Rainer Schlenker aus Tübingen und verschiedenes loses Material zu dieser Eröffnung. Dies stellte sich z.B. für SF Adolf Trocha vom SK Bremen-Nord 1990 als größere Schwierigkeit heraus. Hierzu eine kleine Anekdote:

Am 07.10.1990 trafen die Mannschaften von SG Bremerhaven II und SK Bremen-Nord III in der Bremer A-Klasse aufeinander und es kam zu folgender Partie:

Tönjes, J. - Trocha, A.

1.d4 Sf6 2.g4 d5 Wählt die beliebteste unter den gängigen Ablehnungen. Diese wird häufig, wie auch hier, mit dem Bauernvorstoß beantwortet. 3.g5 Se4 4.Lg2

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t s l d k l . t
b b b . b b b b
. . . . . . . .
. . . b . . B .
. . . B s . . .
. . . . . . . .
B B B . B B L B
T S L D K . S T

Weiß versucht den Aufbau einigermaßen flexibel zu halten, bis klar ist welche Verteidigungsmethode Schwarz einschlagen will. 4...e6 5.h4 Sc6 6.Lf4 Ld6 7.Sh3 Se7 8.Lxe4 dxe4 9.Sc3 Lb4 10.a3 Lxc3+ 11.bxc3 Sg6 12.Lg3 b6 13.e3 h5 14.gxh6 e.p. Txh6 15.h5 Sh4 16.Sg1 Sf3+?!

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
t . l d k . . .
b . b . . b b .
. b . . b . . t
. . . . . . . B
. . . B b . . .
B . B . B s L .
. . B . . B . .
T . . D K . S T

Das kostet einen Bauern, besser war 16...Sf5 17.Sxf3 exf3 18.Dxf3 Ld7 19.Lf4 Th8 20.Dg2 Kf8 21.h6 g6 22.h7

Schwarz am Zug
  ABCDEFGH
t . . d . k . t
b . b l . b . B
. b . . b . b .
. . . . . . . .
. . . B . L . .
B . B . B . . .
. . B . . B D .
T . . . K . . T

Langsam wird es unangenehm für Schwarz... 22...Kg7 Auf 22...Ke8 wäre 23.Le5 gefolgt und auf 22...Ke7 23.Le5 f6 24.Dxg6 fxe5 25.dxe5+ Kc6 (25...Kd5 26.0-0-0+ nebst 27.Txd7) 26.0-0-0 sieht es auch verdächtig für Schwarz aus. 23.Lh6+ Kxh7 24.Lg5+ ... und auch teuer. Auf 23...Kf6 folgt auch 24.Lg5+. 24...Kg7 25.Lxd8 Thxd8 26.0-0-0 Tab8 27.Th4 Lc8 28.Dh2 Lb7 29.Th7+ Kf8 30.Dxc7 1-0

Ende gut, alles gut für Weiß lautete mein Fazit. Partie gewonnen, Mannschaft hat gewonnen, Thema Mannschaftsschach ist bis zum nächsten Spieltag für mich erledigt. Nicht so für meinen Kontrahenten. Nun stichelten und hänselten seine Mannschaftskollegen ihn dafür, dass er nicht 2...Sxg4 gespielt hatte und damit Vorteil verschenkt hätte so massiv, dass er zuletzt den Bremerhavener Mannschaftsführer anschrieb. (Besserwisser finden sich halt schnell und zuhauf ein) Er äußerte daran die Bitte an mich ihm bei der Argumentation zu helfen, dass das Pauschalurteil seiner Mannschaftskollegen nicht so ohne weiteres gültig wäre. Die gehässige Antwort: »Tut mir leid, ihre Kumpel haben recht« wollte ich ihm dann nicht zumuten und schickte ihm Kopien des mir damals zur Verfügung stehenden losen Materials über das GWG zu. Als Dankeschön schenkte er mir ein darauf das sehr unterhaltsame Buch 'Freude am Schach' von Gerhard Henschel. Das Problem für SF Trocha war damals, dass es 1990 kaum zugängliches Material gab und das Internet für die breite Masse noch nicht nutzbar war.

[1] »Gibbins-Weidenhagen-Gambit« von Niels Jörgen Jensen/Rasmus Pape, Schachverlag Mädler, ...
... erschien 1991 erst einige Monate später und bildet auch noch heute die Hauptinformationsquelle für die systematische Erfassung der verschiedenen Abspiele des GWG und diverser Hintergrundinformationen. Die Autoren haben 700 verschiedene GWG-Partien, hauptsächlich aus dem 1982 von Volker Drüke gestarteten Themafernturnier, gesichtet und die aus ihrer Sicht subjektiv besten 100 Partien als Material für das Buch verwendet.

[2] Das Gibbins-Weidenhagen-Gambit 1 d4 Sf6 2 g4, Ergänzungs- und Partienband mit 717 Partien der Jahre 1982-1995 von Volker Drüke, Schachfirma Fruth-The World of Chess, ...
... erschien 5 Jahre später im Jahr 1996. Darin wurden, hauptsächlich unkommentiert, die restlichen nicht in [1] erfassten Partien in voller Länge abgedruckt. Leider sind diese nicht durchnummeriert und ein Spielerregister fehlt auch. [2] erschien mit einer Erstauflage von 200 Stück und war recht schnell vergriffen, während [1] mit Erstauflage 1000 Stück noch zu beschaffen ist.

Aus diesen beiden Quellen und eigenem zur Verfügung stehendem Material wird sich diese Ausarbeitung dann weiter speisen, wenn zu den weiteren Punkten übergegangen wird.

III. Meinungen und Stellungnahmen

Gemäß oben genannter Überschrift wird von Amateuren natürlich gern den entsprechenden Äußerungen von Meistern oder am liebsten Großmeistern entsprechend viel Bedeutung zu verschiedenerlei Eröffnungssystemen beigemessen, egal ob diese sich eingehend und intensiv mit dem Eröffnungssystem befasst haben oder sich nur auf einem blanken persönlichen Vorurteil basierend äußern. Der Amateurspieler nimmt diese Äußerungen vielfach in jedem Fall trotzdem ehrfürchtig zur Kenntnis. E.J. Diemer schrieb zu diesem Verhaltensmuster in seiner Blackmar-Gemeinde recht bissig, poetisch und treffend:

»So wie er (Meister oder GM) hustet wie er spuckt, das wird ihm glücklich abgeguckt!«

Auch zum GWG gab und gibt es Meinungsäußerungen von prominenter Seite. Zwei davon haben die Autoren Pape/Jensen in [1] wiedergegeben, um zu zeigen wie weit diese auseinandergehen können:

»Nach 1.d4 Sf6 2.g4 Sxg4 3.e4 d6 ist der einzige Trost für den Anziehenden, da er kaum lange überlebt, z.B. 4.f3 Sf6 5.Sc3 g6 oder 5.c4 g6, wonach Schwarz eine Standarderöffnung mit einem Mehrbauern spielt« (Benjamin/Schiller in ihrem Buch 'Unorthodox Openings', 1987 S.94).

»Warum nicht 1.d4 Sf6 2.g4, wenn ich fragen darf? Nach 2...Sxg4 3.e4 hat Weiß einen Vorsprung im Zentrum« meinte dagegen der dänische GM Bent Larsen in seinem Buch 'Skarpe abninger' (1983, S.49).

Weitere Meinungsäußerungen ließ mir SF Otto Dietze aus Wählitz (Autor von »Schachphänomen Morphy«) zukommen, gegen den ich in Volker Drükes GWG-Themafernturnier 1983 in der Vorrunde um Platzierung und Punkte spielte. Er nahm die Gelegenheit und persönliche Kontakte wahr und bat die GM Uhlmann und Knaak, damals führende Autoritäten im DDR-Schach, um Stellungnahmen zu 1.d4 Sf6 2.g4. Dietze schrieb mir damals, dass GM Uhlmann es kategorisch als indiskutabel und inkorrekt ablehnen würde. GM Knaak hingegen, so schrieb mir Dietze weiter, meinte es wäre wohl ganz brauchbar als Überraschungswaffe im Blitzschach (Na immerhin etwas = J.T.).

Jürgen Tönjes
(Fortsetzung folgt)