Partien von der Deutschen Jugendeinzelmeisterschaft in Willingen

von Wardenburg,J - Kuhn,I [A03]
DEM U10 Willingen (9), 12.06.2003 [Oliver Höpfner]

1.f4 Die Bird-Eröffnung ist ein seltener Gast in den Turniersälen dieser Welt. Eingeführt in die Turnierpraxis wurde sie vom englischen Meisterspieler Henry E. Bird (1830 - 1908). Weiß versucht, Raumgewinn am Königsflügel zu erzielen und zugleich mit seinem Zug das Zentrum zu kontollieren. Nachteile des Zuges: Der Zug f4 leistet zunächst nichts für die Entwicklung und zum anderen wird die empfindliche Diagonale e1-h4 weiter geschwächt. 1...d5 [Das Froms Gambit 1...e5!? ist der schärfste Versuch, die Schwächen des weißen Aufbaus direkt auszunutzen.] 2.Sf3 Sf6 3.b3 Lg4 4.e3 c6 5.Le2 Lxf3 [Eine Partie des großen dänischen Meisters Bent Larsen verdeutlicht an dieser Stelle die weißen Angriffsmöglichkeiten nach dem hier oft gespielten 5...g6: 6.Lb2 Lg7 7.0-0 0-0 8.Se5 Lxe2 9.Dxe2 Sfd7 10.d4 Sxe5 11.fxe5 f5 12.c4 e6 13.Sc3 Sd7 14.La3 Te8 15.Ld6 Lf8 16.c5 b6 17.b4 bxc5 18.bxc5 Da5 19.Tfc1 Lxd6 20.cxd6 Tab8 21.Sd1 c5 22.Sf2 c4 23.g4 Da3 24.gxf5 gxf5 25.Kh1 Kh8 26.Tg1 Db2 27.Dxb2 Txb2 28.Sh3 c3 29.Tac1 c2 30.Tg2 Tc8 31.Sg5 h6 32.Sf7+ Kh7 33.Tcg1 1-0 Larsen,B-Fuster,G/Portoroz 1958/IZT.] 6.Lxf3 Sbd7 7.Lb2 Dc7 8.d3 [8.d4 ist auch eine Überlegung wert, auch wenn Weiß in der Premiere des Zuges (dies lag aber nicht an der Eröffnung!) verlor: 8...a5 9.a4 e6 10.Sd2 Ld6 11.0-0 0-0 12.c4 Lb4 13.Tc1 Tfe8 14.Dc2 Sb8 15.Sb1 Sa6 16.Sc3 Lf8 17.Sa2 Tac8 18.g4 Sd7 19.Le2 f6 20.Ld3 g6 21.h4 e5 22.fxe5 fxe5 23.cxd5 e4 24.Df2 exd3 25.dxc6 Sb6 26.cxb7 Dxb7 27.Txc8 Txc8 28.Df6 Te8 29.h5 Lg7 30.Dg5 Dd5 31.Tf5 Dxb3 32.Tf2 Dd5 33.Tf5 Dxa2 34.hxg6 h6 35.Dh4 Dxb2 36.g5 Dc1+ 37.Kg2 Dxe3 38.gxh6 0-1 Jillek,W-Willim,M/Bayern 2001/EXT 2003.] 8...e5 9.fxe5 Sxe5 10.Sd2 Ld6 11.g3?! [11.0-0 sieht hier logischer aus.] 11...0-0-0 12.De2 Sed7?! [Tempoverlust. Besser ist hier einfach 12...The8] 13.0-0-0 Tde8 14.The1 g5?! [Einen kräftigeren Eindruck macht hier 14...Da5 mit leichtem schwarzen Vorteil.] 15.Lg4 Le7?! [Übervorsichtig. Gleiches Spiel verspricht 15...Le5 ] 16.e4! [Ein guter Zug. Stark ist aber auch 16.Lxd7+! Dxd7 17.Df3 g4 18.Df2 De6 19.Tf1±] 16...dxe4 17.dxe4 Thg8 18.Sc4 [Noch kräftiger ist hier 18.Lxf6! Eine mögliche Variante: 18...Lxf6 19.Sc4 Td8 20.Df2 Kb8 21.Txd7 Txd7 22.Lxd7 Dxd7 23.Dxf6+-] 18...Sxg4 19.Dxg4 Td8?? [Ein Panikzug, der einen malerischen Damenfang auf offenem Brett erlaubt. Erforderlich war 19...f6 , auch wenn Weiß nach 20.e5 die besseren Karten hat.]

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
. . k t . . t .
b b d s l b . b
. . b . . . . .
. . . . . . b .
. . S . B . D .
. B . . . . B .
B L B . . . . B
. . K T T . . .

20.Le5! Natürlich! 20...Dxe5 21.Sxe5 Kc7 22.Txd7+ 1-0

Schäfer,S (1059) - Kaphle,S (1201) [D07]
DEM U10 Willingen (11), 14.06.2003 [Oliver Höpfner]

1.Sf3 d5 2.d4 Sc6 3.c4 e6 [Etwas passiv. Der Theoriezug in der Tschigorin-Verteidigung ist an dieser Stelle 3...Lg4] 4.Sc3 Sf6 5.Lg5 Le7 6.e3 0-0 7.Le2 h6 [Gespielt wurden an dieser Stelle auch schon 7...dxc4; 7...a6; 7...b6 , allerdings ohne überzeugende schwarze Punktausbeute.] 8.Lh4 Te8 9.0-0 Lf8?! Ungenau, da Schwarz jetzt zur Vermeidung von Bauernverlust eine Schwächung seiner Bauernstruktur am Königsflügel zulassen muss. 10.Lxf6! gxf6 [10...Dxf6?! 11.cxd5 exd5 12.Sxd5±] 11.cxd5 exd5 12.a3 Lf5 13.Ld3 Lxd3 14.Dxd3 Se7 15.Tfe1 Sg6?! [15...Dd7] 16.Te2 [16.Db5! wäre hier schon möglich.] 16...Lg7?! [Besser ist wieder 16...Dd7]

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
t . . d t . k .
b b . . . b l .
. . . . . b s b
. . . b . . . .
. . . B . . . .
B . S D B S . .
. B . . T B B B
T . . . . . K .

17.Db5! Durch den Doppelangriff auf b7 und d5 gewinnt Weiß einen wichtigen Bauern. 17...Tb8 18.Dxd5 De7 19.Dc5 Dxc5 20.dxc5 f5 21.Tc1 Lxc3 22.Txc3 Sf4 23.Te1 Sd5 24.Tcc1 b6 25.cxb6 Txb6 26.b4 Ta6 27.Ted1 c6 28.b5 Txa3 29.bxc6 Sb6 30.c7 Tc8 31.Td8+ Kg7 32.Txc8 Sxc8 33.Kf1 Zum Gewinn von Weiß ist angesichts des Mehrbauerns, der schwarzen Bauernschwächen sowie des vorgerückten Freibauerns nur noch eine saubere Technik erforderlich, die hier vom Führer der weißen Steine vorbildlich demonstriert wird. 33...Ta6 34.Ke2 Td6 35.Sd4 Tg6 36.Sxf5+ Kf6 37.Sh4 Tg4 38.g3 Tb4 39.Tc6+ Ke7 40.Txh6 Tc4 41.Sf5+ Kd7 42.Th7 Sd6?! [42...Ke6 leistet mehr Widerstand.] 43.Sxd6 Kxd6 44.Txf7 Txc7?! Macht es Weiß durch den sofortigen Übergang ins Bauernendspiel besonders leicht. 45.Txc7 Kxc7 46.h4 Im Prinzip könnte Schwarz schon hier aufgeben. Der Rest ist nur noch Agonie. 46...Kd6 47.Kd3 Kd5 48.h5 Ke5 49.g4 a5 50.f4+ Ke6 51.g5 a4 52.Kc3 Kf5 53.e4+ Kxe4 54.g6 a3 55.g7 a2 56.Kb2 a1D+ 57.Kxa1 Kxf4 58.g8D Kf5 59.h6 Kf6 60.h7 Kf5 61.h8D 1-0

van Orsouw,S (1311) - Tschikischew,J (1249) [B07]
DEM U12 Willingen (8), 11.06.2003 [Oliver Höpfner]

1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.Le3 Lg7 5.Sf3 0-0 6.Lc4 Te8?! [Ungenau. Am häufigsten wird an dieser Stelle 6...c6 gespielt. Ein Beispiel aus der aktuellen Meisterpraxis: 7.a3 d5 8.exd5 cxd5 9.Lb3 Lg4 10.h3 Lxf3 11.Dxf3 e6 12.0-0-0 Sbd7 13.g4 Tc8 14.h4 Txc3 15.bxc3 Da5 16.Kb2 Tc8 17.Ld2 Se4 18.h5 g5 19.Le1 Sb6 20.c4 Sa4+ 21.Lxa4 Dxa4 22.Db3 Txc4 23.Dxa4 Txa4 24.c3 Sd6 25.Kb3 Ta6 26.Ta1 Sc4 27.f3 Tb6+ 28.Kc2 e5 29.dxe5 Tb2+ 30.Kd3 Sxe5+ 31.Kd4 Sxg4+ 32.Kxd5 Sf6+ 33.Kc4 b5+ 34.Kd3 Sd7 35.Ke4 Te2+ 36.Kf5 Te5+ 37.Kg4 Td5 38.Lg3 f5+ 39.Kxg5 Lf6+ 40.Kf4 Le5+ 41.Kxf5 Lxg3+ 42.Ke6 Td6+ 43.Ke7 Sb8 44.Thf1 Sc6+ 0-1 Bekele,A-D'Amore,C/Bled 2002/EXT 2003.] 7.h3?! [Harmlos. Mit dem energischen 7.e5! dxe5 8.Sxe5 Tf8 9.Df3 erreicht Weiß eine etwas bessere Stellung.] 7...e5? [Ein schwacher Zug. Mit 7...c6 oder 7...Sxe4!? mit dem möglichen Abspiel 8.Lxf7+ Kxf7 9.Sxe4 Kg8 würde Schwarz gleiches Spiel erreichen.] 8.d5?! [Schlapp gespielt. Nach 8.dxe5! dxe5 9.Sg5 Dxd1+ 10.Txd1 Le6 11.Sxe6 fxe6 12.Sb5 Sa6 13.f3 hätte Weiß großen positionellen Vorteil (aktive Figuren, Läuferpaar, schwache schwarze Bauernstruktur).] 8...c6?! [8...Sbd7 unklar] 9.Dd2?! [9.dxc6 bxc6 10.Dd2+/=] 9...Dc7 [Eine überlegenswerte Alternative ist hier 9...b5 unklar] 10.Lb3 a6 11.Td1 Td8?! [11...c5=] 12.Sa4? [Eine fragwürdige Idee. Vorteilhaft für Weiß ist dagegen 12.dxc6 Sxc6 13.Sg5 Td7 14.0-0 +/=] 12...Sbd7?! [Nutzt nicht die Gunst der Stunde. Mit 12...c5! 13.c4 Bitteres Muß. 13...Sxe4-+ würde plötzlich Schwarz am längeren Hebel sitzen.] 13.Dd3?! [Vergibt endgültig jede Chance auf Vorteil. Erforderlich war 13.dxc6 bxc6 14.Sg5 Tf8 15.Dxd6 Dxd6 16.Txd6 h6 17.Sf3±] 13...b5 14.Sc3? [Verliert forciert eine Figur. Die Balance hält nur noch 14.dxc6 bxa4 15.cxd7 Lxd7 16.Ld5 Sxd5 17.Dxd5 Lc6 18.Dc4 allerdings bei etwas besserer schwarzer Stellung.] 14...c5! 15.Sxb5 [15.Sd2] 15...axb5 16.Dxb5 La6 17.Dc6 Tdc8?! [17...Db8! Ist noch stärker, da es nach einigen Klimmzügen sogar die weiße Dame gewinnt: 18.c4 Tc8 19.Da4 Sb6 20.Da5 Sxe4 21.Sd2 Lxc4 22.Sxc4 Sxc4 23.Dxa8 Dxa8 24.Lxc4 Da5+-+] 18.La4?! [18.Dxc7 einziger Zug] 18...Lb7?! [18...Dd8! wieder mit Damengewinn: 19.Dxd6 Lf8 20.Dc6 Txc6 21.Lxc6 Tb8-+] 19.Dxc7 Txc7 20.Lxd7 Txd7 21.Sd2 Txa2 22.Tb1 La6 23.c4 Tb7 24.b3 Tb8 25.f3 Tf8 [Logischer scheint 25...Ta8 zu sein.] 26.0-0 Sh5 27.Ta1 Txa1 28.Txa1 Lc8 29.Kf2 f5 30.Ta7? [Verliert die zweite Figur. Besser ist 30.Ke2] 30...f4! 31.Lxc5 dxc5 32.Tc7 La6 33.Txc5 Lf6 34.d6 Ld8?! [Macht sich das Leben unnötig schwer. Mit 34...Kf7 gewinnt Schwarz sicherer.] 35.Td5?! [35.Txe5 ärgert Schwarz mehr.] 35...Te8 Jetzt ist wieder alles im Lot. 36.c5 Sf6 37.d7 Te7 38.Td6 Txd7 39.Txd7 Sxd7 0-1