Werder überrascht beim Schach-Europa-Pokal

Der European Chess Club Cup, die Champions League für Schach-Vereinsmannschaften, erwies sich diesmal im griechischen Rethymnon auf Kreta als eine der hochkarätigsten Veranstaltungen des Jahres. In der Zeit vom 28.09. bis 04.10. wurden an jeweils 6 Brettern 7 Runden gespielt und die Spitzenbegegnungen täglich live im Internet übertragen.

Im Hotel »Creta Star« tummelte sich ab jeweils 14.00 ein Grossteil der Weltelite, und selbst den Ranglistenersten Garry Kasparov lockte u.a. das mediterrane Ambiente ans Brett. Unter den zumeist jungen Koryphäen konnte man auch altbekannte Recken, wie z. B. die Schachlegenden Viktor Kortschnoj und Lajos Portisch, beim Kampf beobachten.

Allerdings fiel es nicht leicht, über diverse organisatorische und technische Mängel dieser Veranstaltung hinwegzusehen, etwa bei der Klimaanlage, Lautstärke, großen Enge im Turniersaal ... Überdies fehlte ein Pressezentrum, von einem Internet-Zugang ganz zu schweigen. Trotz aller Probleme und verbissener Schachduelle galt es freilich auch, das herrliche Wetter und das azurblaue Meer zu genießen.

[Photo]: Babula und Hracek

Das zuverlässige Duo Babula/Hracek auf Kreta Foto: ef

Der Bundesliga-Dritte SV Werder Bremen, einziger deutscher Vertreter neben den Berliner Schachfreunden aus Neukölln (29. im Endklassement), hatte eine Kombination aus Profis und Amateuren ins Rennen geschickt und gehofft, neben dem Erfahrungszugewinn auch dem einen oder anderen Favoriten ein Bein zu stellen. Tatsächlich erzielte Werder aus sieben Runden 9:5 Punkte und landete auf dem 9. bis 13. Rang (nach Wertung 12.) in einem illustren Feld punktgleich mit »Tomsk-400-Yukos« (Khalifman, Morozevich usw.) und noch vor z.B. Corpora Martin (Sutovsky, Movsesian, ...) und dem letztjährigen Cup-Winner Bosna Sarajevo (Bareev, Shirov, Sokolov, ...), was als ebenso überraschender wie schöner Erfolg zu werten ist. »Die Bremer beeindruckten zum Abschluss mit einem 3:3 gegen Tomsk. Sechs, teilweise lang ausgekämpfte Remisen zeigen, dass man - wenn man seine auswärtigen Titelträger dabei hat - selbst gegen russische Spitzenteams auf Augenhöhe agieren kann.« (Harald Fietz)

Übrigens, der favorisierte NAO Chess Club (Grischuk, Svidler, Adams & Co.) holte erstmals den European Club Cup, während der an 3 gesetzte »Ladya-Kazan-1000« (mit Kasparov als Zugpferd) Fünfter wurde und nicht einmal in die Preisränge kam. Bei dem (entgegen der Planung) getrennt ausgetragenen Damenwettbewerb siegte das Team von Internet CG Podgorica nach Wertung vor dem punktgleichen NTN Tbilissi.

»Aus vier Runden gegen Konkurrenten, die im Schnitt 75-170 Punkte stärker waren, holte unser Team 3 Mannschaftspunkte und hatte schon nach fünf Umgängen mehr Brettpunkte als im Turnier 2001. Mit einem Elo-Zugewinn von 30 Punkten gehören wir zudem zu den Teilnehmern mit der größten Steigerung. Und damit nicht absolut alles perfekt ausfiel, lieferte unser neuer Spitzenmann Luke McShane den Luxemburger Springern aus Echternach einen vollen Brettpunkt zu ihren insgesamt nur 13 ab. Dagegen zeigte unser bewährtes tschechisches Duo eine sehr gute Leistung, allen voran Vlastimil Babula, der eine Pracht-Performance von Elo 2702 bot.

Negativ fiel allerdings die Tauglichkeitsprüfung der originalen Fußballtrikots für Schachspieler aus: Wenn nach etwa vier Stunden, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Fußballer schon längst wieder geduscht sind, bei den Schachspielern der Schweiß ausbricht, ist die Atmungsaktivität der Textile deutlich am Ende.

Alles in allem etabliert sich der Europapokal immer mehr als der Saisonhöhepunkt des europäischen Schachs - und auch die Bundesliga sollte dringend ihren Horizont in Richtung Europa erweitern.« (Till Schelz-Brandenburg)

Claus Dieter Meyer

Schach-Europa-Pokal - Endergebnis
Rg Mannschaft + = - MP BP BH
1. NAO Chess Club FRA 6 1 0 13 30,0 180,5
2. Polonia Plus GSM Warszawa POL 6 0 1 12 29.0 169,0
3. Kiseljak BIH 6 0 1 12 29.0 152,0
4. Norilsk Nikel RUS 5 1 1 11 26,5 173,0
5. Ladya-Kazan-1000 RUS 4 2 1 10 28,5 162,5
6. St. Petersburg Lentransgaz RUS 5 0 2 10 27,5 164,0
7. Beer-Sheva Chess Club ISR 4 2 1 10 25,5 175,5
8. Tbilisi GEO 5 0 2 10 22,0 182,0
9. Chess Club Alkaloid Skopje MKD 4 1 2 9 30,5 135,0
10. Zalaegerszeg-Hydrocomp HUN 4 1 2 9 27,0 137,0
11. Tomsk-400-Yukos RUS 3 3 1 9 25,0 166,5
12. Werder Bremen GER 4 1 2 9 25,0 162,5
13. GKSz Polfa Grodzisk M. POL 4 1 2 9 24,5 146,5
14. VCH Vitebsk BLR 4 0 3 8 26,5 108,0
15. Corpora Martin SVK 4 0 3 8 25,5 145,5
16. Bosna Sarajevo BIH 4 0 3 8 25,0 158,0
17. Momot Chess Club URK 3 2 2 8 24,0 154,0
18. Vesnianka Minsk BLR 4 0 3 8 23,5 162,0
19. Clichy Echecs 92 FRA 4 0 3 8 23,0 157,0
20. Barbican Chess Club ENG 4 0 3 8 22,0 139,5

insgesamt 45 Vereinsmannschaften

Schach-Europa-Pokal - Einzelwertungen
Rg. Name Rtg Team Rp Pts S
1. GM Kasparov Garry 2830 Ladya Kazan 2839 4,5 6
2. GM Yemelin Vasily 2550 St.Petersburg L.T.G. 2838 5,0 5
3. GM Akopian Vladimir 2703 C. C. Alkaloid Skopje 2836 5,0 6
...
17. GM Babula Vlastimil 2550 Werder Bremen 2702 5,0 7
...
21. GM Hracek Zbynek 2584 Werder Bremen 2673 4,5 7
...
63. GM McShane Luke 2619 Werder Bremen 2583 3,5 7
...
91. GM Knaak Rainer 2480 Werder Bremen 2505 3,0 6
...
109. Joachim Sven 2438 Werder Bremen 2473 3,0 6
...
120. Heissler Jakob 2449 Werder Bremen 2452 2,5 5

insgesamt 268 Einzelwertungen