Eröffnungshistorisch unter der Lupe: Das Gibbins-Weidenhagen-Gambit

Der erste Berichtsteil befindet sich in der Rochade Bremen 10/2003, S. 4f.

III. Meinungen und Stellungnahmen (Fortsetzung)

Die letzte Stellungnahme von schachprominenter Seite beinhaltet eine kleine Anekdote und Kurzpartie und läutet gleichzeitig das nächste Kapitel um die kuriose Namensfindung zu diesem Gambit ein. Aufgewärmt wurde diese »olle Kamelle« zuletzt wieder in [3] auf S. 17, nachdem diese bereits in Tim Hardings »Irregular Openings« von 1974 auf S. 72 und in der [4] auf S. 105ff geschildert wurde. Danach soll sich folgendes zugetragen haben:

Die beiden Schachgroßmeister und guten Freunde David Bronstein und Wladimir Simagin mussten an einem Sonntag bei einen »total gleichgültigen« Klubwettkampf gegeneinander antreten und waren entsprechend angeödet. Nun geschah folgendes:

Bronstein, D. - Simagin, W.
Mannschaftskampf 1967*

1. d4 Sf6 2. g4 Bronstein dachte jetzt, dass sein Gegner wohl länger nachdenken würde (mindestens 15 Minuten) und er einen kleinen Spaziergang unternehmen könnte. Ein guter Spaß, nach seinem zweiten Zug. Zu seiner großen Überraschung erfolgte die Antwort aber sehr schnell: 2...d5 3 g5 Se4 4 f3 Sd6 5 e4

Schwarz am Zug
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Noch einmal unternimmt Bronstein einen Gambitversuch, ... 5...dxe4 6 fxe4 e5!

Weiß am Zug
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... den Simagin schon wieder mit einem Gegenstoß im Zentrum ablehnt. 7 dxe5 Sxe4 8 Dxd8+ Kxd8 und ein Remisangebot des völlig aus der Fassung gebrachten Bronstein folgte, der sichtlich enttäuscht vom Scheitern seiner Überraschungsidee und seines Gambitgedankens war. Simagin nahm das Angebot an und »tröstete« noch mit den Worten: »Ja, ich habe diese Position (nach 2 g4) vor langer Zeit analysiert und die Spiele stehen gleich.«

Erzählt bekommen haben will der englische Autor Les Blackstock diese Anekdote von David Bronstein selbst.

[*Einige Quellen nennen das Jahr 1950]

Womit nunmehr zur Namensfindung übergegangen werden kann.

IV. Namensfindung und Geschichte

Kaum wird etwas neues am Schachbrett entdeckt, melden sich auch schon recht schnell Schachspieler mit Urheberrechten und Namensvorschlägen an. Dies kann zu einer manchmal recht kontroversen und spannenden Angelegenheit werden. Man denke z.B. nur an den 1 c4-Papa Carl Carls, der für seine »Bremer Partie« 50 Jahre unermüdlich kämpfte, aber letztendlich gegen die »Engländer« kapitulieren musste. Ähnlich kontrovers ging es auch bei der Namensgebung für 1 d4 Sf6 2 g4 zu.

In der einschlägigen englischen und amerikanischen Schachliteratur wurde die Zugfolge wegen der o.g. Partie entweder als

  1. Bronstein-Gambit oder als
  2. Bullfrog-Gambit bezeichnet.

Wegen b) wurde zunächst die deutsche Übersetzungsbezeichnung »Ochsenfrosch-Gambit« verwendet, wie z.B. von Rainer Schlenker in [4] auf S.105. Dort dann auch unter dem Oberbegriff »Piraten-Spielanfänge«. Woher letztendlich der Begriff »Bullfrog-Gambit« stammt, ist aber bisher unklar geblieben.

Vom GWG-Themafernturnierteilnehmer Hans-Peter Lawatsch kam der Vorschlag das Ganze als:

  1. Indisches Flügelgambit zu benennen.

Dieser Vorschlag hatte sicherlich auch etwas für sich. Eine entsprechend charakteristische Stellung ist nach 1 d4 Sf6 2 g4 entstanden. Letztendlich konnte sich aber dieser Vorschlag nicht durchsetzen.

Ebenso vergeblich war der Benennungsversuch von dem durchaus spielstarken GWG-Freund Clyde Nakamura aus Hawaii/USA, der den Autoren von [1] und Volker Drüke schrieb, dass er eine neue Eröffnung erfunden hätte, als er erstmalig seine Partien mit 1 d4 Sf6 2 g4 eröffnete. Seine älteste Partie stammt aus dem Jahr 1982, also etwa zeitgleich als Volker Drüke das Themafernturnier startete.

Nakamura,C - Takata,R
Matchpartie Hawaii 1982

1 d4 Sf6 2 g4 d5 3 g5 Se4 4 f3 Sd6 5 Sc3 c6 6 e4 dxe4 7 fxe4 g6 8 Le3 Lg7 9 Ld3 Sa6 10 a3 Sc7 11 Df3 Le6 12 0-0-0 Dd7 13 Sge2 Sc4 14 d5 Lg4 15 dxc6 Dxc6 16 Df2 Lxe2 17 Lxe2 Sxb2 18 Tdf1 Dxc3

Weiß am Zug
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19 Dxf7+ Kd8 20 Lc5 De5 21 Lxe7+ Kc8 22 Ld6 Dc3 23 Lg4+ Kb8 24 Tf3 Dc4 25 Dxg7 Td8 26 Tc3 1-0.

Er hätte von sich aus gern den Namen:

  1. Queens Pawn Grob verwendet.

Übersetzt bedeutet dies soviel wie Damenbauer-Grob, in Ableitung zu dem 1 g4-Initiator und Schweizer Meisterspieler Henry Grob.

Unter den niederländischen Schachfreunden war auch eine Zeit lang der Begriff

  1. Krabbe-Gambit verbreitet.

Dies kommt daher, dass der bekannte niederländische Schachmeister, Schachschriftsteller und Radfahrer Tim Krabbe Partien mit dieser Eröffnung schon recht früh in den 1960er-Jahren und 1970 gespielt hatte, wie nachfolgend ersichtlich ist.

Krabbe,T - Piket,X
Amsterdam 1967

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 e4 d5 4 e5 g6 5 Lf4 Sh6 6 h4 c5 7 c3 cxd4 8 cxd4 Db6 9 Sc3 e6 10 Dc1 Sf5 11 Sxd5 exd5 12 Dxc8+ Ke7 13 Lg5+ f6 14 Lxf6+ Kf7 15 Lxh8 Dxb2 16 e6+ Kg8 17 Td1 Db4+ 18 Ke2 Kxh8 19 Th3 Sc6

Weiß am Zug
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20 Dxa8 Scxd4+ 21 Txd4 Sxd4+ 22 Ke3 Sf5+ 23 Ke2 Sd4+ 24 Ke3 Kg7 25 Ld3 Lc5 26 Sf3 Db2 27 Sd2 Sxe6+ 28 Kf3 Dxd2 29 Dxb7+ Kh6 30 Le2 Df4+ 0-1

Weiß am Zug
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Krabbe,T - Gat,X
Amsterdam 1970

1 d4 Sf6 2 g4 d5 3 g5 Se4 4 Sc3 Sxc3 5 bxc3 c5 6 Lg2 Sc6 7 Sf3 Lf5 8 Sh4 Lg4 9 Dd3 e6 10 Lf4 Le7 11 Dg3 Lh5 12 Lf3 Lxf3 13 Sxf3 Da5 14 0-0 Dxc3 15 Tab1

Schwarz am Zug
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15...Sxd4 16 Sxd4 Dxg3+ 17 hxg3 cxd4 18 Txb7 Lc5 19 Tfb1 0-0 20 T1b5 Lb6 21 a4 f6 22 gxf6 gxf6 23 a5 Ld8 24 a6 e5 25 Lh6 Tf7 26 Txd5 Lb6 27 Tdd7 Txd7 28 Txd7 Tb8 29 Kg2 Lc5 30 Tg7+ Kh8 31 Tc7 Lb6 32 Tf7 Kg8 33 Txf6 Lc5 34 Tc6 Tb5 35 Tc7 Tb6 36 Txc5 Txh6 37 Tc8+ Kf7 38 Tc7+ Kg8 39 Txa7 Tc6 40 Kf3 Txc2 41 Tb7

Schwarz am Zug
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1-0

Krabbe,T - Timman,T
Leeuwarden 1970

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 e4 d6 4 Sc3 e5 5 Sf3 exd4 6 Dxd4 Sc6 7 Lb5 Ld7 8 Lxc6 Lxc6 9 Tg1 Df6 10 Dd3 Se5 11 Sxe5 Dxe5 12 Le3 Le7 13 0-0-0 Lf6 14 f4 De7

Weiß am Zug
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15 Tg3 0-0-0 16 Lxa7 The8 17 Te3 g5 18 Sd5 Lxd5 19 exd5 Dd7 20 Ld4 Lxd4 21 Dxd4 Df5 22 Txe8 Txe8 23 fxg5 Dxg5+ 24 Kb1 Dh5 25 a4 Dxh2 26 Da7 De2 27 Td3 b6 28 Da8+ Kd7 29 Dc6+ Kd8 30 Tc3 Te7 31 Da8+ Kd7 32 Dc6+ Kd8 33 Da8+ Kd7 34 Db7 f5 35 Txc7+

Schwarz am Zug
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1-0

Historisch berechtigt gewesen wäre sicherlich der Name:

f) Bogart-Gambit

Tatsächlich ist mit der nachfolgenden Partie der Humphrey Bogart gemeint, der allen »Kleinen« in die Augen schauen und es als »Sam« noch einmal spielen soll.

Bogart,H - N.N.
USA? 1933

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 f3 Sf6 4 e4 d6 5 Le3 g6 6 Sc3 Lg7 7 Dd2 Sc6 8 0-0-0 0-0 9 Ld3 e5 10 d5 Sb4 11 Lc4 a5 12 a3 Sa6 13 h4 Sh5 14 Sge2 f5 15 Lg5 Lf6 16 f4 exf4 17 Sxf4 Sxf4 18 Dxf4 fxe4 19 Lh6 Te8 20 Sxe4 Lg7 21 Lxg7 Kxg7

22 h5 Lf5 23 hxg6 Lxg6 24 Dh6+ Kg8 25 Tdg1 De7 26 Txg6+ hxg6 27 Dh8+ Kf7 28 Th7+ # (matt) 1-0

Leider wird die erwähnte Quelle von Pape/Jensen in [1], Claude Bloodgood als Autor des Heftes »The tactical Grob«, nicht als 100% sicher und zuverlässig angesehen. Auch Volker Drüke teilt diese angemeldeten Zweifel. Es ist aber unter Vorbehalt die älteste Partie, die zu dieser Eröffnung gefunden werden konnte. Fakt ist immerhin, dass der Schauspieler Humphrey Bogart gern Schach spielte, einigermaßen Spielstärke hatte und auch Mitglied im nordamerikanischen Schachverband war.

Letztendlich durchgesetzt hat sich allerdings der nun schon bekannte Bandwurmname:

g) Gibbins-Weidenhagen Gambit (GWG)

Diesen Namen erhielt diese Eröffnung letztendlich von Volker Drüke!

Liest man den Vorspann in [1] einigermaßen genau quer, so hatten sich bei meinem alten Schachfreund folgende Sachen zugetragen: Er hatte im November 1982 in der Rochade Europa die nachfolgende Partie entdeckt:

Diemer,EJ - Wagner,X
St. Radegund/Österreich 1960

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 e4 Sf6 4 e5 Sd5 5 c4 Sb6 6 Sc3 d6 7 a4 dxe5 8 a5 exd4 9 axb6 dxc3 10 Dxd8+ Kxd8 11 Txa7 1-0

Schwarz am Zug
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Womit sich der BDG-Vorkämpfer zum x-ten Mal als versierter Fallensteller erwies.

E.J. Diemer rief in der Kommentierung seiner Partie zu einem Themafernturnier über diese Eröffnung auf. Als enthusiastischer Diemer-Fan, Gambitfreund, Vollblutfunktionär und -organisator war für ihn damit »Benzin ins Feuer« gegossen wie er in [1] im Vorspann zum Turnierreport schreibt. Insgesamt verschickte er 215 Einladungen an diverse ihm bekannte Fernschachfreunde in der ganzen Welt. Bis Dezember 1983 starteten dann insgesamt 87 Schachspieler in 14 verschiedenen Gruppen aus 14 verschiedenen Nationen. Weitere Anfragen bis Juli 1984 konnte er aus Zeitgründen nicht mehr berücksichtigen.

Weiterhin war er bei der weiteren Suche nach älterem Partiematerial anscheinend auf eine im »Schach-Echo von 1976« auf S. 56 veröffentlichte Partie gestoßen, die IM Kottnauer kommentierte. Diese verlief wie nachstehend:

Barton,A - Raindle,X
London Weekend Tournaments 1976

1 d4 Sf6 2 g4 d5 3 g5 Se4 4 f3 Sd6 5 Sc3 c6 6 e4 e6 7 Ld3 h6 8 g6!

Schwarz am Zug
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T . L D K . S T

8...Dh4+ 9 Kf1 Le7 10 Le3 0-0 11 Lf2 Dh5 12 Sce2 dxe4 13 Sg3 Dxg6 14 fxe4 f5 15 exf5 Sxf5 16 Sxf5 exf5 17 De2 Df6 18 Te1 Ld6 19 Sf3 b5 20 Tg1 Ld7 21 Lh4 Df7 22 Dg2 Sa6 23 Se5 Lxe5 24 dxe5 Sc5 25 Lf6 g5 26 Lxg5 hxg5 27 Dxg5+ Kh8 28 Dh6+ Dh7 29 Dxh7+ Kxh7 30 Te3! 1-0

Schwarz am Zug
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Darin wurde der Name Gibbins-Gambit verwendet. Dies ist jetzt aber nicht wie Pape/Jensen in [1] schreiben vom Namen für die Affenart »Gibbon« abgeleitet!! Es ist auch keine Analogie zur Eröffnung 1 b2-b4 = Sokolsky-Eröffnung, auch häufig als »Orang Utan« bezeichnet, nachdem GM Dr. S. Tartakower dies nach einem Zoobesuch in New York zu Ehren eines ihm sympathischen Orang Utan-Weibchens kreierte. Hier sind die beiden Autoren Pape/Jensen einem gedanklichen Irrtum erlegen und haben schlichtweg einen Sachfehler produziert!

Aus dem Material, dass mir SF Otto Hardy aus Loughborough / GB zusandte und mit ergänzenden Anmerkungen versah, geht eindeutig etwas anderes hervor! Danach stammt die Bezeichnung »Gibbins« von einem englischen Schachspieler mit Namen Stanley Gibbins. Dieser besagte Schachspieler spielte am Anfang der 1960er-Jahre, etwas früher als Tim Krabbe, in England mehrfach die Eröffnung 1 d4 Sf6 2 g4. Stanley Gibbins stammte aus der Stadt Derby, wo auch der englische Schachspieler Alan Barton, ebenfalls ein regelmäßiger GWG-Anwender (hauptsächlich von 1970-1985), schachlich aktiv war. Beide kannten sich. Barton arbeitete bei Rolls Royce in der gleichen Abteilung wie die Frau von Stanley Gibbins. Gibbins war anscheinend auch eine Zeit lang als Betriebsschachspieler für die Rolls Royce-Werke aktiv, bevor er etwas später um 1970, wohl aus persönlichen Gründen, das Nahschach aufgab und ganz zum Fernschach wechselte.

Gibbins,S - Chandler,EW
Ward -Higgs. Correspondence 1961/62

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 e4 Sxf2 4 Kxf2 e5 5 Sf3 Sc6 6 c3 f5!

Weiß am Zug
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T S L D . L . T

7 exf5 e4 8 Sg5 d5 9 Lh3 Ld6 10 Kg2 0-0 11 Dh5 h6 12 Sxe4 dxe4 13 Lxh6 Df6 14 Lg5 Df7 15 Dxf7+ Txf7 16 Tf1 g6 17 f6 Lxh3+ 18 Kxh3 Th7+ 19 Kg4 Txh2 20 f7+ Kg7 21 Lf6+ Kf8 22 c4 Se7 23 Lxe7+ Kxe7

Weiß am Zug
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T S . . . T . .

24 f8D+ Txf8 25 Txf8 Kxf8 26 Sc3 Tg2+ 27 Kh3 Txb2 28 Sxe4 Le7 29 Kg3 Kg7 30 Kf4 b6 31 Ke3 Th2 32 Kd3 Th3+ 33 Kd2 Ta3 34 Kc2 Lf6 35 Sxf6 Kxf6 36 Tf1+ Kg7 37 Kb2 Te3 38 Tg1 Tf3 39 Te1 g5 40 Te7+ Tf7 41 Te6

Schwarz am Zug
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0-1

Gibbins,S - Franklin,M.J.
corr 1961

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 e4 d6 4 Lc4 e5 5 h3 Dh4 6 Df3 Sf6 7 Sc3 c6 8 Le3 Sbd7 9 0-0-0 a6 10 Dg2!

Schwarz am Zug
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10...exd4 11 Txd4 Dh5 12 f4 Le7 13 Sf3 b5 14 Le2 Dg6 15 Df2 c5 16 f5 Sg4 17 hxg4

Schwarz am Zug
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1-0

Gibbins,S - Harriott,B.
NCCV Correspondence Championship 1964/65

1 d4 Sf6 2 g4 g6 3 g5 Sd5 4 e4 Sb6 5 Lg2 Lg7 6 Se2 c5 7 d5 d6 8 c4 Ld7 [8...Sxc4? 9 Da4+] 9 Sbc3 Sxc4 10 b3 Sb6 11 0-0 Lb5 12 Sxb5!?

Schwarz am Zug
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B . . . S B L B
T . L D . T K .

12...Lxa1 13 Sbc3 Lxc3 14 Sxc3 Sa6 15 f4 c4 16 Le3 Sc5 17 Ld4 Tg8 18 e5 e6 19 Sb5 Scd7 20 dxe6 fxe6 21 Dg4 De7 22 exd6 Df7 23 Sc7+ Kd8 24 Lxb7 Tb8 25 Sxe6+ Ke8 26 Te1

Schwarz am Zug
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1-0

Gibbins,S - Barton,A
Correspondence friendly 1969 (= Freundschaftspartie)

1 d4 Sf6 2 g4 Sxg4 3 e4 d6 4 Sf3 g6 5 Sc3 Lg7 6 h3 Sf6 7 Le3 c6 8 Dd2 b5 9 Ld3 Da5 10 b4!?

Schwarz am Zug
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T . . . K . . T

10...Dxb4 11 Ke2 Da5 12 a3 Sbd7 13 e5 dxe5 14 dxe5 Sh5 15 Le4 Lb7 16 Ld4 Td8 17 De3 Sb6 18 Sd2 Sc4?!

Weiß am Zug
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T . . . . . . T

19 Sxc4 bxc4 20 Tab1 La8 21 Tb4 Sf4+ 22 Dxf4 Txd4 23 Tb8+ Td8 24 Txa8 Txa8 25 Lxc6+ Kf8 26 e6 !? De5+ 27 Dxe5 Lxe5 28 Lxa8 Lxc3 29 Ld5 Lb2 30 exf7 c3 31 a4 Kg7 32 Td1 Tb8 33 Td4 Td8 34 Td3 La3 35 Le6 Td6 36 Txd6 Lxd6 37 Kd3 Le5 38 Kc4 Kf8 39 f4 Lf6 40 Kc5 h6

Weiß am Zug
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41 a5 Lh4 42 Kc6 Lf2 43 Kd5 Lg3 44 Kd4 Le1 ½-½

Der Zusatz »Weidenhagen« wird dadurch erklärt, dass E.J. Diemer in der Kommentierung seiner o.g. Partie auf Rolf Weidenhagen als Erfinder dieser Zugfolge hinwies. Rolf Weidenhagen soll auch der Erfinder des »Studier-Angriffs« im Blackmar Diemer Gambit sein; und zwar nach 1 d4 d5 2 e4 dxe4 3 Sc3 Sf6 4 f3 exf3 5 Sxf3 und nun 5...g6 = Bogoljubow-Verteidigung. Von Rolf Weidenhagen selbst sind allerdings keine Partien mit 1 d4 Sf6 2 g4 erhalten geblieben. Pape/Jensen mutmaßen in [1], dass die Partien, wenn gespielt, eher experimentellen Charakter hatten und nicht aufgezeichnet wurden. Volker Drüke selbst nahm zu Beginn seines Themafernturniers telefonisch zu dem damals in München lebenden Rolf Weidenhagen auf, um näheres über die Hintergründe zu erfahren, die zu der Eröffnungsidee geführt hätten. Aus dem Telefonat konnte er allerdings keine Erkenntnisse darüber gewinnen, da Rolf Weidenhagen sich reserviert und auskunftskarg verhielt. Für den Zusatz »Weidenhagen« spricht allerdings, dass E.J. Diemer explizit in seiner Partiekommentierung zu Diemer-Wagner, St. Radegund 1960 auf ihn verwiesen hat und dies, einmal abgesehen von der Bogart-Partie, die älteste nachweisbare Partie mit 1 d4 Sf6 2 g4 ist.

Endgültig fiel der Hammer für die Namensgebung von 1 d4 Sf6 2 g4 mit Herausgabe und Veröffentlichung von [1]. Pape/Jensen schrieben im Abschnitt »Der Name« kurz und prägnant als Begründung: »Wir haben uns für den Namen Gibbins-Weidenhagen Gambit entschieden, weil diese Bezeichnung, spätestens seit dem privaten Themafernturnier von Volker Drüke, unter den Spielern dieser Eröffnung selbst am häufigsten anzutreffen ist«.

Dem ist weiter nichts hinzuzufügen!! Somit kann jetzt von der GWG-Frühzeit (1933-1970) in die jüngere Vergangenheit (1982-1996) übergegangen werden, da sich in der Zeit dazwischen nichts weiter relevantes für das GWG ereignete. Zu klären war und ist dann:

V. Vor- und Nachteil bzgl. Spielbarkeit

Wie auch bei anderen Gambiten wird ein Bauer geopfert bzw. ein Bauernopfer angeboten und es wird etwas dafür erwartet. Die spannenden Fragen: Was bekommen ich dafür, wenn ich mit 1 d4 Sf6 2 g4 ein Bauernopfer als Weißer anbiete? Und reicht dies für mich aus meine Partie zum Gewinn oder Remis (wenn der Gegner deutlich stärker und spielerisch überlegen ist) abzuwickeln?

Dies ist sicher nicht ganz einfach und einheitlich zu beantworten. Von Fall zu Fall differiert das Äquivalent, je nachdem mit was für einem/einer Gegner(in) man es zu tun bekommt. Abgesehen von den allgemeinen Aussagen, die über den Charakter von angenommenem oder abgelehntem GWG getroffen werden können sind die Äquivalente öfters subjektiv. Hierzu einige markante Beispielpartien mit Voranmerkungen, Anekdoten und Partiekommentaren:

Beispielpartie 1: Äquivalent = Theoriekenntnisentwertung des Gegners

Mein Vereinskollege Thomas Lindemann musste bei der Bremer Meisterschaft gegen den spielstärkeren Gegner Klaus Busch (dieser wurde später sogar IM) antreten. SF Busch war Lindemann durch das Kadertraining von C.D. Meyer im LSB Bremen als ehrgeizig und theoriebüffelnd (3-4 h pro Tag) bekannt. »Für den ist das GWG genau richtig« sagte sich Thomas Lindemann, zumal er selbst die Nacht vorher durchgesumpft und wenig geschlafen hatte. Tatsächlich behielt er recht.

Lindemann,Th - Busch,K
Bremen 1983

1 d4 Sf6 2 g4 Schon ist der spätere IM seiner Überlegenheit bzgl. Eröffnungstheoretischer Kenntnisse beraubt und muss sich alles selbst am Brett erarbeiten. Das kostet Zeit und mentale Kraft. 2...Sxg4 3 e4 d6 4 Lc4 e5?! 5 h3 Dh4 [5...Sf6 6 dxe5 dxe5 7 Lxf7+ Kxf7 8 Dxd8 Lb4+ 9 Dd2 Lxd2+ 10 Sxd2; nebst b3, Lb2, Sgf3, Sdc4 und Spiel auf e5, +=] 6 De2! Sxf2 7 Dxf2! [7 Sf3? Sd3+ 8 Kd1 Sxc1 -+] 7...Dxe4+ 8 Kf1 d5!

Weiß am Zug
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B B B . . D . .
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[8...Dxh1?? 9 Dxf7+, nebst Lg5+, Dxe7 matt] 9 Sc3! Dxd4! [9...Dxh1?? 10 Lxd5 Lxh3+ 11 Ke1 +-] 10 Dxd4 exd4 11 Sxd5 Ld6 12 Sf3 c5 13 Tg1! Lxh3+ 14 Kf2 g6 15 Sf6+ Ke7 16 Lg5 +-

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b b . . k b . b
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B B B . . K . .
T . . . . . T .

»Trotzdem Remis!« (Variantenangaben und Zugeinschätzungen von Thomas Lindemann) ½-½

Auch ich selbst schätzte meinen Gegner als spielstärker und eröffnungstheoretisch überlegen ein. Auch hier kam das GWG zum Einsatz. An der Niederlage von Weiß trifft es aber keine Schuld. Es war meine fehlende Erfahrung und Routine, zumal es meine erste, im Nahschach gespielte, GWG-Partie überhaupt war.

Beispielpartie 2: Äquivalent = Bedenkzeitfraß beim Gegner

Tönjes,J - Reuker,M
Mannschaftskampf B-Klasse
Delmenhorst IV -Lilienthal II am 21.01.1984

1 d4 Sf6 2 g4 Was sich GM Bronstein erhoffte und nicht bekam tritt hier ein: Der Gegner denkt und denkt und denkt und zieht erst nach ca. 35 min ... 2...d5 ... womit er das Bauernopfer ablehnt. Allein der gegnerische Bedenkzeitverbrauch rechtfertigt hier schon den angebotenen Gambitbauern. 3 g5 Se4 4 f3 Sd6 5 Sc3 e6 6 e4 h6! Hebelt sofort den schwächsten Punkt in der weißen Stellung an. 7 e5??

Schwarz am Zug
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t s l d k l . t
b b b . . b b .
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B B B . . . . B
T . L D K L S T

Ein schwerer Positionsfehler. Der schwarze Sd6 kann nun für die Ewigkeit auf f5 nisten. Weiß hätte 7.h4 oder 7.Sh3 probieren müssen. 7...Sf5! 8 f4 hxg5 9 fxg5 c5! Schwarz hat nun die Initiative und die bessere Stellung. 10 Sf3 Sc6 11 Se2? cxd4 12 Sexd4 Sfxd4 13 Sxd4 Sxe5 14 Lb5+ Ld7 15 De2 Th4 16 Lxd7+ Dxd7 17 Df2 ?? Txd4 18 0-0 Tg4+ 19 Kh1 Dc6 20 h3 Lc5 21 De2 d4+ 22 Kh2 Te4 23 Dg2 d3 24 cxd3 Sxd3 25 Df3 Ld6+ 26 Kg1 Se5 27 Dg2 Dc4 28 b3 Dd3 29 Kh1 Te2 30 Tf2 Te1+!

Weiß am Zug
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0-1

Volker Drüke muss sich, trotz Zusendung meinerseits, aufgrund des 7. Zuges von Schwarz geweigert haben die folgende Partie seiner Sammlung einzufügen. Sie taucht weder in [1] noch in [2] auf. Trotzdem war sie für mich und die Mannschaft wichtig. Bereits in der Eröffnungsphase hatte, einige Bretter höher, Kollege Lothar Cordes Vorteil herausgespielt, den er noch in klingende Münze umsetzen musste. Alle anderen Spiele waren noch unklar. Kurz darauf passierte folgendes:

Beispielpartie 3: Äquivalent = Überheblichkeit beim Gegner bedingt Desorientiertheit am Brett

Tönjes, J. - Brosig, ?? **
Landesliga West Niedersachsen (vor der Klassenreform) am 28.10.1984 in Osnabrück
SF Lilienthal I - IG Metall

1 d4 Sf6 2 g4 »Bodenlose Unverschämtheit! Dir werd' ich es schon zeigen.« So o.ä. musste mein Gegner gedacht haben. 2...d5 3 g5 Se4 4 f3 Sd6 5 Sc3 c6 6 e4 dxe4 »Gleich ein zünftiges Schach und die weiße Stellung ist demoliert und bald platt.« 7 fxe4 Lg4???

Weiß am Zug
  ABCDEFGH
t s . d k l . t
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B B B . . . . B
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»Schon kommt das Schach! Und dann...« 8 Dxg4 Hossa, hossa, hossa!! Nach ca. 10 min Spielzeit kam bei der Lilienthaler Mannschaft so etwas ähnliches wie Volksfeststimmung auf. Der weiße Kd1 ist leider eine Dame, die gerade zurückgeschlagen hat. Noch einmal nebenbei bemerkt: Es handelt sich hier nicht um Kreis- oder D-Klasse, sondern um die Landesliga West! 8...e6 9 Ld3 Sd7 10 Sge2 Le7 11 e5 Sc8 12 Se4 Sdb6 13 h4 Sd5 14 Ld2 b5 15 Tf1 Scb6 16 S2g3 Sc4 17 Lxc4 bxc4 Das er mit einer Minusfigur immer noch weiter spielt hängt nicht mit der angeblich schwachen Fortsetzung von Weiß zusammen wie SF Brosig nach der Partie behauptete (dies habe ich ihm keinen Moment lang geglaubt),... 18 Df3 0-0 19 Sf6+ Kh8 20 Sxd5 cxd5 ...sondern mit dem grausamen Spielchen was sich häufig auf allen Spielniveauebenen abspielt: 21 Ke2 Tb8 22 Tab1 g6 23 Dg4 Kg7 24 h5 Tb7 25 hxg6 hxg6 Der schwächere Spieler (Patzer) hat den stärkeren Spieler (Routinier) überspielt (bzw. dieser hat sich selbst hereingelegt) und Letzterer will es einfach nicht wahrhaben und einsehen, sondern hofft auf einen Aussetzer des Gegners. 26 Th1 c3 27 Lxc3 Lxg5 So spielt es sich häufig bei Turnierwettkämpfen zwischen GM und IM, IM und DWZ 2100,... 28 Th3 Th8 29 Txh8 Kxh8 ...DWZ 2100 und 1700, ... 30 Th1+ Kg7 31 a3 a5 32 Dh3 Dg8 33 Dg2 Kf8 34 Lxa5 Txb2 ...DWZ 1700 und 1300, 1300 und 900 usw. ab. 35 Lb4+ Le7 36 Lxe7+ Kxe7 37 Df3 Dg7 38 Dc3 Tb7 39 Dc5+ Ke8 40 Dc8+

Schwarz am Zug
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Hier sah er dann allerdings grollend ein, dass ich mir die Butter eigentlich nicht mehr vom Brot nehmen lassen wollte, weil mir ein Sieg einen »GWG-Kaperbrief« bei meinen einflussreichen konservativer denkenden Mannschaftskollegen verschafft. 1-0

{**Heiko, Hermann oder Boris. Bei der IG Metall gibt es 3 Spieler namens Brosig. Der Vorname wurde von mir nicht vermerkt, aber einer von denen war es.}

Auch in der folgenden Partie gebraucht mein inzwischen verstorbener Vereins- und Mannschaftskollege das GWG als Überraschungswaffe gegen seinen nominell stärkeren Gegner, den Mannschaftsführer von Blau Weiß Buchholz. Und auch hier besiegt sich der Kontrahent durch seine innere Einstellung letztendlich selbst.

Beispielpartie 4: Die falsche innere Einstellung wird zum Verhängnis - Äquivalent: Gesichtsausdruck des Gegners

Ioan, M. (1867) - Sperhake, K. (1965)
Verbandsliga Nord/Niedersachsen am 05.11.1995 in Lilienthal
SF Lilienthal 1 - Blau Weiß Buchholz 1

1 d4 Sf6 Noch sitzt `Käpt'n Sperhake' gut gelaunt und guter Dinge am Brett und harrt der indischen Eröffnungszüge, die da kommen sollten. 2 g4!?! Der psychologische Keulenschlag! Die Laune sinkt, das Gesicht verfinstert sich merklich und für den Rest der Partie bleibt der Gesichtsausdruck dahingehend konstant, als ob ihm jemand permanent einen Sperrhaken ins Genick bzw. die Faust in den Nacken hält. Schlitzohrig merkte SF Ioan hierzu an: »Ich weiß zwar nicht was dabei herauskommt, aber allein der Gesichtsausdruck meines Gegners ist ein Bauernopfer wert.« 2...Sxg4 3 e4 d6 4 f3 Der Lindemann-Aufbau, den mein Vereinskollege und `Gambit-Mentor' Thomas Lindemann mir als Alternative zu den weniger guten 4 Df3 bzw. 4 Lc4 oder auch 4 Le2 nahegelegt hat. SF Ioan greift ebenfalls zu diesem Zug. 4...Sf6 5 Sc3 Etwas ungenau. 5 Le3 ist hier eine Nuance besser, da der Vorstoß 5... c5 dann gänzlich unterbunden wird. 5 Sc3 lässt dies zu. 5...Sbd7 6 Le3 e5 7 Dd2 c6 8 h4 Da5 9 0-0-0 b5 10 Kb1 Lb7 11 Lh3 Sb6 12 b3 Le7 13 Sce2 Lässt Damentausch und damit Spielverflachung zu, was eigentlich zu vermeiden ist. Allerdings ist hier kaum eine geeignete Alternative zu erkennen. [13 dxe5?! dxe5 14 LxSb6 DxLb6 15 Ld7+ Und der schwarze König wird in der Mitte festgehalten, wobei aber Weiß mit 2 Springern gegen das Läuferpaar anspielen muss] 13...DxDd2 14 TxDd2 0-0 15 Sg3 Tfd8 16 Tg2 Kf8 17 S1e2 Se8 18 Sf5 Lf6 19 Lg5 LxLg5 20 hxLg5 g6 21 Se3 f6 22 Lg4 fxg5 23 Txh7 Sg7 24 Le6 SxLe6 25 TxLb7 exd4 26 Th2 Sd7 [26...dxSe3?? 27 Th8+ matt] Nachdem alle schrägen Läuferfürsten das Brett verlassen haben bricht nun, in der entscheidenden Spielphase, das Zeitalter der Kavallerie an. 27 Sg4 Kg7 28 e5 Sec5 29 Tc7 dxe5 30 Sxe5 Während Weiß noch Zeit für kleine Gemeinheiten findet, hat Schwarz bereits mit Zeitmangel zu kämpfen. 30...Tac8 31 Txa7 Kf6 32 Sg4+ Ke6 33 Sd4+ Kd5 34 c3 Se5 35 Sf6+ Kd6 36 Td2 Scd3

Weiß am Zug
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Die Zeitnotphase auf beiden Seiten hat begonnen. Wer behält im Duell der Springtiere den besseren Überblick?? 37 Se4+ Kd5 38 Te7 c5 39 Sc2 Kc6 40 Te6+ Kb7?? 41 Sd6+ Endlich heißt es: ‘Klar zum EnternÕ und auch Schachgöttin Caissa wechselt zu den GWG-Bataillonen über. 41...Kb8 42 SxTc8 KxSc8 43 Se1 SxSe1 44 TxTd8+ KxTd8 45 TxSe5 Sxf3 46 Td5+?! Gefährdet nur die nunmehr eindeutig für Weiß gewonnene Stellung. Eindeutig konnte Weiß die Lage mit 46 Te6! für sich entscheiden. 46...Ke7 47 a4 bxa4 48 bxa4 g4 49 Kc2?? Ein gefährlicher Tempoverlust. 49 a5 war das Gebot der Stunde. Dieser Zug gefährdet nur den vollen Punktgewinn. 49...g3 50 a5 Se1+ 51 Kb1 Kf6 52 Td1

Schwarz am Zug
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Und im schwarzen Lager ging die weiße Fahne hoch. 1-0

Die Bilanz dieser Partie: Ein verärgerter gegnerischer Mannschafsführer, der der Meinung war, dass das GWG schon fast eine Missachtung des Gegners darstellt und es noch einmal gewagt werden soll diese Eröffnung gegen ihn zu spielen. Dass es sich bei dem GWG inzwischen um ein relativ gut ausgeforschtes und durchaus spielbares Gambit mit konkretem Plan und Ziel für das Bauernopfer handelt, war ihm einfach nicht geläufig. Er sah es erst einige Zeit später bei anderer Diskussionsgelegenheit auf einem anderen Turnier ansatzweise ein.

Die Schattenseiten sollen allerdings auch nicht verschwiegen werden. Gefährlich wird es für den GWG-Anwender, wenn der Gegner flexibel und erfinderisch ist, wie in folgender 14 Tage später gespielter

Beispielpartie 5: Bumerangeffekt beim Überraschen

Ioan,M. (1867) - Turner,T. (1941)
Verbandsliga Nord/Niedersachsen am 19.11 1995 in Lilienthal
SF Lilienthal 1 - Springer Rotenburg 1

1 d4 Sf6 2 g4 Auch hier ist es wieder der Gesichtsausdruck, der das Bauernopfer rechtfertigt. Diesmal guckt der Proband wie ein verdutzter Saurier, dem man eine exotische unbekannte Futterpflanze als Mahlzeit vorgesetzt hat. Aber wie auch in der vorangegangenen Partie bewahrheitet sich hier die lateinische Weisheit `Nomen est omen' und die Ratlosigkeit weicht einer gewissen List... 2...Sxg4 3 e4 h5 (!) Hier macht der »Turner« ganz unorthodoxe Turnübungen und schmeißt, wie auch im weiteren Verlauf der Partie, sämtliche hinderliche Eröffnungsdogmen über Bord. Tatsächlich stößt er mit diesem Zug in eine Theorielücke!! In [1] wurde der Zug vergessen und in [2] existiert nur eine einzige, wenig aussagekräftige, Beispielpartie. Somit saßen sich jetzt zwei verdutzte Gegner gegenüber! Klar das es hier bei anderer Gelegenheit Mecker wegen 3...h5 für die Autoren von [1] gab! 4 f3!? Hierzu entschloss sich SF Ioan aus folgenden Gründen: [4 Le2 d6 5 h3 Sf6 6 Sc3 und die Läuferstellung auf e2 ist zu passiv, was sich in Drüke--Simon, Ludwigshafen 1984 auch als Rohrkrepierer herausgestellt hat] [4 h3 Sf6 und durch 5 Sc3 muss das Zentrum gedeckt werden] [4 h3 Sf6 5 e5 Sd5 unklar ist die Alternative] Der Textzug dagegen stützt das Zentrum und leistet das Gleiche wie 4 h3. Im übrigen gehorcht er damit dem Rat seines großen Vorbildes »Papa Capablanca«, der folgendes besagt: Erst das Zentrum besetzen und sichern, dann angreifen!! Somit wohl nicht der schlechteste Zug. 4...Sh6 Wiederum sehr listig gespielt. Das Springtier bildet hier weniger eine Angriffsmarke, als auf f6. 5 Le3 d5 6 Sc3 dxe4 7 Sxe4 [nicht 7 fxe4 wegen 7...Sg4] 7... g6 8 Dd2 Lf5 9 Lc4

Schwarz am Zug
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9 Sc5!? wirkt hier aggressiver: [9... b6 10 Sa6 mit gutem Spiel für Weiß] [9...Dc8 und nun 10 Lc4 mit Raumgewinn] 9 ... Sd7 Jetzt ist es dafür zu spät. 10 0-0-0 Sb6 11 Lb3 e6 12 Kb1 [12 Lg5 Le7 13 LxSh6 LxSe4!, nicht (13 ... TxLh6?? 14 DxTh6 LxSe4 15 Dh8+! mit deutlichem Vorteil Weiß statt 15 fxLe4?? Lg5+!! und 0-1) 14 fxLe4 TxLh6 15 Kb1] 12 ... LxSe4 13 fxLe4 De7 14 Sf3 0-0-0 15 a3 Sg4 16 Lg1 Lh6

Weiß am Zug
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Hier hatte Schwarz wohl immer noch Angst vor der eigenen bisher gezeigten Courage. Er bietet Remis, welches angenommen wird, da der Zeitverbrauch auf beiden Seiten sehr hoch und auch Weiß noch gehörig verunsichert war. ½-½

Jürgen Tönjes

Quellen:

(Teil 3 folgt in LSB Bremen Rochade 12/2003)