In der Türkei heißt Schach »Satranc«

Um einmal andere Tapeten zu sehen, folgte ich der Einladung meines Schwagers Michael und meiner Schwester Barbara vom 14. bis 21. Juli in die Türkei. Michael wohnt dort seit 1999 und hat beim Bau eines Kohlekraftwerks in der Bucht von Iskenderun als Ingenieur mitgewirkt. Seit Anfang 2004 versorgt die 1,8 Milliarden Euro teure Anlage 8% der Türkei mit elektrischem Strom.

Der kleine Badeort Kizkalesi liegt ca. 130 km westsüdwestlich von Adana. Der Ort ist ein touristischer Glanzpunkt mit feinem Sandstrand und vielen Freizeitmöglichkeiten wie Wasserski, Windsurfing und Jet Ski (das habe ich auch ausprobiert). Von Freitag bis Sonntag kamen wir preisgünstig im Hotel Saadet unter, so dass es zum Meer nur etwa 100 Meter waren.

Vom Hotelier erfuhr ich, dass die Kinder in den türkischen Schulen seit Neuerem auch Schachunterricht erhalten und dass das Spiel dort immer beliebter wird. So berichtete unsere Gastgeberin auch vom Kinderschach am Ort. Ihre Nichte wurde hier nur von einem zehnjährigen Jungen, einem Teilnehmer der türkischen Jugendmeisterschaft, geschlagen. »Leider ist meine Nichte in den Ferien ... aber der Junge kommt bestimmt, wen ich ihn anrufe«, sagte sie.

Eine Stunde später saß ich dem Jungen gegenüber. Zwischen uns ein Normspiel des türkischen Schachverbandes. Begleitet wurde er von einem Cousin und einem Privatlehrer, der wohl auch die Rolle eines Leibwächters inne hatte: mein Gegner war der Sohn des Inhabers der benachbarten Rennomierunterkunft »Barbarossa« (mit 103 Zimmern und 12 Suiten). Meine Schwester nannte ihn »den Kronprinz«.

Der Junge spielte bessert als ich erwartet hatte, verlor aber dennoch – teilweise knapp – alle Partien an diesem und dem folgenden Tage. An eine Partie, die mir besonderen Spaß machte, kann ich mich noch erinnern. Er begann mit Weiß: 1. e4 e5 2. Af3 f6 3. Axe5 Vh7 4. Vh5+ g6 und ... 5. Axg6 Vxe4 6. Fe2 Vxg6 ... Na, alles verstanden?

Natürlich gibt es in der Türkei eine eigene Notationsform. Statt des Königs gibt es dort einen Shah, dessen Haupt in einem moslemischen Staat natürlich kein Kreuz hat. Er sieht ungefähr so aus wie die hölzernen deutschen Schachkönige vor dem letzten Weltkrieg. Die anderen Figuren sind so wie unsere oder unseren sehr ähnlich. Dame = V wie Vesir, Turm = K wie Kalè, Läufer = F wie Fil (steht für Elephant), Springer = At wie Pferd und den Bauern nennt man dort Piyon.

Am nächsten Tag war ich dann vollverpflegter Gast des Clubhotels Barbarossa. Der »Kronprinz« nahm das Heimrecht wahr, und sein Vater sorgte für mein leibliches Wohl. Vormittags baute ich einige aus unseren Lösungswettbewerben bekannte Problemstellungen auf, die von den beiden Cousins zur Hälfte gelöst wurden. Am Nachmittag spielten wir noch einige Partien. Dem Cousin gelang nach einer geroldschen Patzerserie noch ein glanzloses Remis.

Ein deutschsprachiger Mitarbeiter übersetzte für uns. Ohne anderweitige berufliche Bindung hätte ich gleich als privater Schachtrainer anfangen können. Für den Fall, dass wir mit jugendlichen Schachspielern in die Türkei reisen wollen, wurde uns private kostenlose Unterbringung in Aussicht gestellt. Na, denn ...

Gerold Menze