Sensationeller Kantersieg über Rekordmeister Porz
Werder auf Europa-Kurs

von C.D. Meyer, Bremen

Mit einem bravourösen 6:2-Sieg gegen den Deutschen Meister nimmt Werder Bremen nicht nur direkten Kurs auf den Europa-Cup, sondern hat auch die Entscheidung um die Meisterschaft zum richtig spannenden Dreikampf gemacht! Der anschließende Vergleich mit dem abstiegsbedrohten Gastgeber SV Hofheim gestaltete sich für die Bremer indes zu einer Zitterpartie, die mit 4,5:3,5 gerade noch einmal glimpflich abging.

[Photo] GM Luke McShane am Schachbrett

Ob »Lucky« Luke McShane Werder wieder nach Europa bringt?

Jetzt steht Werder vor der letzten Doppelrunde punktgleich mit OSC Baden Baden und der SG Porz an der Tabellenspitze der Bundesliga und hat im Vergleich zu seinen Konkurrenten, die noch gegeneinander antreten müssen, das »leichtere« Restprogramm. Sollte Werders fulminanter Lauf halten, wäre zumindest ein Stichkampf um die Meisterschaft garantiert, denn bei Gleichheit an der Spitze zählen nur die Mannschafts-, nicht die Brettpunkte. Die Fahrkarte zum Europa-Cup ist in greifbarer Nähe, ein Sieg in der letzten Doppelrunde würde jedenfalls schon sicher reichen.

Gegen Meister Porz hatten die Bremer in zehn Jahren Bundesliga immer den kürzeren gezogen (0:20), doch diese rabenschwarze Serie sollte in Hofheim ihr Ende finden – und wie! Tatsächlich ging nicht eine Partie der Bremer verloren, wenngleich »lucky« Luke McShane (gegen Christopher Lutz) eigentlich schon auf dem letzten Loch pfiff, als der Porzer in Zeitnot ihm mit einem groben Bock (53…Lc1??) den Punkt gewissermaßen auf dem Tablett servierte. Auch Tomi Nyback stand gegen »big Al« Beliavsky mit dem Rücken an der Wand, doch bei schon knapper Bedenkzeit drehten zwei gründlich missratene Springerzüge des alten Routiniers (37…Sac5?, 38…Se5?) das Geschehen auf den Kopf. Zahar Efimenko musste sich gegen Ivan Sokolovs aggressiven »offenen Spanier« mächtig strecken und mit einer schönen Kombination das Remis forcieren (30.Tgd3!). Andererseits ist den überraschend überlegenen Partieführungen von Zbynek Hracek (gegen Loek Van Wely) und von Gennadij Fish, der den übermütigen Alexander Graf bezwang (17.Df3?), Respekt zu zollen. Das für Werder grandiose Gesamtergebnis von 6:2 fiel freilich zu hoch aus. Hier alle Einzelresultate:

Runde 12
SG Porz 2:6 Werder Bremen
Lutz 0:1 McShane
Van Wely 0:1 Hracek
Sokolov remis Efimenko
Vaganian remis Babula
Beliavsky 0:1 Nyback
Graf 0:1 Fish
Gurevich remis Schandorff
Hansen remis Knaak


Den Triumph haben die Werderaner keineswegs zu lange gefeiert, gleichwohl schlug am darauf folgenden Sonntag morgen um 9.00 Uhr der Bundesliga-Alltag gnadenlos zu (»von Wolke sieben in den Vorhof der Hölle«, so der Vorsitzende der Schachabteilung Dr. Till Schelz-Brandenburg). Gegen den Abstiegskandidaten SV Hofheim begann es damit, dass sich Almira Skripchenko bei einem leichtsinnigen Damenausflug an einem hochgradig vergifteten Bauern verschluckte (12.Db3?/14.Dxb7??) und danach von ihrem 200 Elopunkte leichteren Widersacher regelrecht vorgeführt wurde. Auch Rainer Knaak war von allen guten Geistern verlassen, als er in klar schlechterer Lage das Remisangebot seines Gegners ausschlug und bald sang- und klanglos baden ging. Nach den zwischenzeitlichen Remisen von Babula, Schandorff und dem ukrainischen Jungstar Efimenko, der gegen seinen allzu friedfertigen Landsmann Sergei Krivoshey aus klar schlechterer Position mit einem tiefblauen Auge davonkam, lagen die Bremer gar 1,5:3,5 hinten, und eine Blamage schien unvermeidlich …

Erst durch McShane keimte wieder leichte Hoffnung auf: In dem »Grünfeld-Inder« (gegen Savchenko) verschaffte ihm ein Figurenopfer eine gefährliche Initiative, die nach einem gegnerischen Fehler (24.Tg1?) zu andauerndem Druck und schließlich zur Zeitüberschreitung des Ukrainers im 38. Zug führte. Doch ein Blick auf das Brett des finnischen Haudegens Nyback ließen einem die Haare zu Berge stehen: Der Hofheimer IM Bernd Rechel hatte die sehr frei interpretierte »Moderne Verteidigung« seines Gegenübers derart verrissen, dass dessen Aufgabe eigentlich nur noch als Formsache schien. Aber, weit gefehlt! Rechel ließ etliche gute Gelegenheiten aus, verlor allmählich den Überblick, und als der Gewinn kein »Selbstgänger« mehr war plötzlich gar Kopf und Kragen. Dieser Horrortrip bildete den Höhepunkt in Werders Zitterpartie, und beim Matchstand von 3,5:3,5 konnte Zbynek Hracek mit seinem schwer erkämpften Arbeitssieg über Gennadi Ginsburg den alles entscheidenden Treffer landen.

Runde 13
Werder Bremen 4,5:3,5 SV Hofheim
McShane 1:0 Savchenko
Hracek 1:0 Ginsburg
Efimenko remis Krivoshey
Babula remis Zude, A.
Nyback 1:0 Rechel
Schandorff remis Zude, E.
Knaak 0:1 Burkart
Skripchenko 0:1 Haubt
Tabelle (nach 13 Runden):
Pl. Mannschaft MP BP
1. OSC Baden Baden 24 72,5
2. SG Porz 24 70,5
3. Werder Bremen 24 65,5
4. TV Tegernsee 21 64,5
5. SV Mülheim Nord 15 55
6. SF Katernberg 15 54,5
7. Hamburger SK 14 55,5
8. SC Kreuzberg 13 59
9. SC Eppingen 12 47,5
10. SV Wattenscheid 11 50
11. SFR Neukölln 10 46
12. SGA Solingen 9 48,5
13. SV Hofheim 8 41,5
14. Erfurter SK 6 43,5
15. Preetzer TSV 1 29,5
16. Stuttgarter Sfr 1 28,5