Showdown um den Schachtitel vertagt

Stichkampf zwischen Porz und Werder

Dramatischer konnte das Bundesliga-Finale kaum sein: Trotz harten Widerstands und kritischen Verlaufs blieb Werder Bremen, das Überraschungsteam dieser Saison, mit zwei denkbar knappen, wiederum auch glücklichen 4,5:3,5-Erfolgen über Wattenscheid und Solingen standhaft. Da im direkten Duell der Liga-Giganten Rekordmeister Köln-Porz Baden-Baden ebenfalls mit 4,5:3,5 bezwang und Werder wie Porz nun mit 28:2 Punkten gleichauf an der Spitze stehen, wird die endgültige Entscheidung um den Deutschen Meistertitel erst in einem Stichkampf fallen.

Gegen Wattenscheid begann es damit, dass Werders sonst so zuverlässiger Vlastimil Babula trotz Remisstellung in Zeitnot geriet und ein elementares Grundreihen-Matt übersah. Den Ausgleich besorgte Lars Schandorff mit einer souveränen Bekämpfung der Slawischen Verteidigung, und in Führung kam Werder durch Yannick Pelletier, der in einem scharfen Paulsen-Sizilianer, den unrochierten König seines Gegners beharkte.

Als Zünglein an der Waage erwies sich die merkwürdige Partie zwischen Werders finnischem Haudegen Tomi Nyback und Dr. Frank Holzke. Nyback trieb es wieder bis zum Äußersten: Nach einem verwegenen Figurenopfer mit ungewisser Kompensation, dann hin und her wechselndem Schlachtenglück mit diversen groben Böcken, insbesondere vor der Zeitkontrolle, landete er schließlich in einem klar verlorenen Endspiel mit drei Bauern gegen einen Springer, das Holzke aber glücklicherweise zum Remis verpatzte. Da alle anderen Begegnungen remis endeten, blieb Werder wieder einmal mit der berüchtigten Nasenlänge vorn:

Runde 14
Wattenscheid 3,5:4,5 Werder Bremen
Nielsen remis McShane
Johannessen remis Hracek
Handke 0:1 Pelletier
Appel 1:0 Babula
Holzke remis Nyback
Dinstuhl remis Fish
Lemmers 0:1 Schandorff
Straeter remis Meins


Gastgeber Solingen hatte am Vortag bereits den Klassenerhalt geschafft und konnte gegen Werder befreit aufspielen. Das Match blieb auch lange Zeit ausgeglichen, bis es Zbynek Hracek gelang, den jungen holländischen Meister Daniel Stellwagen überzeugend niederzuringen.

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Die Horrorpartie zwischen Nikolic–McShane am Spitzenbrett brachte die Entscheidung.

Nun lief beim Stande von 4:3 für Werder nur noch die spannende Partie am Spitzenbrett zwischen Predrag Nikolic und Luke McShane. In einer dynamischen Variante der Königsindischen Verteidigung servierte der Engländer eine hochinteressante Neuerung im Mittelspiel (15… Ta6!?) und brachte seinen erfahrenen bosnischen Widersacher damit in Verlegenheit. Doch im weiteren Mittelspiel und beiderseitiger Zeitnot überstürzten sich die Ereignisse. Zunächst verdarb McShane seinen Vorteil und geriet durch einen groben Schnitzer (29… Dh5??; besser 29… Txe7! 30.fxg6+ Kxg6!) gar auf die Verliererstrasse. Allerdings zeigte auch Nikolic Nerven, ließ gleich mehrere entscheidende Fortsetzungen aus, so dass es zu einem chaotischen Zeitnot-Drama kam, in der McShane, was manuell kaum noch möglich schien, in den verbliebenen 15 Sekunden bis zur Zeitkontrolle die letzten 7 Züge schaffte. Zwar erreichte Nikolic schließlich ein Turmendspiel mit einem Mehrbauern, das McShane aber sicher verteidigte und im 72. Zug erleichtert das Remisangebot annahm.

Runde 15
Werder Bremen 4,5:3,5 Solingen
McShane remis Nikolic
Hracek 1:0 Stellwagen
Pelletier remis Gabriel
Babula remis Naumann
Nyback remis Smeets
Fish remis Werle
Schandorff remis Ernst
Meins remis Zysk


Damit sind für Werder die Teilnahme am diesjährigen Europacup in Italien sowie – mindestens – die Vizemeisterschaft schon sicher!

Ein Erfolgsgarant für die Grün-Weißen war u. a. die bärenstarke Mittelachse Vlastimil Babula/Tomi Nyback/Gennadij Fish, wobei gerade die Neuzugänge Fish (11 Punkte aus 14 Partien) und Nyback (9 aus 12), die zu den Top Scorern der Liga zählen, mächtig einschlugen.

Wenn man aber bedenkt, dass viele Matches außerordentlich eng waren und sechs davon 4,5:3.5 endeten, ist es klar, dass Werder nun wahrlich kein »intergalaktisches Spitzenschach« zeigte, sondern diesmal besonders von Caissas Gunst profitierte.

1. Bundesliga (Endstand nach der 15. Runde)
Pl. Verein MP BP
1. SG Porz 28 81
2. Werder Bremen 28 74,5
3. OSC Baden Baden 26 83
4. TV Tegernsee 25 75,5
5. SC Kreuzberg 17 70
6. SF Katernberg 17 63
7. SV Mülheim Nord 17 62
8. Hamburger SK 16 64,5
9. SV Wattenscheid 13 58
10. SFR Neukölln 12 52
11. SC Eppingen 12 52
12. SGA Solingen 11 56,5
13. SV Hofheim 10 48
14. Erfurter SK 6 50,5
15. Preetzer TSV 1 34,5
16. Stuttgarter Sfr 1 34

(MP = Mannschaftspunkte, BP = Brettpunkte, die ersten beiden Mannschaften tragen einen Stichkampf aus, die vier letztgenannten steigen ab)

Zur Krönung der Saison 2004/05, der schon jetzt mit Abstand erfolgreichsten in der Geschichte der Werder-Schachabteilung, wird der Stichkampf um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft in Bremen ausgetragen. Näheres dazu siehe nachstehend.

Superfinale um die Deutsche Meisterschaft

Werder Bremen – SG Köln-Porz

Dazu findet ein Doppel-Simultan von zwei bekannten Meistern statt, ein kleiner Studien-Lösungswettbewerb sowie die Live-Kommentierung von ausgewählten Partien. Außerdem ist im Eintrittspreis ein Besuch des WUSEUMS enthalten.

Mit 100% durch die 2. Liga

Werder II beendete seinen Siegesmarsch durch die 2. Liga-Nord durch ein knappes, aber hoch verdientes 4,5:3,5 über den SK König Tegel und weist das sagenhafte Resultat von 18:0 Punkten auf! Am Spitzenbrett glänzte Neuzugang IM Hedinn Steingrimsson (ISL), zur Zeit Doktorand an der Bremer Uni, ungeschlagen mit dem Prachtscore von 8 Punkten aus 9 Partien.

Tabelle (nach 9 Runden)
Pl. Mannschaft MP BP
1. Werder Bremen II 18 48,5
2. SK Zehlendorf 12 38
3. Hamburger SK II 11 40,5
4. SK König Tegel 10 40
5. SC Rotation Pankow 9 35,5
6. Lübecker SV 7 36
7. SC Kreuzberg II 7 34
8. SF Neukölln II 6 27,5
9. Königsspringer Hamburg 5 30,5
10. HSK Post Hannover 5 29,5


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100% Werder! Das Meister-Team (hinten v.l.n.r.) J. Asendorf, M. Forchert, F. Naumann, H. Steingrimsson, S. Joachim, W. Bode, H. Wild, (vorne v.l.n.r.) C.D. Meyer, P. Lichmann, O. Müller, J. Heissler. Es fehlen G. Meins u. M. Westphal.

C. D. Meyer

2005-04-18