Finale in Grün-Weiß:
Werder Bremen Deutscher Mannschaftsmeister 2005

Das Überraschungsteam dieser Bundesliga-Saison ist noch einmal über sich hinausgewachsen: In einem spannenden Stichkampf siegte Werder Bremen knapp, aber verdient mit 4,5:3,5 über den Titelverteidiger SG Porz und erringt zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Schach.

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Das Meisterteam 2005

Nach sechs Stunden Spielzeit war es endgültig entschieden, und lauter Jubel brach in der Businessloge des heimischen Weserstadions (Ostkurve) los. Vor gut dreihundert, größtenteils begeisterten Zuschauern war die Krönung einer fabelhaften Saison perfekt, denn Werder ist es zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit gelungen, gegen alle Prognosen den zehnfachen Meister und Favoriten zu bezwingen. Die Bremer traten in Bestbesetzung von Brett eins bis acht an, während die Kölner – sicherlich schweren Herzens – einmal mehr auf ihren Spitzenmann und Weltstar Michael Adams verzichten mussten, aber nominell dennoch ca. 60 Elopunkte pro Brett stärker waren. Überdies war der Porzer »Ersatz« GM Erik Van den Doel mit 7,5 aus 8 der prozentuale Topscorer der Bundesliga.

Der erste Friedenschluß ereignete sich an Brett 2, wo Werders dienstältester Profi Zbynek Hracek, bereits seit 1991 für Bremen im Einsatz, gegen Loek Van Wely einen ruhigen »Lb5-Sizilianer« zelebrierte und in festgefahrener Position gar nichts mehr anbrennen ließ. Ernste Sorgen bereitete dem Werder-Anhang dagegen Yannick Pelletier: Der Schweizer musste sich gegen Ivan Sokolov’s schwungvollen Minoritätsangriff (Damengambit-Abtauschvariante) verteidigen, griff dabei fehl und ging in rasender Zeitnot unter. Werders Däne Lars Schandorff hatte mit Weiß inzwischen wenig Mühe, am 8. Brett die Gewinnversuche des ehrgeizigen Van den Doel abzuwehren und ließ den »Dameninder« ins Remis versanden. Gegen Ende der vierten Spielstunden, also zur ersten Zeitkontrolle, gewann Tomi Nyback, Werders »finnischer Eisschrank«, sein Klassisches Damengambit gegen Alexander Graf, der in klar schlechterer Lage im 38. Zug die Zeit überschritt. Nachdem Gennadij Fish (mit Schwarz) die Englische Eröffnung von Mikhail Gurevich geschickt entkräftet und die Stellung ausgeglichen hatte, wurde auch hier bald die Friedenspfeife gereicht, so dass das Match zu diesem Zeitpunkt 2,5:2,5 stand. Indes war die Berliner Wertung schlechter für Bremen, nämlich 8:11.

Allerdings witterten die Bremer Morgenluft, denn ihr jüngster Brettkünstler, der 19jährige Ukrainer Zahar (auf deutsch Zucker) Efimenko hatte den Altmeister Rafael Waganjan (ARM) am Wickel: Die Französische Verteidigung des Armeniers wackelte höchst bedenklich. Er ließ seinen König unrochiert und hoffte, den feindlichen Ansturm überleben zu können. Doch Efimenko brach die Brettmitte auf und kam in Vorteil. Bei den folgenden Turbulenzen, die besonders von Waganjans knapper Bedenkzeit geprägt waren, brauchte Efimenko tatsächlich aber noch das »Glück des Tüchtigen«, um über abenteuerliche Umwege ein technisch gewonnenes Turmendspiel zu erreichen. Nun nach knapp fünf Stunden führte Werder 3,5:2,5 und stand kurz vor der Sensation.

Erst schaffte es Vlastimil Babula, sein kritisches Turmendspiel gegen Alexander »big Al« Beljawski durch pfiffige Pattverteidigung remis zu halten, dann machte Luke James McShane den Sack sofort zu und bot aus einer überlegenen Position heraus seinem Kontrahenten Christopher Lutz die Punkteteilung an, was dieser schlecht ablehnen konnte, so dass damit der sensationelle Werder-Sieg vollkommen war. »Deutscher Meister wird nur der SV W…«

Claus Dieter Meyer

Wie gewöhnlich: Werder Sensationssieger

Es waren rund 35% der Tipper, die bei der Chessgate-Umfrage nach dem Sieger des Stichkampfs zwischen Werder Bremen und Porz auf Grün-Weiß gesetzt hatten. Und GM Dautov billigte uns sogar nur maximal 20% Gewinnaussichten zu. Also beste Voraussetzungen für das, was wir in dieser Saison am besten konnten: eine Sensation zu schaffen. Dass die mit 4,5:3,5 ausfiel, kam da schon weniger überraschend, zum siebenten Mal in dieser Saison erzielte Werder dieses Ergebnis.

Als Vlastimil Babula im 57. Zug seinen Turm nach g3 dirigierte und damit seinen Gegner vor die unerfreuliche Alternative stellte, ihn entweder Patt zu setzen oder seinen Mehrbauern im Turmendspiel herzugeben (Beliawsky entschied sich für letzteres), war die Meisterschaft 2005 entschieden, denn Big Al war die letzte Hoffnung des zehnfachen Meisters aus Porz und nun musste er sich wenige Züge später ins unvermeidliche Remis fügen. Zwar lief auch noch die Partie am Spitzenbrett zwischen Christopher Lutz und Luke McShane, doch hier konnte nur noch unser angehender Philosoph mit seinem unangefochtenen Mehrbauern gewinnen. Abgepolstert zudem von einem Zeitvorteil saß Luke in buddhistischer Gelassenheit am Brett und bot nach der Vereinbarung über die Punkteteilung selber sofort Remis an, was der deutsche Nationalspieler nur unter Beschädigung seines ausgezeichneten Rufs hätte ablehnen können – Werder Bremen war Deutscher Meister 2005!

Als wir am Vorabend der »Mutter aller Endspiele« (so der »Weser-Kurier«, die bei weitem auflagenstärkste Zeitung in Bremen) die Businessloge im Weser-Stadion schachlich herrichteten, wurde uns doch etwas mulmig zu Mute. Immerhin rund 175 Meter Länge sehen mit acht Tischen und einigen Dutzend Stühlen im Kommentarbereich selbst dann noch verdammt leer und geräumig aus, wenn diese mit Tresen und Nischen einigermaßen gegliedert und mit 20 Almira-Plakaten angehübscht sind.

Doch jede Befürchtung vor einem Geisterspiel verflog schon vor dem Anpfiff: Mehr als 100 Zuschauer verfolgten bereits die Begrüßungsansprache von Werder-Präsident Klaus-Dieter Fischer, der zunächst den Porzer Mäzen (und engen Freund seines verstorbenen Vorgängers Franz Böhmert) mit einem Werder-Gemälde als Anerkennung seiner Verdienste überraschte und dann die Schüler auszeichnete, die letzte Woche die deutsche Grundschulmeisterschaft errangen und allesamt der Werder-Jugendabteilung angehören. Fischer wies in seiner Rede auf den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus hin, dessen Rassenwahn und völkermordender Antisemitismus bekanntlich auch vor dem Schach nicht haltgemacht haben, erwähnte aber auch, dass dieses Datum in der jüngeren Sportgeschichte durchaus auch Erfreuliches für den Verein zu bieten hatte: Am 8. Mai 1965 wurden die Fußballer erstmals deutscher Meister, am 8. Mai 2004 triumphierte Werder im schon legendären Spiel in München mit 3:1 über Bayern und errang den Titel.

Und dann – ging es immer noch nicht los, denn nun kam erst der von den meisten Zuschauern ungeduldig erwartete Auftritt vom Bremer Ehrenspielführer, zigfachen Nationalspieler, Rekordtorschützen und Schachfan Marco Bode, der mit dem Autor dieser Zeilen die einzelnen Spieler vorstellte. Danach Übernahme des Kommandos durch Jürgen Kohlstädt, der es sich nicht hatte nehmen lassen, aus dem schwäbischen Pfullingen vom DSB-Kongress die Nacht durch gen Norden zu fahren, um das Finale zu leiten.

Dass die Porzer ohne Superstar Adams antreten würden, hatten wir schon zwei Tage zuvor durchgefunkt bekommen, und dass Boß Hilgert mit Curt Hansen, seinem Mann am Brett 8 beim 2:6 gegen uns, nicht zufrieden war, hatte er selber dem Redakteur dieser Seite im Interview (Anm. d. Red.: schachbundesliga.de) erzählt, so dass auch der Auftritt von Prozentkönig Erik van den Doel für uns keine große Überraschung war.

Während sich die einzelnen Partien langsam entwickelten – selbst unser eiskalter Hitzkopf Tomi Nybäck spielte ein nach seinen Angaben ziemlich normales Damengambit –, gab es eine spontane Änderung im Rahmenprogramm: Nicht zufrieden mit Autogrammen forderten die Grundschulmeister Marco Bode zum Simultan auf, was dieser ohne zu zögern akzeptierte. Statt IM Gerlef Meins und FM Joachim Asendorf gegen 20 im Doppelsimultan gab der Fußballstar eine kleine Vorstellung gegen fünf ganz konzentrierte Schachkids – und konnte zeitweilig in der Zuschauerresonanz mit den Großmeistern konkurrieren. Eine Stunde später als geplant zogen dann der Bremer Meister und der Kapitän der ebenfalls meisterlichen Zweiten von Werder ihre Runden.

Der Spielverlauf ist bekannt, die schachliche Analyse wird nicht lange auf sich warten lassen – aber warum lief es für Werder Bremen konstant so gut? Die beiden Zauberworte lauten: Teamgeist und Kampfkraft. Das Komplizierte daran ist nur, dass man bis heute nicht genau weiß, wie diese offensichtlich nützlichen Dinge herzustellen sind – und anders als Miraculix haben wir auch kein Geheimrezept. Aber Leute, die Lust haben aufs Schachspielen und sich freuen, mit anderen, die ebenso fühlen, zusammenzukommen, um Punkte für ihren Verein zu machen, sind da durchaus hilfreich ...

300 Zuschauer haben den Kampf vor Ort verfolgt, die Zugriffe aufs Netz brachten immerhin einen Server von Axel Fritz ins Schwitzen, unser Lösungswettbewerb hatte enorme Resonanz – ich denke, nicht nur Werder, sondern das Schach insgesamt hat gestern gewonnen.

Till Schelz-Brandenburg

2005-05-11