Hamburg ist neun Reisen wert

Über Bremen wie über Hamburg hing der gleiche trübe Himmel, aus dem der gleiche Dauerregen fiel. Der entscheidende Vorteil, den Hamburg an diesem 1. Oktober zu bieten hatte, hörte auf den Namen Hamburger Schachfestival, dies die Wiederbelebung des Hamburger Open, das letztmalig 1999 stattgefunden hatte und in diesem Jahr in größerem Stile aufgezogen wurde, wie der Name Schachfestival schon andeutet.

Geboten wurden zwei Open, das Klaus-Junge-Turnier mit fast 300 Teilnehmern und über 20 GMs an der Spitze des Feldes und das Walter-Robinow-Turnier mit ca. 125 Teilnehmern sowie Blitzturnier, Familienturnier und ein Simultan, in dem Alexei Shirow gegen 30 bis zu 2300 DWZ starke SpielerInnen antrat. Ein durchaus üppiges Programm, aus dem ich mir das Walter-Robinow-Turnier herauspickte, weil es mit seiner Begrenzung bis 1800 DWZ wie für mich (DWZ 1766) gemacht war: Einmal nicht von vornherein im Niemandsland der Tabelle herumkrebsen sondern die reelle Chance, um die vorderen Plätze mitzuspielen.

[Photo In der Hamburger Sporthalle wird sonst Bundesliga-Handball gespielt.]In der Hamburger Sporthalle wird sonst Bundesliga-Handball gespielt.

Also hopp in den IC und trotz der üblichen Verspätung noch rechtzeitig zur Anmeldung angelangt. Andere kamen später, vergaßen sich einzuschreiben und verantworteten damit einen Gutteil der Verspätung, mit der das Turnier startete, weil die Auslosung der ersten Runde wiederholt werden mußte – der Schachspieler als alltagsuntaugliches Wesen, Folge 7528. Dies blieb fast die einzige nennenswerte Panne während der gesamten neun Tage (Nur die kaum verständliche Lautsprecheranlage kann man noch hierzu zählen), ansonsten glänzten die Veranstalter durch eine hervorragende Organisation geprägt von Professionalität und Engagement.

[Photo Die Stärkung verhalf Joachim Asendorf zu einem guten Resultat]Die Stärkung verhalf Joachim Asendorf zu einem guten Resultat

Dieses Engagement ging weit über die Bereitstellung der nackten Notwendigkeiten hinaus. Täglich erschien ein Bulletin mit Ergebnissen, Fotos und Berichten. IM van Delft analysierte live am Demobrett interessante Partien, wobei auch die Spitzenspieler vorbeischauten und ihre Partien kommentierten.

Christian Zickelbein, der Vorsitzende des HSK höchstselbst, analysierte mit Teilnehmern des B-Open ihre Partien. Die große HSK-Familie mit ihren vielen Helfern versprühte Charme und Herzlichkeit und trug so zu der insgesamt trotz der Größe der Veranstaltung fast familiären und sehr freundlichen Atmosphäre bei. Wer wollte, konnte gleich Familienmitglied auf Zeit werden, und viele TeilnehmerInnen von weither nahmen das Angebot der privaten Unterbringung bei Schachfreunden dankbar an.

Ich hatte mich entschieden zu pendeln, und so nutzte ich die Wartezeit vor Turnierbeginn, um mit motorisierten Bremern Kontakt aufzunehmen, weil täglich mit dem Zug einerseits ins Geld geht und andererseits die Verspätungsanfälligkeit der Bahn bei einem ab Runde zwei pünktlichen Beginn fatale Folgen hätte haben können. Außerdem bringt eine Fahrgemeinschaft mit zwei FIDE-Meistern, Joachim Asendorf von Werder und Fred Hedke von Varrel, manch schachlichen Gewinn mit sich, auch wenn ich einigen heruntergeratterten Varianten nicht folgen konnte. Außer uns dreien waren aus Bremen nur noch Raimund Klein von Werder und Bernhard Juergens von Leherheide dabei, eine erstaunlich geringe Präsenz wie ich finde, angesichts der wenigen hochkarätigen Schachveranstaltungen in Norddeutschland.

Die anderen spielten alle im A-Open, mit sehr unterschiedlichem Erfolg:
Während Raimund eine sehr respektable ELO-Halbzahl erspielt haben dürfte und Joachim zeitweise gar von einer IM-Norm träumte (Er verlor nur gegen zwei GMs, wobei er nach seiner Aussage gerade aus diesen Partien viel lernte), spielte Bernhard wohl leicht unter seinen Erwartungen und Fred geriet das Turnier nach ganz gutem Beginn ziemlich daneben. Für mich endete das Turnier nach bis zur siebten Runde hervorragendem Verlauf durch zwei abschließende Niederlagen ernüchternd.

Trotz dieses für mich enttäuschenden Abschlusses kann ich sagen, dass mir die Teilname viel Freude bereitet hat, und ich kann das Hamburger Schachfestival allen SchachfreundInnen nur wärmstens empfehlen; hoffen wir, dass die Hamburger auch für das nächste Jahr genügend Unterstützung finden, denn, wie gesagt: Dem norddeutschen Schachkalender steht jede hochkarätige Veranstaltung gut zu Gesicht.

Herwarth Ernst