22. Internationales Travemünder Schach-Open

Nachdem wir in den letzten beiden Jahren Erfurt unsicher gemacht hatten und uns zuletzt als fast schon zu stark für dieses Turnier erwiesen hatten, sollte es dieses Jahr nach Weihnachten zum Travemünder Open gehen. Die Vorteile lagen auf der Hand: Stärker besetztes Turnier, eine mögliche Schnee-Fahrt durch den Harz wird eingespart und in Maltes Lübecker WG bot sich eine äußerst günstige Wohnmöglichkeit. Im Gegensatz zu den Vorjahren verkleinerte sich allerdings deutlich die Truppe – mit Daniel, Stefan und Friedel blieb gleich die Hälfte der Stars zu Hause.

Bei der Anreise am 2. Weihnachtstag zeigte sich, dass wir uns nicht zu viel von Maltes Wohnung versprochen hatten: Die in der wunderschönen Lübecker Altstadt gelegene 5(!)-Zimmer-Wohnung bot uns genügend Platz zum Schlafen, für die abendlichen Analysen und natürlich Blitzpartien; und in der WG-Küche durfte jeder mal zum Nudeln kochen ran – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg… Mit der Vermeidung einer Schneefahrt wurde es hingegen nichts: Schon auf der Hinfahrt zwang uns dichtes Schneetreiben auf der A1 zu langsamer Fahrt, an den Folgetagen mussten wir jeden Morgen die für norddeutsche Verhältnisse ungewöhnlichen Schneemassen vom Auto schieben, um uns dann vorsichtig zum Spielort vorzutasten – übrigens jeden Tag auf einem anderen Weg, aber was will man auch machen, wenn in Lübeck die Beschilderung so seltsam ist, dass wenige Kilometer vor der Stadt praktisch alles ausgeschildert ist, nur nicht Lübeck?

Am 27. ging es dann mit dem Turnier los, wir waren recht ordentlich gesetzt (15, 23 und 40), ein bisschen schade allerdings, dass es kein A- und B-Turnier gab, denn so erhielt beispielsweise Malte keinen einzigen nominell stärkeren Gegner, was nicht nur darauf zurückzuführen war, dass er am ersten Tag als einziger von uns etwas abgab: In der zweiten Runde sah es mit einer gesunden Mehrqualle eigentlich schon nach einem Sieg aus, doch von den vielen zum Sieg führenden Wegen wählte Malte leider den beschwerlichsten und musste sich mit 1,5/2 begnügen. David und Markus starteten hingegen mit sicheren 2/2. Aus dem LSB trafen wir übrigens noch weitere Spieler: Raimund Klein, der sich letztlich noch einen Ratingpreis abholen konnte, Lothar Wemßen und Gerald Jung von Werder, Olaf Pienski aus Leherheide, Michael Sobotzki von der BSG und unsere Damen-Gastspielerin Germaine Kickert.

Auch am zweiten Tag punkteten wir wieder überzeugend mit 5,5/6: Markus hatte zwar etwas Glück, stand aber dennoch mit 4/4 mit weißer Weste da, Malte sicherte sich diesmal zwei Siege und David hatte es nach seinem erneut leichten Drittrundensieg als erster von uns mit einem nominell stärkeren Gegner zu tun: Mit Roman Korba aus Jever gab es allerdings nach 17 Zügen ein friedliches Remis. Eine kleine Ernüchterung gab es hingegen mit der Auslosung für die fünfte Runde: Am nächsten Tag sollten Malte und David gegeneinander spielen, was natürlich zur Folge hatte, dass die Vorbereitung an diesem Abend nicht ganz so gemeinschaftlich stattfand wie sonst…


Und die Vorbereitung spielte dann tatsächlich eine gewichtige Rolle in der spannenden Partie: David brachte ein noch am Abend dem Buch entnommenes Damenopfer und kam auch im Mittelspiel besser mit der scharfen Stellung zurecht, so dass ein Figurengewinn die logische Folge war. Doch Malte, der zuvor ein interessantes Damenrückopfer verworfen hatte, hielt dagegen und gab sich auch im Endspiel mit Dame gegen Turm, Läufer und zwei Bauern noch nicht geschlagen. Diese Hartnäckigkeit sollte letztlich von Erfolg geprägt sein, denn trotz eines Zeitvorteils schaffte es David nicht, seinen Vorteil zu verwerten – am Ende also Remis. Doch wollen wir nicht Markus vergessen, der am zweiten Brett gegen GM Voloshin Weiß hatte und das zu einer druckvollen Stellung ausnutzte. In einem ebenfalls sehr komplizierten Mittelspiel machte der GM allerdings alle Siegchancen zunichte, doch konnte Markus es sich leisten, das erste Remisgebot abzulehnen und erst wenige Züge später doch in eine Punkteteilung einzuwilligen! Diese starke Leistung brachte ihm dann in der nächsten Runde gleich den nächsten Großmeister ein, diesmal Mladen Muse von König Tegel. Hier sah es zunächst nach einem einfachen Bauerneinsteller von Markus aus, doch mit kompromisslosem Angriffsspiel gelang ihm fast noch die Wende. Kurz vor dem Ende hätte er mit zwei starken Zügen sogar leichten Vorteil für sich reklamieren können, doch ein Läufereinsteller kostete den verdienten Lohn. Dadurch konnte Malte zu Markus aufschließen, obgleich er „nur“ ein Remis gegen WFM Heike Vogel erreichte – nach dem abwechslungsreichen Partieverlauf aber nicht unbedingt ein verlorener halber Punkt. Ebenfalls eine weibliche Titelträgerin kriegte David vorgesetzt, vor allem im äußerst taktischen Mittelspiel gegen WGM Marta Zielinska musste er sich unter Beobachtung vieler Kiebitze der schwarzen Opfer erwehren – was auch gut gelang. Als dann endlich wieder alles unter Kontrolle schien, brachte ein Läufereinsteller (schon wieder…) die vermeintliche Vorentscheidung – und David so aus dem Konzept, dass ein einfaches Dauerschach wenig später übersehen wurde.

Also wollten wir eigentlich mit 4,5/6 (Markus und Malte) bzw. 4/6 (David) in den letzten Tag gehen und hier noch einmal gegen nominell Schwächere punkten – was Markus bei den Jugendlichen auch noch Platz zwei hinter dem enorm stark auftrumpfenden Schweden Mladen Gajic eingebracht hätte. Doch wenn einer eine falsche Information (woher auch immer) hat und die anderen beiden sie nicht überprüfen, kommt man auch schon mal zur letzten Runde zu spät – kampflose Niederlagen für Markus und David, nur noch ein kleiner Jugendpreis für Ersteren waren die Folge. Maltes Gegner Derek Gaede erwies sich glücklicherweise als fairer Sportsmann, der einwilligte, mit einer Stunde Zeitvorteil noch zu spielen – Malte gewann und sicherte sich als 11. noch einen kleinen Anteil am Preisgeldkuchen. Turniersieger wurde mit 6,5/7 der sympathische 21-Jährige GM Leonid Kritz, gegen den wir im abschließenden Blitzturnier mit einem Remis von Malte noch ein Ausrufezeichen setzen konnten, vor GM Robert Rabiega, der seiner Favoritenstellung im Blitz übrigens nicht ganz gerecht wurde und zudem gegen uns alle am Rand einer Niederlage stand. Markus und Malte sicherten sich übrigens mit starken Leistungen hier noch die Plätze 4 und 5 hinter den drei GM Muse, Rabiega und Kritz.

Insgesamt ist das Travemünder Open mit seiner starken Besetzung und den guten Räumlichkeiten durchaus eine Reise wert, auch wenn vielleicht noch einige Verbesserungen wünschenswert wären: Eine Aufteilung in A- und B-Open könnte ermöglichen, dass wir den GMs noch häufiger nicht nur zusehen, sondern sie auch ärgern können, auf die Auslosung galt es manches Mal etwas länger zu warten und dass man sich sein Partieformular vor der Runde selbst holen musste, war zumindest etwas befremdlich. Eine zweistündige Pause zwischen den Doppelrunden wäre unseretwegen auch nicht nötig gewesen, schließlich spielen nicht alle immer fünf Stunden und eine Stunde länger schlafen wäre ja auch ganz nett…

David Höffer