Vertane Großchance: Dramatisches 4:4 gegen Baden Baden

Die 10./11. Doppelrunde der Schach-Bundesliga in Hamburg bot mit dem Spitzenkampf des Titelverteidigers Werder Bremen gegen den Topfavoriten Baden Baden beste Unterhaltung und Nervenkitzel. Als nach fast sechs Stunden, wenige Augenblicke vor dem Blättchenfall der Schachuhr, Yannick Pelletier gegen Michal Krasenkow den Ausgleich zum 4:4 erzielte, war der Bremer Jubel groß. Tatsächlich gelang es Werder, einen zwischenzeitlichen Rückstand von 1,5:3,5 durch kompromisslosen Einsatz und Nervenstärke aufzuholen. Die Match-Analyse offenbarte jedoch auf beiden Seiten vertane Chancen und sah Werder zwischenzeitlich sogar auf der Siegerstraße. Mit dem Remis behaupten die Bremer jedenfalls den zweiten Tabellenplatz, nur einen Punkt hinter den führenden Badensern, und halten die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft weiter spannend.

[Photo Pelletier (rechts) im Kampf gegen Michal Krasenkow]Pelletier (rechts) im Kampf gegen Michal Krasenkow

Obwohl Badens „Denksport-Oktett de luxe“ einen „Grand ohne zweien“ spielte – es fehlten die beiden „2700er Elo-Riesen“ Peter Svidler und Etienne Bacrot – trat es immerhin noch mit einer zahlenmäßigen Überlegenheit von durchschnittlich 60 Elo-Punkten pro Brett an. Allerdings mussten die Bremer große Nehmerqualitäten beweisen. Zuerst verdarb Gennadij Fish bereits im 11. Zug seine Position irreparabel und konnte gegen „Punktemonster“ Philipp Schlosser nur noch hinhaltenden Widerstand leisten. Dann produzierte Zahar Efimenko ein „klassisches Eigentor“, als er im 40. Zug (gegen Alexei Shirov) in komplizierter, etwa ausgeglichener Lage seelenruhig seine Restsekunden ablaufen ließ, weil er seinen 38. Zug – anstatt zu stricheln – in voller Notation über zwei Zeilen geschmiert hatte und nach seinem 39. Zug die Zeitkontrolle schon geschafft zu haben glaubte. Also Zeitüberschreitung, und Werder lag minus 2 hinten.

Auch Zbynek Hracek war untröstlich, da er sein Endspiel mit gesundem Mehrbauer (gegen Dänemarks Nr. 1 Peter-Heine Nielsen) zum Remis verbaselt hatte. Eine neuere Analyse von Robert Hübner zeigt jedoch, daß selbst der Einschub von 36…h5 (statt 36…e5?) nicht zum Sieg gereicht hätte und Hraceks eigentlicher Fehler schon vorher geschehen war (34…Sb5 statt 34…Sxc4?). Sein tschechischer Kollege Vlastimil Babula indes konnte nach zäher sizilianischer Verteidigung (gegen Sergei Movsesian) mit der Punkteteilung durchaus zufrieden sein.

Durch ein Wechselbad gingen am Spitzenbrett der Weltranglistenzweite Viswanathan Anand (Indien) und Luke James McShane. Der Oxford-Student wehrte sich in einer Spanischen Partie hinter der „Berliner Mauer“, geriet jedoch bald unter Druck und nach der durch 30.Ld6! glänzend eingeleiteten Abwicklung in ein schlechteres Endspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern. Anand gebot über ein Freibauern-Duo am Königsflügel, und sein Sieg schien nur eine Frage der Technik zu sein, doch nach ein paar ungenauen Zügen des Inders kippte das Geschehen um. Plötzlich stand „lucky“ Luke gar klar auf Gewinn, aber just „auf dem letzten Meter“ zeigte er Nerven und patzte (67…Lc2 statt 67…b3??), so daß Anand prompt ins Remis entschlüpfen konnte.

1,5:3,5 lag Werder hinten, als Lars Schandorff (gegen Buhmann) zwar unter großen Mühen, aber erwartungsgemäß den Anschlußtreffer besorgte. Tomi Nyback verteidigte sich gegen Rustem Dautov schon über Stunden mit dem Rücken an der Wand, doch Werders „Mann ohne Nerven“ behauptete sich in einem finalen Blitzduell und rettete glücklich den halben Punkt. Allerdings mit 62…d4! statt 62…Se4? hätte Dautov klar gewonnen.

Dramatischer Schlussakt war die Partie zwischen Yannick Pelletier und Michal Krasenkow. Der Pole stand bereits seit dem frühen Mittelspiel auf der Verliererseite, die technische Vorteilsverwertung bei Pelletier ließ jedoch lange auf sich warten, erst im späten Endspiel im 83. Zug, wenige Augenblicke vor dem Ablauf der Bedenkzeit, gelang dem Schweizer die Entscheidung durch Matt.

10. Rd. Werder Bremen – Baden Baden 4:4
1 McShane - Anand remis, 2 Efimenko – Shirov 0:1, 3 Hracek – Nielsen remis, 4 Pelletier – Krasenkow 1:0, 5 Babula – Movsesian remis, 6 Nyback – Dautov remis, 7 Fish – Schlosser 0:1, 8 Schandorff – Buhmann 1:0

Beim sonntäglichen Vergleich mit dem Abstiegskandidaten SG Kirchheim absolvierte Werder seine Pflichtaufgabe problemlos und fuhr einen standesgemäßen 6:2-Sieg ein. ‚Spieler des Wochenendes’ war Yannick Pelletier, der gegen Kirchheim noch mit einer knalligen Kurzpartie brillierte.

11. Rd. Kirchheim – Werder Bremen 2:6
1 Wippermann – McShane 0:1, 2 Gschnitzer – Efimenko remis, 3 Beckhuis – Hracek 0:1, 4 Wintzer – Pelletier 0:1, 5 Vonthron – Babula 0:1, 6 Zuse – Nyback 1:0, 7 Adler – Fish 0:1, 8 Mudelsee – Schandorff remis

Claus Dieter Meyer