Werders Bundesligareserve erneut ohne Niederlage

Versuch einer gesamtbremischen Saisonbilanz, Teil 1: Die überbremischen Ligen

Wie schon im Vorjahr wird die Rochade Bremen an dieser Stelle auf die frisch abgelaufene Mannschaftssaison zurückblicken. Wie schon im Vorjahr wird dieser Rückblick in zwei Teilen verfasst werden, von denen sich der erste mit dem Spielbetrieb auf Ebene des DSB sowie der Spielgemeinschaft Bremen/Niedersachsen auseinandersetzt. Und schließlich wie schon im Vorjahr bittet die Redaktion schon im Vorfeld um Entschuldigung, falls die eine oder andere sehr gute Leistung nicht ganz gebührend gewürdigt wird.

1. Bundesliga

Die Mission Titelverteidigung erschien für den letztjährigen Überraschungsmeister Werder Bremen I schon vor der Saison nahezu unmöglich, hatte doch der »Seit-Jahren-Favorit« OSC Baden-Baden noch einmal ins Portemonnaiegegriffen und u. a. durch die Verpflichtung des Franzosen Etienne Bacrot den Eloschnittder ersten Acht, nach wie vor angeführt von Indiens Superstar Vishy Anand, knapp über 2700 gehoben. Auf Platz zwei der Erwartungsliste folgte mit etwa 2650 die SG Porz, Werders Stichkampfgegner aus der Vorsaison; erst dahinter rangierte der Titelverteidiger mit immerhin erstmals knapp über 2600.

Von den drei Anwärtern gerieten ausgerechnet die in der Vorsaison als außerordentlich nervenstark berüchtigt gewordenen Werderaner als Erste ins Straucheln: Vor heimischem Publikum leisteten die Grün-Weiß-Orangenen sich eine Niederlage gegen den SC Kreuzberg aus Berlin, die sie letztendlichüber die Saison hinweg nicht wettmachen konnten – wenngleich bereits einen Tag später wieder Hoffnung aufkeimte: Nicht nur, dass Werder wieder mit der bisher doch teilweise vermissten Leidenschaft agierte und gegen die Schachfreunde Berlin 1903 (vormals Neukölln) verdient gewann, nein, Baden-Baden schaffte zudem ohne Anand und Svidler gegen den TV Tegernsee nur ein 4:4; und die Porzer waren gar gegen die SG Solingen unterlegen.

Als vorentscheidend erwies sich schließlich das direkte Aufeinandertreffen des Titelverteidigers und des stärksten Herausforderers im Januar in Hamburg, das an Dramatik alles halten sollte, was man sich im Vorfeld versprochen hatte. Die Details des Kampfs wurden erst in der vergangenen Ausgabe geschildert und sollen hier nicht wiederholt werden; nur so viel sei gesagt: Die eher zynisch veranlagten mitgereisten Werderaner (wie z. B. der Autor) sprachen bereits von einer »klassischen 4:4-Niederlage«. Diese Voraussage sollte sich bewahrheiten: Während die Süddeutschen sich in den verbleibenden fünf Runden keine Blöße mehr gaben, spielte Werder auch gegen Porz Unentschieden, so dass zwar der zweite Platz gesichert werden konnte, der Titel jedoch erstmalig in die Kurstadt ging.

Rückhalt des Teams von der Weser war einmal mehr die gefürchtete Mittelachsebestehend aus dem Schweizer Yannick Pelletier (8/11 – als einziger unter den ersten zehn ohne Niederlage), dem Tschechen Vlastimil Babula (11,5/15) sowie der finnischen Nr. 1, »Eisschrank« Tomi Nyback(7/10).

2. Bundesliga Nord

Wie schon aus der Überschrift ersichtlich, verlief die Saison für Werder Bremen II erneut außerordentlich erfolgreich. Nach der makellosen Bilanz von neun Siegen in neun Spielen in der vorherigen Spielzeit war die Truppe um Mannschaftsführer Joachim Asendorf erneut unschlagbar, wenngleich zwei Unentschieden gegen den mannschaftspunktgleichen Ligagewinner König Tegel sowie den Aufsteiger SK Norderstedt zu Buche stehen. Am Saisonende gab gerade mal ein Brettpunkt den Ausschlag zugunsten der mit zwei Großmeistern besetzten Berliner. Maßgeblichen Anteil an dieser weiteren »Riesensaison« hatten Nachwuchsstar Peter Lichmann (5,5/8) und vor allem der rumänische Neuzugang IM Bogdan-Gabriel Vioreanu (7,5/9).

Wesentlich unglücklicher verlief die Saison für den zweiten Bremer Vertreterin der Liga, die gerade erst aufgestiegene Bremer SG: Gleich in der ersten Runde kassierte man eine empfindliche 6:2-Niederlage gegen die zweite Vertretung des Hamburger SK und fand sich somit gleich zu Beginn mit der »Roten Laterne« wieder, die über die gesamte Spielzeit nicht abgegeben werden konnte.

Ein ganz wesentlicher Grund für dieses Abschneiden ist sicherlich der mangelnde Einsatz der ersten Bretter: Zwar war GM Pavel Blatny achtmal am Brett (Bilanz: ein (kampfloser) Sieg, fünf Remisen, zwei Niederlagen), aber die an 2-4 gemeldeten IMs Ewgeni Gisbrecht, Otto Borik und Martin Breutigam brachten es auf insgesamt lediglich elf Einsätze. Für die verbleibenden Spieler erwies sich die Liga – zumindest in Bezugauf die jeweilige (reale) Brettnummer– als zu stark. Erfolgreichste Spieler mit mehr als fünf Einsätzen waren FM Florian Mossakowski (3/6) und FM Karl Juhnke(3,5/7).

Oberliga Nord West

Nach dem letztjährigen Aufstieg der Bremer SG agierten in der dritthöchsten Liga nur noch zwei Teams aus dem LSB: die stärksten »Bremer Niedersachsen« vom Jubiläumsverein Delmenhorster SK und die erste Mannschaft des SK Bremen-Nord.

Die Delmenhorster gewannen nach einem durchwachsenen Start (ein Unentschieden, eine Niederlage) dreimal hintereinander mit jeweils 4,5:3,5 (u. a. gegen die Mannen aus Bremen-Nord). Das gleiche Ergebnis, nur »verkehrtherum« gab es in der Begegnung gegen den späteren Gesamtsieger, die gerade erst fulminant aufgestiegene erste Mannschaft des Post SV Uelzen. Zwei weitere Siege und eine Niederlage ergaben schlussendlich einen guten dritten Platz. Hätte das gesamte Team so agiert wie Markus Lammers oder Frithjof Fehsenfeld (je 6/9) oder gar Bernd Korsus (6/7 + 1 Kampfloser), wäre noch mehr drin gewesen.

Den gleichen Rang hatten die Nordbremer am Ende der Vorsaison innegehabt. Dieses Mal lief die Spielzeit jedoch über einen langen Zeitraum an der Mannschaft vorbei: Erst am sechsten Spieltag gelang der erste Sieg – bis dato belief sich die Bilanz auf lediglich drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Zwar konnte man aus den folgenden zwei Begegnungen insgesamt drei Punkte erspielen, aber die Heimniederlage gegen den Ligasieger aus Uelzen am letzten Spieltag fiel mit 1,5:6,5 zu deutlich aus. 8:10 Mannschaftspunkte und 33,5 Brettpunkte (gerade mal einer weniger als Union Oldenburg auf Rang 8) reichten nur zum vorletzten Platz und aufgrund des Abstiegs der Bremer SG nicht zum Klassenerhalt. Kurios: Bis Platz 6 hinauf haben alle Teams acht Mannschaftspunkte auf dem Konto, nur fünf weniger als der Gewinner aus Uelzen (um Platz 1 entschied tatsächlich sogar nur ein halber Brettpunkt!). Sollte die Mannschaft jedoch in der kommenden Saison in dieser Besetzung agieren, dürfte der sofortige Wiederaufstieg ein realistisches Ziel darstellen. Bei mindestens fünf Einsätzen am besten agierten Peter Issing (4/7) und Andrew Kawalec (4,5/9).

Landesliga Nord

Unspektakulär – so lässt sich die Landesligasaison aus Bremer Sicht in einem Wort zusammenfassen: Die beiden nach dem Abstieg der zweiten Delmenhorster Mannschaft in der Vorsaisonverbliebenen Teams TuS Syke I und Bremer SG II konnten sich früh aus der Abstiegszone befreien, punktetenaber gleichzeitig zu schlecht, um sich ernsthafte Hoffnungen auf den Aufstieg machen zu können. Beide haben sich jedoch gegenüber der Abschlusstabelle aus der Vorsaison gesteigert: Punktgleich mit jeweils 10:8 beendeten sie die Saison auf Platz 4 (BSG II) und 5 (Syke I). Für die BSG punkteten besonders herausragend der gerade erst von den Findorffer SF gewechselte Arend Viet am Spitzenbrett (5/7), Frank Peters (6/9), Rolf Hundack (5/6), Klaus Rust-Lux (5,5/8) und Andreas Calic (3,5/5). Die Syker verdanken ihr Abschneiden ganz wesentlich FM Peter Jürgens(5,5/8 + 1 Kampfloser) sowie Dirk Fuhrmann (6,5/9).

Verbandsliga Nord

Kaum jemand wollte sich vor der Saison in der Verbandsliga zu einer ernsthaften Prognose durchringen. Kein Wunder, gab es doch nominell weder Favoriten »nach oben« noch »nach unten". Vereinzelt wurde aufgrund des Weggangs von SF Viet das Team Findorffer SFI als am gefährdetsten genannt. Zwar belegte diese Mannschaft nach zwei Auftaktniederlagen tatsächlich nur Platz 10, holte dann jedoch fünf Punkte in Folge. Zwei Unentschieden in den verbleibenden vier Runden, von denen das zweite in den Einzelergebnissen (acht Remisen) doch sehr auffällt, genügten für Platz 6. Bester Punktesammler war einmal mehr Viktor Gesswein (5/6).

Als Absteiger aus der Landesliga meldete die Mannschaft Delmenhorster SK II zu Beginn mit drei Punkten aus zwei Spielen ernsthafte Ambitionen auf den sofortigen Wiederaufstieg an. Den ersten Dämpfer kassierte man jedoch gleich im dritten Spiel: Daheim reichte es gegen den späteren Ligagewinner aus Stade nur zu einem 1,5:6,5. Dem Sieg am vierten Spieltag gegen den Stadtligaaufsteiger Bremer SG III folgten vier Niederlagen hintereinander. Das 4:4 am letzten Spieltag gegen Winsen bedeutete einen halben Brettpunkt Vorsprung gegenüber Platz 10 und gleichzeitig dank eines fehlenden Landesligaabsteigers den Klassenerhalt. Die höchste Punktausbeute in einer insgesamt wohl eher als verkorkst zu bezeichnenden Saison konnte Tobias Sturm (4/6) für sich verbuchen.

Die Bremer SG III tat sich als Aufsteiger schwerer, als man nach der Papierformerwarten konnte: Nach sieben Runden lag das Team mit drei Punkten auf dem letzten Platz, schlug jedoch dann sensationell den Stader SV. Dieser Sieg reichte in Verbindung mit dem bereits bei den Findorffer SF erwähnten kuriosen Unentschieden in der letzten Runde in der Endabrechnung zu Platz 8. Die reichste Punktausbeute für die BSG machten Boris Milstein (4/6) und Alexander Poddubko (3,5/5). Ebenso wie bei der BSG spukte das Abstiegsgespenst lange beim ersten Team der SF Leherheide: Nach sechs Spieltagen lag man mit lediglich vier Punkten auf der Habenseite nur auf Rang 9. Zwei Siege an den Spieltagen 7 und 8 sicherten jedoch den Klassenerhalt für die Mannschaft mit dem geringsten Ersatzspielerbedarf der gesamten Liga: Gerade in einem einzigen Kampf griff man auf einen Vereinskameraden mit einer größeren Brettnummer als 8 zurück, zog allerdings in der letzten Runde zwei kampflose Niederlagen dem Nachrücken vor. Als Punktesammler zeichnete sich besonders Thomas Rathjen (6,5/9) aus.

Die ruhigste Saison hatte die Mannschaft TuS Varrel I: Nur nach einer denkbar knappen 3,5:4,5-Auftaktniederlage fand sich die Mannschaft einen Spieltag lang in der unteren Tabellenhälfte wieder; hernach wechselte die Position nur noch zwischen 3 und 4. Die meisten Punkte machte Matthias Rutz (5,5/8). Konstanz vermissen ließ dagegen das in der Vorsaison noch knapp dem Abstieg entronnene Team SV Werder Bremen III: Zwei Heimsiegengegen den »Angstgegner« (seit dem Wiederaufstieg hatten in drei Begegnungen drei Niederlagen zu Buche gestanden) aus Leherheide und die Aufsteiger von der BSG standen nach vier Spieltagen zwei Niederlagen gegenüber. Vier Siege in den verbleibenden fünf Runden gepaart mit einer sehr knappen Niederlage gegen TuS Varrel I nähren jedoch die Hoffnung, dass dem bestplatzierten Bremer Team in der kommenden Saison der schon lange ersehnte Aufstieg endlich gelingen könnte – insbesondere, da aus der Landesliga keine Mannschaft absteigt. Erfolgreichste Punktesammler in Reihender Werderaner waren der erst nach Meldeschluss hinzugestoßene Duong Lai Hop (6/7) und wieder einmal Spitzenbrett Detlef Schötzig (5,5/7).

In der nächsten Ausgabe:

Raimund Klein