Schach-Bundesliga: Glücklicher Saisonauftakt

So wie die letzte Spielzeit endete, begann die neue, nämlich mit einem Doppelschlag des Deutschen Vizemeisters Werder Bremen gegen das süddeutsche Duo Eppingen und Tegernsee. Während Eppingen ziemlich unspektakulär mit 1,5:6,5 überfahren wurde, lieferten die Tegernseer verbissenen Widerstand, der erst nach Ablauf von nahezu sechs Stunden in einem dramatischen Schlußgefecht gebrochen werden konnte. Mit einem glücklichen 4,5:3,5-Sieg behielt Werder eine weiße Weste und hat sich ebenso wie die anderen Favoriten Baden-Baden, Porz, Bindlach und Remagen an die Tabellenspitze gesetzt.

Die Freude der Eppinger darüber, dass ihr Riesentalent Arik Braun soeben im fernen Batumi den U18-Weltmeistertitel errungen hat, währte nur kurz, denn die Kraichgauer sollten den jungen Mann schmerzlich an den heimischen Brettern vermissen. Gegen die hoch favorisierten Bremer gab es einmal mehr keinen Blumentopf zu gewinnen. Schlimmer noch: Werder überbot gar seinen Kantersieg vom April (6:2) und ließ Eppingen mit 6,5:1,5 im Regen stehen. Angesichts vergebener Chancen auf beiden Seiten gab es an dem krassen Resultat kaum etwas zu rütteln. Beispielsweise verdarb Luke McShane kurz vor der ersten Zeitkontrolle im Mittelspiel seine positionelle Gewinnstellung , andererseits ließ Lothar Vogt gegen Gennadij Fish seine großen Vorteile im Mittel- und Endspiel ungenutzt.

SC Eppingen - Werder Bremen 1,5 : 6,5
1 Gyimesi- McShane remis, 2 Acs - Areshchenko 0:1, 3 Medvegy - Hracek remis,4 Rau – Babula remis, 5 Miltner – Nybäck 0:1, 6 Vogt - Fish remis, 7 Dekan – Schandorff 0:1, 8 Meinhardt – Knaak 0:1.

Was aber war mit den revanchelustigen Oberbayern vom Tegernsee? Mit Neugier erwartet wurde deren neues Spitzenbrett GM Bu Xiangzhi (Elo 2664), der erstmalige Auftritt eines Chinesen in der Schach-Bundesliga überhaupt. Zwar sahen die Bremer nicht ungern, dass dieses Debüt noch ausblieb, ansonsten aber lief Tegernsee von Brett 2 bis 9 in Bestbesetzung auf, und Hochspannung war in dem Spitzenduell angesagt.

Zunächst jedoch rauchten Bundestrainer Uwe Bönsch und Lars Schandorff nach nur 17 Zügen eines ereignislosen Katalanischen Damengambits bereits die Friedenspfeife. Rasant ging es indes in der Begegnung Alexander Areshchenko – Igor Khenkin zu, dabei fiel der übereilt agierende Deutsch-Russe Khenkin mit seiner Verteidigung gegen die Caro/Kann-Vorstoßvariante ganz schnell auf die Nase – 1:0 nach 23 Zügen. Auch Tegernsees Altmeister Zoltan Ribli kam gegen Vlastimil Babula mit einer verdächtigen Version der alten Wiener Variante des Angenommenen Damengambits – nach exakt 23 Zügen endeten die Theoriekenntnisse des Ungarn – gerade noch mit einem blauen Auge davon. Aber Zbynek Hracek, der gegen Andrei Sokolov immer etwas schlechter stand, konnte mit seinem Remis sehr zufrieden sein.

Den ersten Dämpfer musste Werder einstecken, als Luke McShanes Partie gegen Evgeny Alekseev in beiderseitiger Zeitnot, statt forcierter Remisabwicklungen durch zwei grobe Fehler den Bach hinunterging. Der 22jährige engagierte Oxford-Student musste seiner mangelnden Spielpraxis einmal mehr Tribut zollen.

Beim Matchstand von 2,5:2,5, nach knapp fünf Stunden, gelang es Gennadij Fish, gegen seinen IM-Kollegen Stefan Bromberger trotz ungleichfarbiger Läufer seinen Mehrbauern im Endspiel entscheidend in Szene zu setzen.

Nun galt es, den Vorsprung zu halten, aber das sollte nur mit Unterstützung der Schachgöttin Caissa möglich sein! Zum ersten ließ Werders Oldie Rainer Knaak an Kampfkraft nichts zu wünschen übrig: Wie zäh er sich gegen den Ex-Werderaner Stefan Kindermann in einem schlechteren Springerendspiel behauptete und den Remishafen erreichte, war aller Ehren wert. Zum zweiten blieb es Werders finnischem Eisberg Tomi Nybäck vorbehalten, ein kritisches Endspiel mit einer Minusqualität (Läufer gegen Turm) gegen Eduardas Rosentalis zu retten und nach einem Versehen seines litauischen Widersachers durch einen kleinen taktischen Schlag den fehlenden halben Punkt zum Gesamtsieg beizusteuern. Nach fast sechs Stunden, wenige Sekunden vor dem finalen Blättchenfall, hieß es 4,5:3,5 - offenbar bleibt Werder für Tegernsee ein Angstgegner.

Werder Bremen - TV Tegernsee 4,5 : 3,5
1 McShane – Alekseev 0:1, 2 Areshchenko – Khenkin 1:0, 3 Hracek – Sokolov remis, 4 Babula – Ribli remis, 5 Nybäck – Rozentalis remis, 6 Fish – Bromberger 1:0, 7 Schandorff – Bönsch remis, 8 Knaak – Kindermann remis

Claus Dieter Meyer

2006-11-14