Bundesliga: Rabenschwarzes Wochenende für Werder

Eine Serie von faustdicken Überraschungen bot die Schach-Bundesliga vom 17. bis 19. November in der 3./4. und der vorgezogenen 7. Runde. Es begann mit zwei Paukenschlägen am vorgezogenen 7. Spieltag, als der deutsche Rekordmeister Köln-Porz dem Aufsteiger SC Remagen 3:5 unterlag und Vizemeister Werder Bremen beim Hamburger SK gar mit 2:6 kenterte. In der 3. Runde stand die Liga munter weiter Kopf: Porz schlägt den Titelverteidiger Baden-Baden, Eppingen schlägt Solingen und Wattenscheid Tegernsee. Schließlich, im vierten Umgang, gab auch der bärenstarke Aufsteiger Bindlach-Aktionär beide Punkte ab (gegen Kreuzberg), und Porz-Bezwinger Remagen wurde von Baden-Baden mit 2:6 überrollt.

Zwar blieb nach all dem Hauen und Stechen kein Favoritenteam mit weißer Weste, aber Werder musste reichlich Federn lassen. Die (Spar-) Maßnahme, an diesem Tripel-Wochenende in Hamburg auf die beiden ukrainischen Spitzenspieler Efimenko und Areshchenko zu verzichten, erwies sich als Bumerang.

Schlimmer noch: Am Freitag im Nordderby gegen den in Bestbesetzung angetretenen HSK riskierte Werder sogar einen Grand ohne Drei, da auch Oxford-Student Luke McShane vorne fehlte, und überdies ziemlich indisponierte Bremer mussten eine bittere Klatsche hinnehmen:

Hamburger SK - Werder Bremen 6:2
1 Wojtaszek - Hracek 1:0, 2 Gustafsson – Pelletier remis, 3 Ftacnik – Babula remis, 4 Kempinski – Nybäck 1:0, 5 Hansen SB – Fish remis, 6 Müller - Schandorff remis, 7 Reeh – Knaak 1:0, 8 Heinemann – Skripchenko 1:0.

In den Kämpfen gegen die Ruhrpott-Teams Mülheim und Katernberg lief trotz des Einsatzes von McShane wieder einiges schief. Erstens verlor der Finne Tomi Nybäck, sonst ein Leistungsträger, erneut, weil er – allerdings in klar schlechterer Lage – sich nicht rechtzeitig entscheiden und seinen 40. Zug nicht vor dem Blättchenfall vollenden konnte. Zweitens stolperte der chronische Zeitnotkandidat McShane in der Schlüsselpartie des Matches (gegen Konstantin Landa): In einem verwickelten Königsinder hatte der Brite offenbar größere Probleme mit der neuen, elektronischen Schachuhr und büßte – am Ende in ausgeglichener Position – durch einen Bedienungsmangel die entscheidenden Sekunden ein. Auf der anderen Seite konnten Vlastimil Babula und die im sechsten Monat schwangere Almira Skripchenko durch ihre herausgearbeiteten Gewinnpunkte das Malheur ausbügeln.

Werder Bremen - SV Mülheim Nord 4:4
1 McShane – Landa 0:1, 2 Hracek – Fridman remis, 3 Pelletier – Levin remis, 4 Babula – Saltaev 1:0, 5 Nybäck – Hausrath 0:1, 6 Fish – Schebler remis, 7 Schandorff – Kern remis, 8 Skripchenko – Wegener 1:0.

Mit vollen Händen verschenkte Werder im Sonntagsmatch gegen Katernberg diverse halbe Brettpunkte und musste sich erneut mit einem Mannschaftspunkt zufrieden geben. Obwohl alle Spieler hochmotiviert wirkten und zunächst diverse Remisangebote der Gegner ablehnten, war es wieder der mangelhafte Umgang mit der Bedenkzeit, der die Ernte verhagelte. Zbynek Hracek verlor durch Zeitüberschreitung in klarer Remisposition, weil er aufgrund seiner – in der Hektik unleserlichen – Partienotation fälschlicherweise glaubte, den Kontrollzug bereits ausgeführt zu haben. Oder Yannick Pelletier: Bei seiner Restbedenkzeit von etwa zwei Minuten vor Ablauf der Gesamtspielzeit von sechs Stunden (der holländische Gegner L’Ami hatte noch etwa eine halbe Stunde) bot L’Ami in einem verlorenen Endspiel dreist remis an, was Pelletier frustriert annahm, um anschließend in der post-mortem-Analyse seinen übersehenen Gewinnzug bis zur Mattpointe vom Gegner demonstriert zu bekommen.

Und wieder McShane: Vier Züge vor der ersten Zeitkontrolle entging ihm eine kunstvolle Gewinnführung, opferte er einen Springer auf dem falschen Feld, so dass sein Angriff nur zum ewigen Schach taugte. Auch Vlastimil Babula, der gewöhnlich seine Chancen kaltblütig nutzt, stolperte auf der Zielgeraden: Bei knapper Bedenkzeit ließ er den gegnerischen König noch aus dem Mattnetz schlüpfen , indem er mit seinem in ein Dauerschach geriet. Zumindest konnte Hraceks merkwürdige Verlustpartie durch einen vollauf verdienten Sieg von Gennadij Fish kompensiert werden.

SF Katernberg – Werder Bremen 4:4
1 Volokitin – McShane remis, 2 Erenburg – Hracek 1:0, 3 L’Ami – Pelletier remis, 4 Chuchelov – Babula remis, 5 Glek – Nybäck remis, 6 Firman – Fish 0:1 , 7 Siebrecht – Schandorff remis, 8 Souleidis – Skripchenko remis.

Werders nun schon länger andauernde Glücksträhne ist offenbar abgerissen. Angesichts der vier verlorenen Mannschaftspunkte nach nur einem Drittel der Saison und des ausstehenden Restprogramms – die dicken Brocken kommen noch – wird es jedenfalls sehr schwer werden, »wenigstens« die Europacup-Qualifikation zu schaffen.

Claus Dieter Meyer

2006-12-19