In Baden baden gegangen

Eine verkorkste Saison in der 1. Schach-Bundesliga mit dem enttäuschenden 11. Platz ist für Werder Bremen endlich vorüber. Nach Jahren des Erfolges bekamen die Bremer einmal wieder die Bitternis der unteren Tabellenhälfte zu schmecken. Und nur einen Punkt brauchte Meister OSC Baden-Baden in der 14. und vorletzten Runde gegen Werder, um vor heimischem Publikum vorzeitig den zweiten Titelgewinn zu besiegeln. Mit einem Weltklasse-Team ging der Titelverteidiger an die Bretter, die Ausnahmekönner Anand, Svidler, Shirov, Carlsen etc. sollten es richten.

Zunächst hielten die Bremer aber gut dagegen. In der Partie Nybäck-Movsesian an Brett 7 gab es eine trockene Behandlung der „Slawischen Chamäleon-Variante“ (4…a6) nebst einem raschen Remis nach 18 Zügen zu sehen. Mit zunehmender Spieldauer jedoch machte sich der Klassenunterschied bemerkbar.

Als Erster mußte ausgerechnet Werders Punktejäger Alexander Areschchenko gegen den „Hexer von Riga“, Alexei Shirov, die Segel streichen. In ausgeglichener Lage unterlief ihm mit 26.Te1?? (besser 26. Lc4) ein grobes Übersehen, so dass Shirov durch die Drohung eines tückischen Abzugsangriffs mit Matt bzw. Damengewinn (…Dg5) sofort in entscheidenden Vorteil kam. Auch Vlastimil Babula fand seinen Meister: In einem „klassischen Königsinder“ (6.Le2/7…Sa6) gegen Peter-Heine Nielsen brachte Babula als Schwarzer getreu seiner Hausanalyse ein interessantes Springeropfer (für drei Bauern). Doch zu seiner Verblüffung schien Nielsen all die Feinheiten bereits zu kennen und brachte die Vorteile der weißen Seite mehr und mehr zur Geltung. Am Ende siegte der dänische Vorkämpfer mit einem gekonnten Durchbruch am Königsflügel.

Als nun McShane am Spitzenbrett gegen Viswanathan Anand in einem „geschlossenen Sizilianer“ (mit weißem Lc4 und Bd2-d3) die schwerblütige Position gänzlich unnötig mit einem zweiten Bauernopfer (33.e6??) überzog und auf die Verliererstraße geriet, war das Match eigentlich für den OSC Baden-Baden schon so gut wie gelaufen.

Gleichwohl verliefen die übrigen Begegnungen noch ausgesprochen spannend. Zahar Efimenko gelang es, in einem Turmendspiel mit Minusbauer Peter Svidler den halben Punkt abzuknöpfen. Aber Zbynek Hracek, der von dem 16jährigen Super-Großmeister Magnus Carlsen regelrecht geknetet wurde, konnte sein Turmendspiel (ebenfalls mit Minusbauer) nicht halten: Der junge Norweger bewies feine Technik gepaart mit enormer taktischer Schlagfertigkeit und gewann auf beeindruckende Weise.

Die einzigen Bremer Lichtblicke gab es an den Brettern von Pelletier und Knaak. Während Yannick Pelletier nach zähem Widerstand gegen den zuletzt etwas leichtsinnigen Francisco Vallejo Pons seine unverhoffte Chance im Bauernendspiel (47.f6! statt 47.fxg6?) leider ungenutzt ließ – er konnte in ein Damenendspiel mit Mehrbauer abwickeln -, ruhten dann die Bremer Hoffnungen auf einen Ehrenpunkt auf den Schultern von Rainer Knaak. Geschickt hatte sich der Altmeister gegen Michal Krasenkows „Anti-Meraner“ (7.g4) verteidigt, einen gesunden Mehrbauern ergattert, doch im Bestreben nach Klarheit bei knapper werdender Bedenkzeit vergab er leider diverse Male den sicheren Vorteil (27…Sd3+?/27…Dxf6!; 32…Ta8?/32…Le6!; 39…Kf6?/39…Ld5!). Im Endspiel verließ ihn der Mut, statt 43…Td3!? zu probieren, zog er 43…b5? und musste nach anschließendem Turmtausch ins Remis einwilligen.

Alles in allem ein souveräner 6:2-Sieg des alten und neuen Deutschen Meisters - Glückwunsch nach Baden-Baden.

Die Einzelergebnisse der entscheidenden Begegnung:

OSC Baden-Baden – Werder Bremen 6:2
1 Anand – McShane 1:0, 2 Svidler – Efimenko remis, 3 Shirov – Areshchenko 1:0, 4 Carlsen – Hracek 1:0, 5 Vallejo Pons – Pelletier remis, 6 Nielsen – Babula 1:0, 7 Movsesian – Nybäck remis, 8 Krasenkow – Knaak remis

Der 15. Spieltag brachte den sportlich wenig interessanten Vergleich mit dem bereits feststehenden Absteiger-Team SC Bann, das zudem – durch einen plötzlichen Krankheitsfall gehandicapt – nur mit 7 Leuten antrat. Trotzdem hatte Werder kein leichtes Spiel.

Für Gesprächsstoff sorgte vor allem die Partie an Brett 1 zwischen dem 19jährigen tschechischen GM Viktor Laznicka und McShane (Schwarz), wo der Engländer in einem originellen „Königsinder“ durch ein Springeropfer im 5. Zug ein Handgemenge vom Zaun brach (1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. f3 Lg7 4. e4 e5 5. d5 Sxe4), am Ende aber dennoch den Kürzeren zog – 1:0/62.

Werder Bremen – SC Bann 5:3
1 McShane – Laznicka 0:1, 2 Efimenko – Stocek remis, 3 Areshchenko – Cvek remis, 4 Hracek – Jirovsky remis, 5 Pelletier – Slobodjan remis, 6 Babula – Bunzmann 1:0, 7 Nybäck – Feller 1:0, 8 Knaak – Baerwinkel +- (kampflos)

Endtabelle 1. Schach-Bundesliga (nach 15 Runden):
Pl.VereinMPBP
1. OSC Baden-Baden2786
2. Hamburger SK2367
3. SG Köln Porz2174
4. Bindlach-Aktionär1966,5
5. SC Remagen1861,5
6. SG Aljechin Solingen1765
7. TV Tegernsee1762
8. SC Kreuzberg1559,5
9. SV Wattenscheid1555,5
10. SC Eppingen1554,5
11. Werder Bremen1462
12. SF Katernberg1461
13. SV Mülheim Nord1058
14. SF Berlin947,5
15. SC Bann549
16. SK König Tegel131

Claus Dieter Meyer

2007-04-14