Jugendarbeit im Verein: Umfang der Aufsichtspflicht bei auswärtigen Übernachtungen

Das OLG Hamm hat sich in seinem Urteil v. 21.12.95, Az.: 6 U 78/95 ausführlich mit der Thematik des Umfangs der Aufsichtspflicht während eines auswärtigen Lehrgangs/Turniers beschäftigt. Das Urteil ist bemerkenswert und enthält für die Praxis eine Reihe von grundsätzlichen – sehr wichtigen – Ausführungen. Dieses Urteil sollte daher in allen Vereinen und Verbänden zum Gegenstand der Unterrichtung der Mitarbeiter bzw. zum Inhalt der Ausbildung gemacht werden.

Der Sachverhalt

Eine Untergliederung des beklagten Verbandes veranstaltete ein Schachturnier über sechs Tage. Teilnehmer war u. a. die 15 Jahre alte Klägerin. Alle Teilnehmer waren während der Dauer des Turniers in einem Internat untergebracht. In der letzten Nacht wurde von mehreren der jugendlichen Teilnehmer, darunter auch der Klägerin, in erheblichem Umfang Alkohol getrunken. Im Verlauf der Nacht kletterte die Klägerin in alkoholisiertem Zustand aus dem Fenster ihres Zimmers auf ein davor befindliches Vordach und stürzte 5,80 m tief auf einen gepflasterten Platz. Dabei erlitt sie Brüche an Kiefer, Zähnen und Handgelenk.

Ansprüche gegen den Verband

Die Klägerin hat den Beklagten für ihre Schäden verantwortlich gemacht mit der Begründung, dieser habe entgegen der in der Einladung ausgesprochenen Zusage nicht im erforderlichen Maße für eine Betreuung und Beaufsichtigung der jugendlichen Turnierteilnehmer gesorgt. Die Klägerin machte DM 4.051,80 Schadenersatz nebst Zinsen sowie 30.000 DM Schmerzensgeld geltend und verlangte die Feststellung, daß der Verein Ihr zum Ersatz des künftigen Schadens verpflichtet sei.

Die Entscheidung des Gerichts

In der Berufungsinstanz kam das OLG zu dem Ergebnis, daß der Beklagte der Klägerin gem. §§ 823, 831, 847 BGB zum Ersatz des Schadens verpflichtet ist, weil die von ihm zur Durchführung und Organisation des Schachturniers eingesetzten Mitglieder die im Internat untergebrachten Jugendlichen nicht ausreichend beaufsichtigt und betreut haben und sie durch diese Unterlassung mitverursacht haben, daß die Klägerin sich im Alkoholrausch selbst geschädigt hat. Der Klägerin fällt dabei ein Mitverschulden gem. §§ 254, 828 Abs. 2 BGB von 50 % zur Last.

Wesentliche Aussagen und Grundsätze

Die Aussagen in der Begründung des Gerichts lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Vereine und Verbände, die Veranstaltungen und Turniere etc. durchführen, sind verpflichtet, minderjährige Teilnehmer - vor allem bei Übernachtungen - nach den jeweiligen Umständen und der Eigenart der Jugendlichen zu betreuen und sie vor Schäden zu schützen (§ 832 BGB).
  • Der Umfang der gebotenen Aufsicht über Minderjährige bestimmt sich nach deren Alter, Eigenart und Charakter, nach der Vorhersehbarkeit des schädigenden Verhaltens sowie danach, was den Aufsichtspflichtigen in ihren jeweiligen Verhältnissen zugemutet werden kann.
  • Die Grenze der erforderlichen und zumutbaren Maßnahmen richtet sich danach, was verständige Aufsichtspflichtige nach vernünftigen Anforderungen tun müssen, um Schädigungen des Minderjährigen oder Schädigungen Dritter durch den Minderjährigen abzuwenden.
  • Im konkreten Fall hatten die Betreuer das Internat um 23.00 Uhr verlassen, und die Jugendlichen waren auf sich allein gestellt. Eine ordnungsgemäße Betreuung hätte aber erfordert, daß ein Betreuer die Nacht über in der Unterkunft geblieben wäre.
  • Ein zu Beginn des Turniers ausgesprochenes Alkoholverbot reicht in diesem Fall nicht aus.
  • Gelegentliche Kontrollen während der Nacht sind so lange erforderlich, bis allgemeine Ruhe in der Unterkunft eingekehrt ist.

Quelle: Vereinsmanager, Juni 1997